SBG-Rundbrief vom 9. November 2013 aus aktuellem Anlass zu zwei historischen Daten


"Es gibt keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung am Leben."
Albert Camus (07.11.1913-04.01.1960)


Liebe Mitglieder und Freunde der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V.,
Chère amie et cher ami de la France et des relations franco-allemandes,

des heutigen 9. Novembers 2013 sollte auch unsere Sächsisch-Bretonische Gesellschaft e.V. gedenken. Ohne den glücklichen Moment des Mauerfalls vor 24 Jahren gäbe es auch keine Regionalpartnerschaften zwischen französischen Regionen und unseren neuen Bundesländern, die gleichzeitig mit der deutschen Einigung entstanden sind.

Doch heute denken wir in besonderer Weise auch an die Pogromnacht vor 75 Jahren, vom 9. auf den 10. November 1938. Ich selbst gehöre noch einer Generation an, der man zwar die "Gnade der späten Geburt" nachsagt, die aber das Schicksal ihrer Täter-Opfer-Elterngeneration wohl ihr Leben lang als nie verheilende Wunde mit sich tragen wird ...  

Das auf einen Angehörigen der deutschen Botschaft in Paris von dem Exilpolen Herschel Grünspan verübte Attentat hatte NS-Propagandaminister Goebbels am 9. November 1938 zum Anlass genommen, SA und Gestapo auf die in Deutschland noch lebenden jüdischen Mitbürger zu hetzen. An diesem Tag, in dieser Nacht wurden circa 1.400 Synagogen zerstört, etwa 1.300 Menschen fanden den Tod, ungefähr 30.000 Menschen wurden in Konzentrationslager deportiert. An Schaulustigen fehlte es nicht. Auch nicht an Publikum bei öffentlichen Versteigerungen von geplündertem jüdischen Eigentum.

Auch in Sachsen wurden Synagogen niedergebrannt, wurden  jüdische Geschäfte verwüstet, jüdische Mitbürger misshandelt, verhaftet und ermordet. Nachdem 1866, mit dem Beitritt des Königreichs Sachsen zum Norddeutschen Bund, Juden als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt worden waren, hatte sich die Zahl der jüdischen Einwohner von einst 3.000 durch Zuzug aus Osteuropa in den 1920er Jahren auf 23.000 erhöht. Es gab acht zugelassene israelitische Gemeinden, die größte in Leipzig mit 13.000 Juden (www.juden-in-sachsen.de).

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennen die großen Synagogen in Dresden, Leipzig, Chemnitz und Plauen. Einzig die Görlitzer Synagoge übersteht die Nacht, hier löscht die Feuerwehr den Brand, weil offenbar ein daneben wohnender hoher NSDAP-Funktionär um sein Haus bangt. In Zwickau und Zittau werden jüdische Friedhöfe geschändet, in Annaberg und Delitzsch jüdische Einrichtungen zerstört. In Bautzen werden am Vormittag des 10. November die männlichen Juden verhaftet und sieben Stunden lang durch die Stadt getrieben. Man hängt ihnen Schilder mit der Aufschrift "Jude" um, zwingt sie Kniebeugen zu machen und "Juda verrecke" zu rufen. Vom Vorhaben, sie in die Spree zu stürzen, lässt man allerdings ab. 600 sächsische Juden werden in das KZ Buchenwald und KZ Sachsenhausen deportiert; die meisten kehren nie zurück.   

Das Erschreckende an jener Pogromnacht für uns Nachgeborene ist auch die oft aktive Anteilnahme der Bevölkerung, was aus den uns erhaltenen Foto- und Textdokumenten ersichtlich wird. Dass die am 9. und 10. November 1938 unter Anteilnahme der Bevölkerung erfolgten öffentlichen Demütigungen nicht nur von Juden sondern auch von anderen Bürgern, die "aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen" wurden, so gar nichts Neues waren, sondern seit 1933 zum deutschen Alltag gehörten, zeigen in schockierender Weise die Foto-Text-Bände "Vor aller Augen. Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz" von Klaus Hesse und Philipp Springer (Klartext Verlag, Essen 2002), 216 Seiten) und "Jüdischer Alltag in Deutschland 1933-1945" von Günther Bernd Ginzel (Fotografierte Zeitgeschichte, Droste Verlag, Düsseldorf 1993, 252 Seiten). Die darin abgedruckten Fotos waren auch für mich eine schockierende Enthüllung.

Erschreckend ist aber auch die Gleichgültigkeit, mit der im Ausland auf die seit 1933 täglich erfolgten Verfolgungen, Verhaftungen und öffentlichen Demütigungen geschaut wurde. Was die Berichterstattung über die Pogrome des 9. und 10. November 1938 in der französischen Presse am 11. November angeht, so stand sie im Schatten der Gedenkfeiern an den Waffenstillstand vom 11.11.1918. Die Schlagzeile auf der Titelseite von "Le Figaro" am 11.11.1938 lautete "Manifestations antisémites très violentes en Allemagne" (Sehr heftige antisemitische Demonstrationen in Deutschland) mit Fortsetzung auf Seite drei, wo neben einem Bericht über die Ereignisse in München ebenfalls unter großer Überschrift berichtet wurde, dass Goebbels "neue Dekrete" ankündige, mit denen er der Bevölkerung weitere Übergriffe gegen jüdische Einrichtungen untersagen wolle ...

Wenige Wochen später scheint über alles Gras gewachsen zu sein. Am 6. Dezember reist NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop mit großem Gefolge nach Paris, wird vom Staatspräsidenten Albert Lebrun und Premierminister Édouard Daladier empfangen und unterzeichnet mit seinem Amtskollegen Georges Bonnet eine deutsch-französische "Friedenserklärung", der die populäre Pariser Illustrierte "L'Illustration" am 17. Dezember eine mit vielen Glamourfotos ausgestattete Sonderausgabe widmet, worin eine neue Ära in den deutsch-französischen Beziehungen mit wohlwollendsten Worten gewürdigt wird. "La déclaration nouvelle marque donc une étape considérable dans l'évolution des rapports franco-allemands ... elle dénote un sérieux et sincère effort de rapprochement". (Seite 518) Vom NS-Terror kein Wort. Nur wenig später wird dieser dann auch das überraschte Frankreich überrollen, das seit dem deutschen (01.09.1939) und sowjetischen (17.09.1939) Überfall auf Polen in Schockstarre verharrte ...

Apropos 11. November. Dieser in Frankreich seit 1922 höchste nationale Gedenktag, mit dem an den Waffenstillstand vom 11. November 1918, an den Ersten Weltkrieg und "an alle für Frankreich Gestorbenen" (Dekret von 2012) erinnert wird, ist in dem gerade erschienenen November-Heft der deutsch-französischen Zeitschrift "ParisBerlin" Anlass eines sehr informativen Dossiers "Faut-il commémorer le 11 novembre - Über den Sinn des nationalen Gedenkens" (http://www.parisberlinmag.com/de/magazin/). In Frankreich wird mit den Feierlichkeiten zum 11. November das Hundertjährige Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs eingeleitet. Staatspräsident François Hollande wird dieses traditionelle Gedenken an den Ersten Weltkrieg diesmal mit der Erinnerung an die "Résistance intérieure", an die Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung verbinden und sich aus diesem Anlass in die kleine Gemeinde Oyonnax im Département Ain (an der Grenze zur Schweiz) begeben. Bekanntlich hatte das mit dem “Dritten Reich” kollaborierende Vichy-Regime das Gedenken an den 11. November 1918 verboten. Doch am 11. November 1943 zogen 200 Widerstandskämpfer mit der Trikolore an der Spitze des Zuges zum “monument aux morts” (Kriegerdenkmal) von Oyonnax und legten dort ein Gebinde in Form des Lothringerkreuzes (Symbol des Widerstandes) ab, worauf die Worte "Von den Siegern von morgen für die Sieger von 14-18" standen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich einmal mehr die Frage, der Henri de Bresson, Sandra Kössler und Sandra Schmidt im Heft "ParisBerlin" nachgehen, nämlich die Frage nach dem Sinn "nationaler Gedenkfeiern" anlässlich eines Krieges, der ganz Europa in ein Blutbad gezogen hat, und die Frage, wie die heutige, an sich selbst zweifelnde Europäische Union damit umgehen soll ...

Mit dieser Frage möchte ich meinen heutigen SBG-Brief aus aktuellem Anlass zu den historischen Daten 9. und 11. November schließen und wünsche Ihnen trotz der hier übermittelten Gedankenschwere noch ein lichtvolles Herbstwochenende, indem ich in dem obigen Zitat des vor 100 Jahren geborenen Albert Camus aus seinem Vorwort zu "Licht und Schatten" (L’envers et l’endroit) den Akzent auf die "Liebe zum Leben" legen möchte.

Und vergessen Sie nicht, immer wieder in unsere Internetseite “sachsen-bretagne.de” zu schauen. Demnächst eröffnen wir darin die neue Rubrik “Bretonisches Kaleidoskop”, in der Studienreiseleiter und Autor Dr. Michael Krause regelmäßig kleine Texte über die Bretagne veröffentlichen wird.  

Bis zum nächsten Mal, à la prochaine!

Bien cordialement / Herzliche Grüße / Gwellañ gourc´hemennoù
 
Ihr Ingo Kolboom
Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V.