Das Regionale ist das Globale

Liebe Mitglieder und Freunde der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e. V.,
Liebe deutsch-französische Mitstreiter,
Chère amie, cher ami,

heute jährt sich erstmals der Anschlag islamistischer Terroristen am 7. Januar 2015 auf die Redaktion der satirischen Zeitschrift “Charlie Hebdo” in Paris. Es folgte am 9. Januar 2015 die Geiselnahme im jüdischen Supermarkt Hyper Cacher. Diesen Attentaten und anderen Folgeanschlägen fielen 17 Menschen zum Opfer. Eine berührende Ehrung der ermordeten Redaktionsmitglieder von “Charlie Hebdo” brachten damals am 22. Januar - es ist übrigens  der Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags von 1963 - der Künstler Roger Siffer und seine Kollegen vom elsässischen Cabaret La Choucrouterie, als sie das Lied “Die Gedanken sind frei” in vielen Sprachen sangen, auch in türkischen, jiddischen, arabischen und anderen Versionen (Bretonisch war m.W. nicht dabei). Diese historische Aufführung in Straßburg “Liberté de penser - Die Gedanken sind frei: les artistes alsaciens mobilisés pour Charlie” können Sie direkt hören/sehen auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?x-yt-cl=84503534&v=j54HIGk_AEI&x-yt-ts=1421914688 - Den Text der französischen Version finden Sie hier als PDF. Hommage aux victimes!

Glückliches neues Jahr!  Bonne année ! Bloavezh mat ! Bónn anaèy !  Strowe nowe lěto !

so heißt der Neujahrsgruß in unserer deutschen Sprache, auf Französisch, auf Bretonisch (Westbretagne), auf Gallo (Ostbretagne) und bei unseren obersorbischen Landsleuten in Sachsen.

Der Satz geht uns aus naheliegenden Gründen in diesen Tagen nicht leicht von der Zunge, der Wunsch schon. Und mit diesem Wunsch möchte ich meinen ersten Rundbrief in diesem neuen Jahr eröffnen. Wer übrigens mehr über die bretonische Wunschformel Bloavezh mat erfahren möchte, der delektiere sich an dem kleinen Film zum Thema in französischer Sprache unter der Seite: http://www.bigouden.tv/Actualites-2078-Bloavez_mad_ou_bloavezh_mat_.html

Wir unsererseits haben auch den Wunsch, dass die Regionalpartnerschaft zwischen dem Freistaat Sachsen und der Region Bretagne nach den irritierenden Momenten des letzten Jahres wieder in ein konstruktives Fahrwasser kommt. Im Internetauftritt der Sächsischen Staatsregierung figuriert die Bretagne wieder als offizielle französische Partnerregion (http://www.internationales.sachsen.de/17524.htm, Zugriff 07.01.16), womit die Nähe Sachsens zu Frankreich wieder deutlich herausgestellt wird. Und das ist gut so. Hatte es doch schon 1961, also zwei Jahre vor dem westdeutsch-französischen Elysée-Vertrag, in einer offiziösen Publikation des Leipziger Brockhaus Verlages über Frankreich geheißen: “Frankreich ist Deutschlands großer Nachbar. In dieser einfachen Tatsache liegt die Verpflichtung, dieses Land und seine Menschen kennenzulernen. (...) Allein die räumliche Nachbarschaft legt eine enge Zusammenarbeit nahe, für die sich die Besten beider Nationen stets eingesetzt haben.” (Frankreich, Hg. Gerhard Reinhold und Horst Münnich, Leipzig 1961, Einführung).  

Was der DDR, aus welchen Gründen auch immer, damals 1961 recht wahr, sollte dem Freistaat Sachsen, der dieselbe räumliche Entfernung zu Frankreich aufweist wie einst die DDR und der im Gegensatz zur damaligen DDR im Geltungsbereich des Elysée-Vertrags vom 22. Januar 1963 liegt, auf den sich übrigens explizit das sächsisch-bretonische Kooperationsabkommen von 1995 bezieht, erst recht billig sein. Auf jeden Fall ist nun wieder ein Zustand hergestellt, der auch die Raison d’être unserer Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft sichert. Schauen wir nun also nach vorn und freuen uns auf eine gedeihliche Zusammenarbeit – auch mit der Sächsischen Staatsregierung.   

Apropos Élysée-Vertrag! In Erinnerung an den von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatspräsident Charles de Gaulle unterzeichneten Freundschaftsvertrag haben beide Regierungen 2004 den 22. Januar zum “Deutsch-Französischen Tag” erklärt, womit sie bewusst ein Signal an die jungen Generationen senden wollen. Der “Deutsch-Französische Tag” soll in allen deutschen und französischen Bildungseinrichtungen der Darstellung der bilateralen Beziehungen, der Werbung für die Partnersprache sowie der Information über Austausch- und Begegnungsprogramme und Möglichkeiten des Studiums und der Beschäftigung im Partnerland gewidmet werden. In diesem Sinne organisieren die Sächsisch-Bretonische Gesellschaft und das Europa-Haus Leipzig e.V. einen deutsch-französischen Abend am 27. Januar in Leipzig im Europa-Haus unter dem Titel “Blickwechsel: ein Franzose in Sachsen, eine Deutsche in der Bretagne”.

Mehr erfahren Sie in diesen Tagen auf unserer Internetseite www.sachsen-bretagne.de

 

 Chère amie, cher ami,

an diesem 1. Januar 2016 trat in Frankreich das „Gesetz zur territorialen Neugliederung“ in Kraft. Damit gibt es im französischen Mutterland statt der alten 22 Regionen nur noch 13 Regionen. Unter Beibehaltung der Départements sind folgende Regionen zusammengelegt worden:
 
- Poitou-Charentes, Limousin und Aquitaine
- Nord-Pas-de-Calais und Picardie
- Champagne-Ardenne, Alsace und Lorraine
- Auvergne und Rhône-Alpes
- Bourgogne und Franche-Comté
- Languedoc-Roussillon et Midi-Pyrénées
- Haute-Normandie et Basse-Normandie

Unberührt von der Neugliederung blieben die Regionen in Übersee sowie folgende fünf Regionen in Kontinentalfrankreich:  
- Bretagne
- Corse
- Île-de-France
- Centre (neuer Name: Centre-Val-de-Loire)
- Pays de la Loire 
- Provence-Alpes-Côte d’Azur.  

Damit gehört unsere Bretagne zu den Regionen, deren deutscher Regionalpartner keine irritierende Veränderung ihrer jeweiligen Zielregion erfahren müssen. Für Sachsen ändert sich also gar nichts. Im Gegenteil, es kann nur noch besser werden. Wie heißt es in einer weltlichen Kantate von Johann Sebastian Bach? “Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen”.  Den Text verfasste übrigens der Leipziger Magister Johann Christoph Clauder.
 
Schon vor Inkrafttreten der Reform hatten, wie Sie wissen, am 6. und 13. Dezember in den genannten neuen bzw. alten Regionen die élections régionales stattgefunden. Es waren die ersten Wahlen in Frankreich seit den Terroranschlägen vom 13. November in Paris mit 130 Toten, die letzten vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2017 und die ersten im Rahmen der neu zugeschnittenen Regionen! Der Erdrutsch des Front National, der im ersten Wahlgang zur stärksten Partei in Frankreich aufstieg und in sechs der 13  Regionen an der Spitze lag, beherrscht seitdem die Debatte über die politische Kultur in Frankreich. Nur mit Mühe konnte im zweiten Wahlgang dank zusammengelegter Listen und Verzichterklärungen verhindert werden, dass der Front National trotz eines Rekordergebnisses von 27,1 Prozent auch nur eine der Regionen erobern konnte. Aber: “Die Freude darüber, dass der Front National keine Region gewinnen konnte, dauert nicht lange an”, hieß es in der FAZ unter der Titelzeile “Ein Land in Katerstimmung” (15.12.2015, S. 2).

Hier ist nicht der Ort für eine Wahlanalyse – das können Sie besser in einschlägigen Fachpublikationen nachlesen. Aber wenn Sie tiefere, gesellschaftliche Gründe für den Aufstieg des Front National verstehen wollen, dann verweise ich auf zwei gut lesbare Bücher in französischer Sprache, die schon 2014 die tektonischen Verschiebungen in der französischen Gesellschaft aufzeigten und vor den Folgen warnten. Das sind die beiden Titel:
Christoph Guilluy: La France périphérique. Comment on a sacrifié les classes populaires. Flammarion 2014, 185 Seiten (http://www.herodote.net/La_France_peripherique-bibliographie-538.php)
Florence Aubenas: En France. Éditions de l’Oliver 2014, 238 Seiten (http://www.babelio.com/livres/Aubenas-En-France/648678).

Einen informativen und graphischen Überblick über die regionalen Wahlergebnisse vermittelt Ihnen das Internetmagazin www.francetvinfo.fr (“Actualités en temps réels et info en direct”), das ich auch als allgemeine Informationsquelle aus Frankreich empfehlen kann. Die Wahlergebnisse finden Sie unter der Adresse:
http://www.francetvinfo.fr/elections/resultats/ - und wenn Sie wollen, komplettieren Sie das mit der Seite: http://election-regionale.linternaute.com/

Auch wenn es kein Trost ist, aber unsere Partnerregion Bretagne gehört zu den ganz wenigen Regionen in Frankreich, in denen der Front national mit 18 Prozent schon im ersten Wahlgang die schwächsten Ergebnisse einfuhr.  Im zweiten Wahlgang erreichte die Liste Union de la Gauche mit ihrem Spitzenkandidaten, dem Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, 51,41 Prozent aller Stimmen, die konservative Liste Union de la Droite mit Marc Le Fur 29,72 Prozent und der Front national 18,87 Prozent (http://www.francetvinfo.fr/elections/resultats/bretagne/). Damit gehört die Bretagne zu den fünf der 13 Regionen im französischen Kernland, in denen die Sozialisten und ihre Verbündeten die Regionalregierung stellen.

Auf der konstituierenden Sitzung der Assemblée des bretonischen Regionalrates wurde Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drain erneut zum Präsidenten des Conseil Régional gewählt (http://www.bretagne.bzh/jcms/TF071112_5041/fr/le-conseil-regional). Unter den 15 neuen Vize-Präsidenten ist die aus Teheran stammende, seit 30 Jahren in Brest lebende Forough Salami für Europa und Internationale Beziehungen verantwortlich (http://www.bretagne.bzh/jcms/prod_311070/fr/les-nouveaux-vice-presidents-de-la-region-bretagne). Ihr obliegen damit auch die bretonischen Regionalpartnerschaften in Europa, u.a. mit dem Freistaat Sachsen und der polnischen Woiwodschaft Wielkopolskie (Großpolen), und in der Welt (http://www.bretagne.bzh/jcms/c_13544/fr/cooperation-internationale-et-reseaux).

In diesem Zusammenhang empfehle ich die Lektüre des vorbildlich geführten Internetauftritts des bretonischen Regionalrates: http://www.bretagne.bzh/. Er ist in folgenden Sprachen gestaltet: Französisch, Bretonisch, Englisch, Deutsch, Spanisch und Polnisch. Auch unsere Internetseite, die der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft, ist nicht zu verachten, wenngleich sie in hoher materieller und logistischer Bescheidenheit und nur in deutscher Sprache geführt werden kann. Lesenwert ist immer wieder das von Studienreiseleiter Dr. Michael Krause geführte “Bretonische Kaleidoskop”.  Sein jüngster, 21., Beitrag gilt einer der bekanntesten bretonischen Wallfahrtskirchen in der Bretagne, der Basilika von Le Folgoët.  “Er war ein Narr, dieser Salaün: so will es zumindest die Legende, die den Namen des Ortes Le Folgoët als ‘Wald des Narren’ beschreibt und gleich noch mit erklärt, warum dieser kleine Ort mit der Basilique Notre-Dame du Folgoët eine der prächtigsten und vielleicht ungewöhnlichsten Kirchen der Bretagne besitzt ...” Wollen Sie mehr wissen? Dann lesen Sie weiter unter: http://www.sachsen-bretagne.de/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/291-le-folgoet-wallfahrt-zu-einem-narren

Liebe deutsch-französische und sächsisch-bretonische Weggefährten,

Staatspräsident Hollande sagte in seiner Neujahrsansprache: “2015 war ein Jahr des Leidens und des Widerstands, machen wir also aus 2016 ein Jahr der Tapferkeit und der Hoffnung. In diesem Sinne übermittle ich Ihnen von tiefstem Herzen meine besten Wünsche für Sie, Ihre Angehörigen, Ihre Familie, denn Sie sind Frankreich, ganz Frankreich.” Diesen Wünschen schließen wir uns gerne an und hoffen unsererseits, dass 2016 auch für Sie und Ihre Lieben ein Jahr der Tapferkeit und Hoffnung wird – aber auch ein Jahr der Freude.  

Nous attendrons sans crier
la montée des étoiles
Wir werden ohne zu schreien
das Steigen der Sterne erwarten

Nous nous étendrons dans l’herbe
Tout habillés d’air
Wir werden uns, in Luft gekleidet
niederlegen ins Gras

Nous ne toucherons à rien
de peur de rayer l’instant fragile
Wir werden nichts berühren
Um den zarten Augenblick nicht auszulöschen

Tous sera dehors
ouvert come une vaste plaine.  (...)
Draußen wird alles offen sein
wie eine weite Ebene. (...)

Marilyse Leroux, bretonische Dichterin, geb. 1955. Übertragung ins Deutsche von Rüdiger Fischer. © Verlag im Wald /Éditions En Forêt 2010
http://www.recoursaupoeme.fr/poètes/marilyse-leroux                  


Herzliche Grüße / Bien cordialement / Gwellañ gourc´hemennoù / Božemje

Ihr
Prof. Ingo Kolboom
Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V.