Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Mark Twain hat einmal gesagt, man erkenne das Kulturbewusstsein eines Volkes daran, wie es mit seinen Toten umgeht. In früheren Artikeln über „Umfriedete Pfarrbezirke“ hatten wir damit die Bretagne schon einmal vorgestellt. Doch gab es früher auch Sitten der Totenverehrung, die uns heute barbarisch erscheinen mögen. Dass eine bedeutende Persönlichkeit der Historie – „Promi“ würde man heute sagen – an mehreren Stellen gleichzeitig begraben wurde, ist in der Geschichte vielfach praktiziert worden. Schon die alten Ägypter haben die Körper (mumifiziert) und Eingeweide (in speziellen Amphoren, sog. Kanopen) prominenter Bürger getrennt beerdigt. In der portugiesischen Geschichte gibt es z.B. den Fall des berühmten Seefahrers Vasco da Gama. Der war als portugiesischer Vizekönig Indiens zunächst in der Kathedrale von Kochi im Bundesstaat Kerala – wo man sein Schein-Grab heute noch besuchen kann - begraben worden. Sein Sohn ließ ihn dann in das Kloster seiner portugiesischen Heimat Vidigueira überführen und von dort wurden 1880 die Gebeine Vasco da Gamas in ein Ehrengrab im Hieronymus-Kloster in Belém, dem berühmten Seefahrer-Vorort der Hauptstadt Lissabon unweit von denen seiner Dienstherren, der Könige Manuel I. und Johannes III., zur nunmehr letzten Ruhe gebettet. Auch Sachsen hat einen an drei verschiedenen Orten bestatteten einstigen Herrscher. Kein Geringerer als August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen ist es. Nach seinem Tod wurde sein Körper feierlich in der Königskrypta des Krakauer Doms zur letzten Ruhe gebettet, seine Eingeweide jedoch in einer Urne in der Warschauer Kapuzinerkirche. Sein Herz schließlich ruht – auf besonderen Wunsch des Kurfürsten – in einer silbernen Kapsel in der Stiftergruft der Katholischen Hofkirche in Dresden. Einer hält jedoch den Rekord mehrerer Begräbnisstätten, und das ist ein Bretone!

Wer die unweit von St. Malo am Fluss Rance gelegene, hübsche mittelalterliche und von beeindruckender Stadtmauer umgebene Stadt Dinan besucht, der trifft auf dem Marktplatz unweigerlich auf das beeindruckende Standbild eines Reiters, den die Bretonen auch über 600 Jahre nach seinem Tod immer noch als Nationalhelden verehren. Im 14. Jahrhundert brachte es der hier in der Nähe geborene Bertrand du Guesclin (1314 – 1380) zu hohem Ansehen und militärischen Ehren.

Bereits als Jüngling hervorragend ausgebildet, ein Mann von großer Körperkraft und schon früh kampferprobt, nahm er sehr aktiv am Hundertjährigen Krieg Englands gegen Frankreich teil. Er leitete erfolgreich die Verteidigung der bretonischen Stadt Rennes gegen englische Truppen und stand auf der Seite von Karl von Blois, der die französischen Interessen vertrat. Gleichzeitig war die erste Phase des seit 1337 mit dem Einmarsch englischer Truppen geführten Krieges als „Bretonischer Erbfolgekrieg“ ein Machtkampf zwischen den Nachkommen aus zwei Ehen des verstorbenen Arthur II., Herzog der Bretagne. Beide Ehen mit Damen aus einflussreichen Adelshäusern brachten Söhne hervor, die das Anrecht auf die Bretagne gelten machten und dabei Bündnisse mit Engländern und Franzosen schlossen. Der in Turnieren und auf Kriegsschauplätzen ungeschlagene Ritter du Guesclin aus Dinan war Oberbefehlshaber der Franzosen in mehreren Regionen, der den gegnerischen Truppen und dem für englische Interessen um den französischen Thron kämpfenden König Karl dem Bösen von Navarra eine vernichtende Niederlage beibrachte und dafür in den hohen französischen Adelsstand erhoben wurde. Eingesetzt im Krieg der beiden rivalisierenden Thronprätendenten Heinrich und Peter von Kastilien und Leon als Anführer der französischen Verbündeten Heinrichs besiegte Bertrand du Guesclin schließlich nach vorherigen Niederlagen Heinrichs Feinde endgültig und gewann damit einen Verbündeten im Hundertjährigen Krieg gegen England. Dafür wurde er „Konnetabel“ (Stallmeister) von Frankreich, was etwa einer Marschallswürde und nach dem König dem Oberbefehlshaber der (berittenen) Armee entsprach. Mit großer militärischer Macht und Kompetenz ausgestattet, kämpfte er erfolgreich gegen England und nahm Frankreichs Feinden zahlreiche Burgen und Städte ab.

Doch 1380 starb Bertrand du Guesclin völlig unerwartet bei einer Belagerung, vielleicht an einem Hitzschlag. Sein Wunsch war ein Grab in seiner Heimatstadt Dinan. Doch aus marketingtechnischen Gründen wurde das – für heutige Gemüter ungewohnte – „getrennte Bestatten“ nach dem mittelalterlichen Verfahren des „Mos teutonicus“ angewendet. Was bedeutete dies - „auf deutsche Art“? Während der Kreuzzüge war eine Art Konservierung der Leiche (mit Salz haltbarmachen oder die Knochen vom Fleisch freikochen und die Gebeine überführen) aus klimatisch-praktischen Gründen üblich geworden. Auch für du Guesclin wurde dieses Verfahren angewandt: Zunächst wurden seine Eingeweide – ohne Herz – entnommen und in der auf einem alten Vulkankegel gelegenen Wallfahrts-Kathedrale von Le-Puy-en-Velay nahe der Vulkanlandschaft der Auvergne bestattet. In Clermont-Ferrand kochte man dann sein Fleisch von den Knochen und bestattete es in der Franziskanerkirche.
Die Knochen wurden mit staatsmännischem Zeremoniell in die königliche Grablege der bei Paris gelegenen Kathedrale Saint-Denis, einer der Gründungskirchen der Gotik, verbracht. Nur das Herz des verehrten Ritters fand – seinem Wunsch entsprechend – den Weg zurück in seinen Geburtsort Dinan. Zunächst in der Dominikanerkirche beerdigt, wechselte das Herz noch einmal seine Ruhestätte und erhielt schließlich ein Gedenkgrab in der Basilika Saint-Sauveur in Dinan. Dem „Ritter ohne Furcht und Tadel“, der als Idealbild des wehrhaften, tugendhaften und loyalen Ritters galt, obwohl immer wieder seine körperliche Hässlichkeit betont wurde, ließ seine Heimatstadt 1902 ein prächtiges Bronzestandbild aufstellen, gestaltet von Emmanuel Frémiet, einem der bedeutendsten französischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts.