Bretonisches Kaleidoskop

Für diese neue Rubrik Bretonisches Kaleidoskop verfasst unser Dresdner Mitglied Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter bei Eberhardt Travel GmbH, in unregelmäßigen Abständen kurze Texte über von ihm ausgewählte bretonische Sehenswürdigkeiten oder Themen. Redaktion Ingo Kolboom.

 

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

In Frankreich, inklusive seiner Überseegebiete, gibt es derzeit zehn nationale und 53 regionale Naturparks. Davon liegen in der Verwaltungsregion Bretagne zwei regionale Parks. Das ist zum einen der erst 2014 eingerichtete Naturpark am Golf von Morbihan im  Departement Morbihan. Er umfasst circa 64.000 Hektar auf dem Festland mit 33 Gemeinden und zählt über 166.000 Einwohner. Dazu kommen 17.000 Hektar Seegebiet. Das ist zum anderen der zweitälteste aller französischen regionalen Naturparks, der schon 1969 gegründete Naturpark Armorique. Er umfasst eine Fläche von 112.000 Hektar, davon liegt mehr als die Hälfte im Meeresgebiet. Insgesamt gehören dazu derzeit 44 Gemeinden mit ihren Gebieten, vier weitere Gemeinden am Eingang des Naturparks sind assoziiert. Insgesamt leben mehr als 65.000 Einwohner auf diesem Gebiet. Zu erwähnen sei noch der regionale Naturpark La Brière im altbretonischen Departement Maine-et-Loire nördlich von Saint-Nazaire, zwischen den Mündungen der Flüsse Vilaine et Loire. Es handelt sich hier um ein einzigartiges Feuchtgebiet von mehr als 54.000 Hektar mit Salzgärten, Kanälen und Süßwassersümpfen. Auch wenn dieses Gebiet formal zur Region Pays de la Loire gehört, gelten hier in bestimmten Bereichen noch alte bretonische Gewohnheitsrechte, und der Park wird auch von der Offiziellen Tourismusagentur der Region Bretagne beworben. An dieser Stelle wollen wir uns auf den Naturpark Armorique beschränken und davon als besonderen kulturhistorischen Teil auf ein altes Kloster am Meer, das der Historiker Arthur Le Moyne de la Borderie (1827-1901) einmal als das Herz der Bretagne („Cœur de la Bretagne“) ehrte.

Der Parc naturel régional d’Armorique, im Bretonischen heißt er „Park an Arvorig“, liegt im westlichen Teil der Bretagne, im Departement Finistère, vorwiegend auf der Halbinsel Crozon südlich von Brest. Er erstreckt sich auch über einen Teil der Brester Atlantikbucht und der südlich von Brest gelegenen Bucht von Douarnenez – das ist übrigens die Bucht, in der die sagenhafte Stadt Ys gelegen haben soll (siehe dazu unseren früheren Artikel „Die Legende von Ys“, https://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/259-die-legende-von-ys/) – sowie über einen Teil der von Inseln und Klippen durchzogenen Iroise-See. Daher gehören dazu auch der malerische – wenngleich durch Gezeitenströmungen und schroffe Klippen und Inselchen recht gefährliche - Archipel von Molène sowie die größere Insel Ouessant.

Der Archipel um die von nur etwa 130 Bretonen bewohnte Île-Molène – mit knapp einem Quadratkilometer die einzige bewohnte und bekannt durch ihre kulinarische Spezialität, eine über Algen geräucherte Wurst – weist auf fünf Inseln und auf Molène selbst eine Menge Reste von Steinzeitarchitektur auf, an der die ganze Bretagne so reich ist (siehe unseren Artikel „Alignements in der Bretagne“, https://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/234-alignements-in-der-bretagne/). Reste von Dolmen (Hünengräbern), Steinreihen (Alignements) Kammergräbern und Grabhügeln zeugen von einer vieltausendjährigen Geschichte dieser Gegend. Zusammen mit der benachbarten, wesentlich größeren Insel Ouessant, die auch zum Armorika-Park gehört, bildet das Seegebiet schon seit 1988 ein von der UNESCO ausgewiesenes Biosphärenreservat

Die Insel Ouessant bildet die westliche Begrenzung des Naturparks. Als „Insel des Weltenendes“ wird sie apostrophiert, weil sie – von den Überseegebieten abgesehen – der westlichste Punkt des französisch-bretonischen Territoriums ist. Viele Künstler setzten der rauen und wilden Natur der kleinen, von weniger als tausend Bretonen bewohnten Insel ein Denkmal. Sie ist auch der westliche französische Abschluss des Ärmelkanals bei seinem Übergang in den Atlantik. Ihr historisch bemerkenswerter Leuchtturm „Phare du Stiff“ von 1700 war der erste französische Leuchtturm am Ärmelkanal und wurde von keinem Geringeren als dem berühmten, UNESCO-geehrten Festungsbaumeister Vauban entworfen.

Ein anderer größerer Teil des Naturparks erstreckt sich auf dem Festland von der Crozon-Halbinsel aus Richtung Osten bis an die Grenze des Departement Côtes d’Armor. Dieses Gebiet umfasst eine beeindruckende wilde Heide- und Felslandschaft, darunter das Gebirgsmassiv Monts-d’Arrée mit dem höchsten Gipfel der Bretagne, dem 385 Meter hohen Roc‘h Ruz. Südlich davon ist der 330 Meter hohe, erloschene Vulkan Menez Hom zu sehen, ebenfalls einer der höchsten Punkte der Bretagne und Schauplatz vieler keltischer Legenden.

Das Prädikat, im Zentrum von Legenden zu stehen, kann auch eine besondere Sehenswürdigkeit auf dem Gebiet des Parks von sich behaupten: die alte Abtei von Landévennec, gelegen auf einer Landzunge im Norden der Halbinsel Crozon, heute nur noch als eindrucksvolle Ruine erhalten. Sie steht zwar nicht im Fokus der touristischen Aufmerksamkeit, wiewohl sie höchst interessant ist. Sie liegt direkt am Meer, am Rand des gleichnamigen Ortes und des sagenumwobenen und landschaftlich herausragenden Waldes von Landévennec. Sie ist eine der ältesten Abteien des Landes, der Legende nach gegründet durch den bis heute sehr verehrten Heiligen Gwennolé, einen irischen Mönch, der die Ansiedlung der von Wales und Cornwall einströmenden Kelten in die Bretagne begleitete.

Zunächst nach irischen Mönchsregeln geführt, nahm die Abtei im 9. Jahrhundert die Benediktinerregel an, bevor sie dann, 913, durch die Normannen zerstört wurde. Beim Wiederaufbau, zwischen 1050 und 1100, errichtete man die Kirche bereits im romanischen Stil. Später stand sie im Schutze der Grafen von Cornouaille bis sie 1793, in den Wirren der Französischen Revolution, verlassen wurde und 1810 zur Ruine wurde.

1953 wurde nahe der alten Gründungsstelle der Grundstein für ein neues Benediktinerkloster gelegt, 1958 wurde es eingeweiht und ist bis heute aktiv. Nach der 1500-Jahrfeier wurde dort ein attraktives Museum, das Musée de l‘Ancienne abbaye Saint-Guénolé de Landévennec, eröffnet. Seit 2017 im Rang eines „Musée de France“ umfasst es die Ruinen der alten Abtei und präsentiert deren Bedeutung und kulturelle Rolle für die ganze Bretagne. Der heilige Gwennolé, dessen Grabstelle im Kloster inmitten von Gebäuderesten des 9. Jahrhunderts bis heute sichtbar ist und nach dem auch das neue Kloster benannt ist, brachte die raue Schönheit des Ortes und der Umgebung auf den Punkt, als er die Gegend, in der er sein Kloster errichten wollte, als „herrliches, dem Sonnenaufgang zugewandtes Paradies“ beschrieb.

 

Quelle: http://www.pnr-armorique.fr/

 

Der Parc naturel régional d’Armorique

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Périmètre %20_PNR_d%27Armorique.png?uselang=de

 

Die Ruinen der ehemaligen Abbaye Saint-Guénolé de Landévennec 

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ancienne-Abbaye-de-Landévennec-by-Rundvald.jpg

 

Die 53 regionalen Naturparks in Frankreich:

http://www.parcs-naturels-regionaux.fr/

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_regionalen_Naturparks_in_Frankreich/

Parc naturel régional d’Armorique:
http://www.pnr-armorique.fr/

Parc naturel régional du Golfe du Morbihan:
http://www.parc-golfe-morbihan.bzh/

Parc naturel régional de Brière:
http://www.parc-naturel-briere.com/
http://www.tourismebretagne.com/decouvrir/nature/la-grande-briere/

Die zehn nationalen Naturparks:
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalparks_von_Frankreich // http://www.parcsnationaux.fr/fr

 

Das Museum der alten Abtei von Landévenne:

https://www.musee-abbaye-landevennec.fr/
http://www.abbaye-landevennec.fr/le-musée.html

 

Das neue Benediktinerkloster Saint-Guénolé:
http://www.abbaye-landevennec.fr/

 

 

Zahlen: Stand Februar 2019

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Mark Twain hat einmal gesagt, man erkenne das Kulturbewusstsein eines Volkes daran, wie es mit seinen Toten umgeht. In früheren Artikeln über „Umfriedete Pfarrbezirke“ hatten wir damit die Bretagne schon einmal vorgestellt. Doch gab es früher auch Sitten der Totenverehrung, die uns heute barbarisch erscheinen mögen. Dass eine bedeutende Persönlichkeit der Historie – „Promi“ würde man heute sagen – an mehreren Stellen gleichzeitig begraben wurde, ist in der Geschichte vielfach praktiziert worden. Schon die alten Ägypter haben die Körper (mumifiziert) und Eingeweide (in speziellen Amphoren, sog. Kanopen) prominenter Bürger getrennt beerdigt. In der portugiesischen Geschichte gibt es z.B. den Fall des berühmten Seefahrers Vasco da Gama. Der war als portugiesischer Vizekönig Indiens zunächst in der Kathedrale von Kochi im Bundesstaat Kerala – wo man sein Schein-Grab heute noch besuchen kann - begraben worden. Sein Sohn ließ ihn dann in das Kloster seiner portugiesischen Heimat Vidigueira überführen und von dort wurden 1880 die Gebeine Vasco da Gamas in ein Ehrengrab im Hieronymus-Kloster in Belém, dem berühmten Seefahrer-Vorort der Hauptstadt Lissabon unweit von denen seiner Dienstherren, der Könige Manuel I. und Johannes III., zur nunmehr letzten Ruhe gebettet. Auch Sachsen hat einen an drei verschiedenen Orten bestatteten einstigen Herrscher. Kein Geringerer als August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen ist es. Nach seinem Tod wurde sein Körper feierlich in der Königskrypta des Krakauer Doms zur letzten Ruhe gebettet, seine Eingeweide jedoch in einer Urne in der Warschauer Kapuzinerkirche. Sein Herz schließlich ruht – auf besonderen Wunsch des Kurfürsten – in einer silbernen Kapsel in der Stiftergruft der Katholischen Hofkirche in Dresden. Einer hält jedoch den Rekord mehrerer Begräbnisstätten, und das ist ein Bretone!

Wer die unweit von St. Malo am Fluss Rance gelegene, hübsche mittelalterliche und von beeindruckender Stadtmauer umgebene Stadt Dinan besucht, der trifft auf dem Marktplatz unweigerlich auf das beeindruckende Standbild eines Reiters, den die Bretonen auch über 600 Jahre nach seinem Tod immer noch als Nationalhelden verehren. Im 14. Jahrhundert brachte es der hier in der Nähe geborene Bertrand du Guesclin (1314 – 1380) zu hohem Ansehen und militärischen Ehren.

Bereits als Jüngling hervorragend ausgebildet, ein Mann von großer Körperkraft und schon früh kampferprobt, nahm er sehr aktiv am Hundertjährigen Krieg Englands gegen Frankreich teil. Er leitete erfolgreich die Verteidigung der bretonischen Stadt Rennes gegen englische Truppen und stand auf der Seite von Karl von Blois, der die französischen Interessen vertrat. Gleichzeitig war die erste Phase des seit 1337 mit dem Einmarsch englischer Truppen geführten Krieges als „Bretonischer Erbfolgekrieg“ ein Machtkampf zwischen den Nachkommen aus zwei Ehen des verstorbenen Arthur II., Herzog der Bretagne. Beide Ehen mit Damen aus einflussreichen Adelshäusern brachten Söhne hervor, die das Anrecht auf die Bretagne gelten machten und dabei Bündnisse mit Engländern und Franzosen schlossen. Der in Turnieren und auf Kriegsschauplätzen ungeschlagene Ritter du Guesclin aus Dinan war Oberbefehlshaber der Franzosen in mehreren Regionen, der den gegnerischen Truppen und dem für englische Interessen um den französischen Thron kämpfenden König Karl dem Bösen von Navarra eine vernichtende Niederlage beibrachte und dafür in den hohen französischen Adelsstand erhoben wurde. Eingesetzt im Krieg der beiden rivalisierenden Thronprätendenten Heinrich und Peter von Kastilien und Leon als Anführer der französischen Verbündeten Heinrichs besiegte Bertrand du Guesclin schließlich nach vorherigen Niederlagen Heinrichs Feinde endgültig und gewann damit einen Verbündeten im Hundertjährigen Krieg gegen England. Dafür wurde er „Konnetabel“ (Stallmeister) von Frankreich, was etwa einer Marschallswürde und nach dem König dem Oberbefehlshaber der (berittenen) Armee entsprach. Mit großer militärischer Macht und Kompetenz ausgestattet, kämpfte er erfolgreich gegen England und nahm Frankreichs Feinden zahlreiche Burgen und Städte ab.

Doch 1380 starb Bertrand du Guesclin völlig unerwartet bei einer Belagerung, vielleicht an einem Hitzschlag. Sein Wunsch war ein Grab in seiner Heimatstadt Dinan. Doch aus marketingtechnischen Gründen wurde das – für heutige Gemüter ungewohnte – „getrennte Bestatten“ nach dem mittelalterlichen Verfahren des „Mos teutonicus“ angewendet. Was bedeutete dies - „auf deutsche Art“? Während der Kreuzzüge war eine Art Konservierung der Leiche (mit Salz haltbarmachen oder die Knochen vom Fleisch freikochen und die Gebeine überführen) aus klimatisch-praktischen Gründen üblich geworden. Auch für du Guesclin wurde dieses Verfahren angewandt: Zunächst wurden seine Eingeweide – ohne Herz – entnommen und in der auf einem alten Vulkankegel gelegenen Wallfahrts-Kathedrale von Le-Puy-en-Velay nahe der Vulkanlandschaft der Auvergne bestattet. In Clermont-Ferrand kochte man dann sein Fleisch von den Knochen und bestattete es in der Franziskanerkirche.
Die Knochen wurden mit staatsmännischem Zeremoniell in die königliche Grablege der bei Paris gelegenen Kathedrale Saint-Denis, einer der Gründungskirchen der Gotik, verbracht. Nur das Herz des verehrten Ritters fand – seinem Wunsch entsprechend – den Weg zurück in seinen Geburtsort Dinan. Zunächst in der Dominikanerkirche beerdigt, wechselte das Herz noch einmal seine Ruhestätte und erhielt schließlich ein Gedenkgrab in der Basilika Saint-Sauveur in Dinan. Dem „Ritter ohne Furcht und Tadel“, der als Idealbild des wehrhaften, tugendhaften und loyalen Ritters galt, obwohl immer wieder seine körperliche Hässlichkeit betont wurde, ließ seine Heimatstadt 1902 ein prächtiges Bronzestandbild aufstellen, gestaltet von Emmanuel Frémiet, einem der bedeutendsten französischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts.