Dresden, den 16. Juli 2016

Liebe Mitglieder und Freunde der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft,  
liebe Frankreichfreunde,
chères compagnes et chers compagnons franco-allemands,

Friedrich Nietzsche nannte das sonnengeflutete Nizza in einem Brief an seine Schwester eine „Verzückungsspitze der Welt“ und bedauerte, dass er Nizzas Farben für sie nicht pflücken konnte. Fritz J. Raddatz zitiert diese Anekdote in seinem Büchlein „Nizza – mon amour“ (2010). Seine eigene Liebeserklärung an diese Stadt wirkt umso glaubwürdiger, als er sich nicht scheut, “mit allerlei gängigen Klischees” geistreich aufzuräumen, auch mit dem „Klischee von der zauberhaft schönen Promenade des Anglais“. An diesem 14. Juli, dem Nationalfeiertag der Französischen Republik, wurde diese Strandpromenade entlang der Baie des Anges in ein „bain de sang“ verwandelt. Die letzten Zeilen der ersten Strophe der Marseillaise - „ils viennent jusque dans vos bras égorger vos fils, vos compagnes“ - wurden ein erneutes Mal, in einem einzigen Augenblick, in sinnlos grausame Aktualität verwandelt. Aus der Bucht der Engel wurde eine Bucht der Tränen.
 
Wir trauern mit den Angehörigen der vielen Opfer. Wir gedenken der Opfer und der Verletzten.
Unsere Hommage à la France ist ein Pakt mit der Liebe und mit dem Schmerz.
 
Lassen Sie mich enden und trösten mit den Zeilen der großen alten Dame der bretonischen Poesie, Odile Caradec, geboren 1925 in Brest.  
 
Entendre le monde
avoir derrière les yeux des visages, des mains
 
Les pelouses gorgées de pluie
les étoiles, la terre
on les serre contre son cœur
c’est le plus doux manteau du monde
un manteau ruisselant
                        scintillant
                                    sylphidique
Un diaphane, un fragile univers
car il peut basculer dans les ténèbres sourdes
à chaque
instant

 
 
Die Welt hören
Gesichter und Hände hinter den Augen haben
 
Die regenschweren Rasenflächen
die Sterne, die Erde
man drückt sie an sein Herz
sie sind der sanfteste Mantel der Welt
ein triefender
            funkelnder
                        elfenzarter Mantel
Ein durchsichtiges, zerbrechliches Weltall
es kann in die dumpfe Finsternis stürzen
jeden Augenblick

Quelle: Odile Caradec, En belle terre noire / In schöner schwarzer Erde. Traduction / Übersetzung Rüdiger Fischer. Éditions En Forêt /Verlag im Wald, Rimbach 2009, S. 118-119.  © Odile Caradec. – Merci Odile Caradec !

Prof. Dr. Dr. h.c. Ingo Kolboom
Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V. (www.sachsen-bretagne.de)
Ehrenpräsident des Literaturpreises “Hommage à la France” der Stiftung Brigitte Schubert-Oustry (www.hommage-a-la-france.de)