Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Den Einbruch der Hunnen nach Europa und den Zerfall Westroms nach der Reichsteilung des Römischen Reiches Ende des 4. Jh. n.Chr. einerseits und die Migrationsbewegung vor allem germanischer Volksstämme in und nach Mittel-, West- und Südeuropa andererseits bezeichnet man als für die mittelalterliche Geschichte unseres Kontinents entscheidende sogenannte Völkerwanderung. An anderer Stelle (http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/314-gruendung-und-aufstieg-der-bretagne-i ) war schon geklärt worden, wie bereits christianisierte Siedler keltischer Herkunft aus Wales und Cornwall sowie angrenzenden Gebieten, etwa dem heutigen Devon, die Region besiedelten, die man heute „Bretagne“ nennt, wie sie also die Küstengebiete Westfrankreichs, insbesondere die weit in den Atlantik ragenden Halbinseln, die Regionen um Ärmelkanal und das Land „Aremorica“ während der Zeit der Völkerwanderung in Besitz nahmen. Wie überall in Europa bildeten sich auch im frisch besiedelten Bretonen-Gebiet feudale Fürstentümer und Gefolgschafts-Systeme heraus. Vgl. auch http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/themenblaetter-zur-bretagne/316-themenblatt-bretonische-geschichte

Die etwa 600 n.Chr. zu einem unabhängigen Königreich vereinigten bretonischen Teilstaaten wurden kurz vor 800 n.Chr. kurzzeitig von Karl dem Großen unterworfen, als der Großstamm der Franken, zeitweise als eine Art Mischvolk aus westgermanischen und gallorömischen Völkern agierend, die politische Nachfolge des Weströmischen Reiches in Zentraleuropa antrat. Nach raschem Ende der fränkischen Herrschaft folgte eine kurze Blütezeit, die bis heute mit dem Namen des erst von der Nachwelt zum ersten bretonischen König ernannten Nominoë (bret. Nevenoe, ca. 800-851) verbunden bleibt, bis die Bretonen Anfang des 11. Jh. von den Wikingern überrannt wurden, die ihr vom westfränkischen König in der Normandie zugestandenes Gebiet erheblich erweiterten und die Bretagne de facto besetzten. Viele führende bretonische Adeligen flohen über den Ärmelkanal und suchten ausgerechnet in den angelsächsischen Königreichen Zuflucht, die sich während und nach der Völkerwanderung aus den eroberten Keltengebieten und nach Arrangement mit den verbliebenen Keltenstämmen gebildet hatten.

Doch schon wenige Jahrzehnte darauf – 939 n.Chr. – kehrte der in Wessex bzw. im neu entstandenen Königreich England im Exil lebende bretonische Fürst Alain Schiefbart (lat. Alanus Barbatorta, von den Franzosen Alain Barbe-Torte und von den Bretonen Alan Varvek genannt, 910-952) in seine Heimat zurück. Der Angehörige des Herrscherhauses Nantes-Cornouaille agierte mit der Unterstützung des angelsächsischen Königs – ausgerechnet dem Herrscher des Volkes, dem die Bretonen den Impuls zur Umsiedelung fünfhundert Jahre zuvor anlasteten – und gewann in sehr kurzer Zeit die Bretagne zurück. Er konnte die Normannen zumindest aus einem Teil des bretonischen Gebietes – z.B. aus Nantes – vertreiben und wurde zum Herzog der Bretagne mit Unterstützung Englands. Seine Machtergreifung und die Vergrößerung des zugehörigen Territoriums auf etwa die Größe der heutigen Region Bretagne sowie die gewonnene Unabhängigkeit von Normannen und Franzosen machten ihn zum Begründer des hochmittelalterlichen Herzogtums Bretagne.

Doch schon kurz darauf schuf ein Adeliger aus dem mit dem Haus Nantes-Cournouaille rivalisierenden Geschlecht der Grafen von Rennes um 990 n.Chr. vollendete Tatsachen, beseitigte die Rivalen und installierte die Herrschaft seines eigenen Hauses bis etwa zur normannischen Eroberung Englands. Etwa um diese Zeit – berühmt ist das Jahr der Entscheidungsschlacht im südenglischen Hastings 1066 – vereinigten sich durch Heirat der Nachkommen die wichtigsten bretonischen Adels-Geschlechter von Nantes-Cornouaille und Rennes. Sie wurden zu den Beherrschern der Bretagne und sicherten deren Autonomie und weitgehend ihre Unabhängigkeit, indem sie einerseits Bündnisse mit dem normannisch dominierten England schlossen, sich andererseits durch Lehnseid den französischen Herrschern aus dem Haus der Kapetinger als Partner präsentierten.

Das wiederum machte die in Personalunion über England, die Normandie und Teile Frankreichs herrschenden englischen Könige aufmerksam, die ja auch ihre Interessen im Festlandteil ihrer Besitzungen wahren wollten. Vorwände fürs Eingreifen gab es genug, denn Familienstreitigkeiten in der herrschenden bretonischen Dynastie – Enterbungen unehelicher Kinder und Einsetzungen kleiner Kinder als Herrscher, die dann durch einflussreiche Familienmitglieder außerhalb der Thronfolge durch Regenden vertreten werden mussten – bereiteten den Boden vor für ein Eingreifen der englisch-französischen Herrscher in die Regierung des Landes, das zwischen ihnen und dem starken rein französischen Königreich lag.

In dieser Zeit kam es in England mit dem Tod des Normannenkönigs Heinrich I. (1135) zu einem Dynastienwechsel, denn Heinrichs einziger ehelicher Sohn William Aetheling hatte schon 1120 einen tödlichen Unfall erlitten. Infolgedessen übernahm – nicht ohne Intrigen und schnelle Reaktion – Stephan von Blois, der zwar nicht in direkter Thronfolge stand, aber seine Anrechte von seiner Abstammung von Wilhelm dem Eroberer ableitete, die Macht im Königreich. Das löste in England einen Bürgerkrieg aus, der von 1135 bis 1154 andauerte. Stephan von Blois besetzte London und kämpfte gegen die Ansprüche der Tochter Heinrichs I., Konstanze, die Gottfried aus dem französischen Grafengeschlecht der Anjou geheiratet hatte und sehr von Frankreich aus unterstützt wurde. Gottfrieds Geschlechtername „Plantagenet“ stammt übrigens, anders als bei vielen nach ihrer Stammburg oder ihren Erblanden benannten Adeligen, von seiner Helmzier, einer Ginsterpflanze (lat. Planta genista woraus Plantagenet entstand).

Nach langen Kämpfen und dem Tod seines eigenen Sohnes schloss Stephan von Blois einen Friedensvertrag mit der rivalisierenden Königin und ihrem Gatten Gottfried I. Plantagenet und adoptierte deren Sohn, der als Heinrich II. als erster Herrscher der neuentstandenen Dynastie Plantagenet die Macht in England übernahm und dank seiner Heirat mit Eleonore von Aquitanien auch das westliche Frankreich beherrschte.

In der Bretagne schwelte in derselben Zeit ebenfalls ein Thronstreit, auch weil der dortige Herrscher Conan III., Herzog von Bretagne und Graf von Nantes, seinen Sohn in der Erbfolge überging und seinen Enkel einsetzte. Dieser übernahm 1155 als Conan IV. die bretonische Herzogwürde, konnte seine Macht in der Bretagne aber nur mit englischer Waffenhilfe halten. Das gab Heinrich II., dem neuen König von England, extremen Einfluss im Nachbarland. Er zwang den anfangs unterstützten bretonischen Herzog schließlich zur Abdankung und setzte seinen eigenen Sohn Gottfried II. als Nachfolger ein, den er mit Conans Tochter, Prinzessin Konstanze, verheiratete.

Mit diesem neuen Herzog der Bretagne aus dem Hause Plantagenet begann ein neues Kapitel in der bretonischen Geschichte, das nach einer erfolglosen Revolte Gottfrieds gegen seinen Vater sein vorläufiges Ende darin fand, dass Gottfried sich an den Hof des mit ihm befreundeten französischen Königs Philipp II. begab, der ihn seinerseits mit dem Amt eines Seneschalls von Frankreich beehrte. Über die Frage der Vormundschaft über ihre Kinder geriet Gottfrieds Witwe Konstanze mit ihrem Schwager, dem englischen König Richard Löwenherz, in Streit, in dessen Verlauf sie ihre Kinder dem französischen König Philipp II. überantwortete, der fortan als Garant für die Unabhängigkeit der Bretagne gegenüber den Plantagenets auftrat, zumal es ihm gelang, den Plantagenets den größten Teil ihrer Territorien auf französischem Boden zu entreißen und die französische Krone damit mächtiger zu machen als jeder ihrer Vasallen in Frankreich. Doch damit aber hatte die wechselvolle Konflikt- und Bündnislage der Bretagne als unabhängiges Herzogtum zwischen der französischen und englischen Krone noch lange kein Ende gefunden. (Fortsetzung folgt)

 

Abb.: Ungefähre Grenzen des bretonischen Herzogtums- bzw. Königreichs 845 - 867.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bretagne#mediaviewer/File:Carte_royaume_Bretagne_de.svg //

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Abb.: Die Lehen der englischen Könige (rot) in Frankreich auf dem Höhepunkt ihrer territorialen Ausbreitung (um 1173).
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AFrankreich_1154-DE.svgm //

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