Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Dass die Bretonen und ihr Land unter die „keltischen Nationen“, von denen es derzeit sechs gibt, gezählt werden, hatten wir schon an anderer Stelle geklärt (vgl. http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/314-gruendung-und-aufstieg-der-bretagne-i ). Ein verbindendes Element aller Keltennationen neben ihren – oft archaisch anmutenden – Sprachen, ihrer Musik und ihren ähnlichen Traditionen ist der Sagen- und Legendenschatz, aus dem die Nachfahren der alten Völker bis heute schöpfen. Keine der Überlieferungen kommt an König Artus vorbei, jenem furchtlosen Gründer der Tafelrunde aus gleichberechtigten tugendhaften Rittern, der mit seinem Unbesiegbarkeit verleihenden Schwert Excalibur in der Hand die damals schon christlichen Kelten gegen „barbarische“ Eindringlinge anführte. Artus ist eine verklärte Lichtgestalt des Mittelalters, Inspiration für fast alle europäischen Herrscher vergangener Jahrhunderte und aus der Literaturgeschichte des Abendlandes nicht wegzudenken. Zwar ist er als Heldenfigur erst seit dem Hochmittelalter namentlich belegt und erst nach seiner Darstellung durch den britischen Mönch und Geschichtsschreiber Geoffrey von Monmouth (12. Jh.) in dessen „Geschichte der Könige Britanniens“ (Historia Regum Britanniae) wird er auch von anderen Schreibern und Sängern erwähnt – von dem französischen Trobadour und Romancier Chrétien de Troyes etwa oder von den deutschen Minnesängern Wolfram von Eschenbach oder Hartmann von Aue. Doch fallen die Beschreibungen seiner Taten vielfach mit denen aus anderen Sagenkreisen, z.B. denen um den „Heiligen Gral“ oder um besonders tapfere Ritter-Helden wie Parcival, Tristan, Ivain oder Lancelot, zusammen. Aber interessanterweise finden sich in jeder größeren keltischen Region – sei es in Südengland/Cornwall, in Schottland, Irland oder Wales – Schauplätze, an denen sich nach Erzählung und Glauben der Einheimischen die Heldentaten aus den Geschichten um Artus und die Ritter der Tafelrunde zugetragen haben – und natürlich gibt es solche auch in der Bretagne!

Das legendäre Land Brocéliande mit seinem Zauberwald, in dem alle die geheimnisvollen Orte der Artussage zu finden sind, sucht man allerdings direkt und unter seinem Sagen-Namen auf einer Karte der Bretagne vergeblich. Doch man findet im Herzen der Bretagne ihren ausgedehntesten Wald, den Forêt de Paimpont. Der Sage nach hat Merlins Geliebte Nimue, die auch als Herrin vom See oder Fee Viviane in der Sage auftritt und der Artus sein legendäres Schwert Excalibur verdankt, den Zauberer hier im Wald für immer in eine Weißdornhecke gebannt, nachdem er ihr die Ursprünge seiner Zauberkräfte offenbart hatte. Und in diesem Wald gibt es die „Geheimnisbrücke“, auf der die Fee ihre Liebe zu Merlin gestand und gleich darauf in einer Wolke verschwand, man findet aber auch das Grab des Zauberers Merlin, die wundertätigen Quellen sowie Reste der sagenhaften Artusburg Camelot oder der Geburtsorte der Fee Viviane und des Orts der Kindheit von Ritter Lancelot im größten Wald im Herzen der Bretagne, dem Forêt de Paimpont.

Hier widmet sich ein eigenes Fremdenverkehrsamt dem Areal, in dem die meisten Kultstätten aus der Artusgeschichte liegen. Zentraler Ort ist der Marktflecken Paimpont mit seiner interessanten alten Abtei und umgeben vom geheimnisvollen Wald mit stets etwas mystischer Atmosphäre. Einst fast 150 km² groß, ist er heute auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft – aber er ist immer noch Ziel zahlreicher Wanderer und anderer Reisender auf den Spuren der Geschichten um Artus, Merlin, die Ritter und auch die Feen der Sage.

Unweit vom Ort liegt ein (beinahe verwunschenes) Schloss: im Château de Comper, in der Realgeschichte im Besitz einiger der einflussreichsten Adelsfamilien des Landes, soll nicht nur die legendäre Fee Viviane geboren worden sein, auch Lancelot, der wohl bekannteste Ritter von Artus‘ Tafelrunde soll hier – in Vivianes auf dem Grund des Sees liegender Kristallburg – gelebt haben und erzogen worden sein. Heute beherbergt das Schloss ein Artus-Zentrum, in dem man Ausstellungen besuchen, an Abenteuerführungen teilnehmen, „legendären Spielen und Turnieren“ beiwohnen oder sich im Buchladen und Souvenirshop auf Legendenspuren begeben kann.

Nicht weit davon liegt das schlichte „Merlin-Grab“, durch Schieferplatten und eine Stechpalme markiert, und gleich daneben die „Fontaine de Jouvence“, der Jungbrunnen, eine Quelle, die natürlich als wundertätig gilt. Ähnliche Eigenschaften hat auch die „Fontaine de Barenton“, auf der anderen Seite der zentralen Ortschaft, westlich von Paimpont. Um sie zu erreichen, muss man den Zauberwald von Brocéliande schon zu Fuß durchstreifen – dann findet man auch den gleich daneben liegenden Stein „Perron de Merlin“ – Merlins Treppe. Beide zusammen sollen höchst gefährlich sein, denn wenn man es schafft, etwas von dem Quellwasser auf den Felsen zu schütten, kann man – wie einst Merlin – das Wetter beeinflussen und Stürme auslösen. Jetzt ist man auch weiteren Höhepunkten des Merlin- bzw. Artuslandes recht nahe: z.B. der von Wasser umgebenen Burg von Trécesson, die ihr mittelalterliches Erscheinungsbild (sie stammt aus dem 14. Jh.) bewahren konnte.

Auch die bedeutsamsten und geheimnisvollen Orte der Region Brocéliande sind nun zum Greifen nahe: man durchquert das lange „Val sans retour“, das Tal ohne Wiederkehr. Einst soll es die Fee Morgan Le Fay wegen der Untreue eines ihrer Ritter mit einem Fluch belegt haben: nur jemand, der sich niemals der Untreue oder eines anderen Vergehens schuldig gemacht hatte, konnte es je wieder verlassen. Hunderte Seelen auch namhafter Ritter blieben so hier gefangen, bis es Lancelot gelungen sein soll, den Zauber zu brechen. Noch heute zeugen Namen wie „Miroir aux fées“ – Feenspiegel – für einen der Teiche im Tal oder „Rocher des faux amants“ – „Felsen der untreuen Liebhaber“ von der sagenhaften Bedeutung des Ortes. Lohnendes Ziel für den Wanderer und sichtbares Zeichen für einst vorhandenen und nun gebrochenen Zauber ist der nach einem Brand 1990 vom Künstler François Davin vergoldete kahle Baum in der Nähe des Feenspiegel-Sees. Wer den „Arbre d’Or“, den Goldbaum, erreicht, hat den Zauberwald schon fast durchquert. In seiner Nähe liegt die hübsche Kirche von Tréhorenteuc aus dem 17. Jh.. In ihrer Ausstattung – Mosaiken, Gemälden und gestalteten Fenstern – finden sich zahlreiche Motive und Anspielungen aus den Geschichten um Artus, den Heiligen Gral und die Ritter-Sagen, aber auch ganz allgemein aus Quellen keltischer und christlicher Traditionen.

 

Sommerheft 2008 der Zeitschrift „Bretagne Magazine“. Foto: I. Kolboom. (Quelle: http://www.sachsen-bretagne.com/images/Dokumente_PDF/9.-GLAUBE--LEGENDEN--MYTHEN.pdf )

 

L'Arbre d'Or von François Davin (1991) im „Val sans retour“ (PaimpontIlle-et-Vilaine). Foto/Quelle: By Raphodon (Own work) via Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arbre_d’Or72.JPG

 

 

Tischplatte Artus‘ Tafelrunde, Great Hall, Winchester Castle in Winchester, UK, Foto: Dr. Michael Krause (2016)