Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Über dreieinhalb Meter Schulterhöhe kann er erreichen und mehrere Tonnen schwer werden, der Elefant, das größte noch lebende Landtier. Da erlebt man schon eine Überraschung, wenn man in Nantes, der größten Stadt der historischen Bretagne (heute gehört sie allerdings zur neugeschaffenen Region Pays de la Loire) auf die Insel gegenüber dem Quai de la Fosse gelangt, da wo es früher die großen Loire-Werften gab. 12 Meter Schulterhöhe hat der Elefant hier, der gemächlich, aber unter Getöse und mit Dampfausstoß und Wasserspritzern durchs Gelände stapft. Wie soll man sich das erklären? Zudem ist der Koloss etwa 40 Tonnen schwer und er trägt eine Plattform, von der begeisterte Menschen herabsehen… „Le Grand Éléphant“ ist ein Kunstobjekt, eine sich bewegende, aufregende Maschine, ein Besuchermagnet und zugleich erstes Objekt und Teil einer ganz außergewöhnlichen Ausstellung im alten Hafengebiet von Nantes, in der die Ideen und Zukunftsvisionen eines Leonardo da Vinci oder eines Jules Verne Realität geworden scheinen…

Überhaupt Jules Verne! Wer weiß schon, dass der in Nantes gebürtige Bretone sich mit Sicherheit seine Begeisterung für technischen Fortschritt und viele Anregungen für Visionen späterer Zukunftsromane in der Welt der auslaufenden Schiffe, stampfenden Dampfmaschinen und geschäftigen Bautätigkeit des Werft- und Hafenviertels seiner Geburtsstadt holte? Die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte der Mann, der als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur gilt, in Nantes – das war prägend für seine Phantasie und seine Abenteuervorstellungen.

Als in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts immer mehr Maschinenfabriken und Werften im Nanteser Hafenviertel schließen mussten, nahm ein wohl einzigartiges Projekt Gestalt an: Mechanische Großobjekte, die die Ideenwelt und die Visionen vor allem von Jules Verne, aber auch vom Renaissance-Genie Leonardo da Vinci mit den Errungenschaften und dem Erscheinungsbild des viktorianischen Zeitalters und den Erfolgen des gründerzeitlichen Maschinenbaues verknüpften, wurden hier gefertigt. Die modernen Künstler François Delarozière und Pierre Orefice haben sie im Retro-Look und in Anlehnung an Vernes‘sche Ideen entworfen. Seither sind die in den 1987 aus der aktiven industriellen Produktion ausgeschiedenen und dem künstlerisch-touristischen Projekt der Performance-Gruppe „La Machine“ zugordneten Werkstätten gefertigten Maschinen aus der „imaginären Welt“ von Verne und da Vinci zu Kultobjekten des derzeit populären „Steampunk“-Kunstgenres und zu einem überaus erfolgreichen Besuchermagneten geworden.

Nicht nur im „großen Elefanten“ können Besucher sich über das Ausstellungsgelände transportieren lassen. In den zu Ausstellungräumen und Mechanikwerkstätten umfunktionierten ehemaligen Maschinenhallen warten eine mechanische Raupe, auf der man Platz nehmen kann, ein riesiger Reiher, der mit vier Personen unter dem Hallendach entlangschwebt, oder eine gewaltige mechanische Ameise auf „Passagiere“. Weitere Tiere und Phantasiefiguren sind im Bau und versprechen immer wieder neues Staunen und etwas Neues auch beim nächsten Besuch.

Eine weitere Attraktion, die weltweit ihresgleichen sucht, ist das Ergebnis des 2007 gestarteten Marine-Projektes : ein ganzer Maschinenzoo zum Thema Meer, bestückt mit Objekten aus der Welt des Kapitäns Nemo, des Haupthelden aus dem 1870 erschienen Roman „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne. Seit 2012 kann man auf dem dreistöckigen, 25 Meter hohen „Carrousel des Mondes Marins“ (Karussell der Meereswelten) seine Runden drehen, auf dem 35 verschiedene Meerestiere und Fantasiewesen eine bizarre Kulisse bilden und den Besucher in eine tatsächlich utopische Welt versetzen.

Heute ist das einst von vielen belächelte Projekt „Les Machines de l’Île“ zu einem der erfolgreichsten touristischen Anziehungspunkte in Nantes, der Hauptstadt der alten Bretagne, geworden: https://www.lesmachines-nantes.fr/de/

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Les Machines de l’Île: Der Grand Éléphant, der mechanische Reiher in der Galerie des Machines und das Carrousel des Mondes Marins. Alle Fotos: Dr. Michael Krause (2014). Weitere Fotos auf: https://www.lesmachines-nantes.fr/de/