an die Fraktionsmitglieder

des Stadtrats (CDU, SPD, PDS, FDP, Bündnis 90/Die Grünen, Bürgerfraktion)

der Landeshauptstadt Dresden

 

Schulnetzplan / Schließung der 79. Mittelschule in Dresden (Lockwitz) / Lage des Französischunterrichts

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 7. Dezember haben Sie über den neuen Schulnetzplan für Dresden zu beschließen. Sie haben sich mit den vielen Argumenten für und gegen einzelne Schulschließungen auseinandersetzen müssen, um am 7. Dezember eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen zu können. Dabei wird es auch um das Schicksal der 79. Mittelschule in Dresden (Lockwitz) gehen. Letztere ist der Grund meines Briefes an Sie, denn ich möchte Sie dringend ersuchen, die 79. Mittelschule aus dem Schließungsplan herauszunehmen.

Es liegt mir fern, mich leichtfertig in diese schwierige Entscheidung einmischen zu wollen. Doch als langjähriges Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrates, der als höchstes bilaterales Gremium die deutsche und die französische Regierung in Fragen der Kulturpolitik berät, sowie als Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft muß ich prüfen, ob und wie die geplanten Schulschließungen sich auf die Entwicklung des Französischunterrichts in Sachsen bzw. in Dresden auswirken. Denn Französisch ist nicht irgendeine Fremdsprache, sondern ist Partnersprache, die vor allem aber seit dem Elysee-Vertrag1963 der besonderen Fürsorge und Förderung durch die deutschen Regierungen unterliegt.

Diese im Deutsch-Französischen Elysee-Vertrag von 1963 verankerte „Hauptbemühung“ wurde seitdem in zahllosen offiziellen Abkommen und Erklärungen auf Bundes- und Länderebene bekräftigt. Nicht zuletzt in der Deutsch-Französischen Regierungserklärung zum 40. Jahrestag des Elysee-Vertrags im Jahre 2003 heißt es: „Das Erlernen der Partnersprache hat für uns nach wie vor Priorität.“ Noch im selben Jahr, im Oktober 2003, verständigten sich auf der Regierungskonferenz in Poitiers die französischen Regionen und deutschen Bundesländer darauf, das Erlernen der Partnersprache, die Mobilität von Jugendlichen und die Vernetzung von Kompetenzen zu stärken und die Zahl der Französisch bzw. Deutsch lernenden Schüler/innen in den nächsten zehn Jahren um 50 Prozent zu erhöhen.

Nun verfolgt der Deutsch-Französische Kulturrat mit großer Sorge die absteigende Tendenz der Französischschüler/innen in Deutschland. Dies gilt im übrigen auch für den Freistaat Sachsen. Nach den jüngsten Erhebungen (vgl. Sächsische Zeitunglernten im Schuljahr 2005/06 79 Prozent aller sächsischen Schüler Englisch. Französisch lernten 12,8 Prozent der Schüler, davon die meisten an Gymnasien. Aber: „Die Beliebtheit des Fachs ist rückläufig: Im Jahr zuvor lag die Quote der Französisch-Schüler noch bei 13,6 Prozent.“ vom 20.11.2006, S. 6) über die Lage der Fremdsprachen an sächsischen Schulen

Vor diesem Hintergrund stellt die 79. Mittelschule in Dresden-Lockwitz (Urnenstraße) eine erfreuliche Ausnahme in der Landschaft sächsischer bzw. Dresdner Mittelschulen dar. Derzeit lernen auf der 79. Mittelschule 80 Schüler (Klasse 7-10) Französisch als zweite Fremdsprache, das ist fast ein Drittel der Gesamtschülerzahl von ca. 250. Im Außenkreis von Dresden gibt es angrenzend die 121. und die 66. Mittelschule, die aber beide keine zweite Fremdsprache anbieten. Eine Schließung der 79. Mittelschule würde die Stellung von Französisch als zweite Fremdsprache im Dresdner Raum noch mehr schwächen.

Jede geschlossene Schule, die Französisch im Angebot hatte, hinterläßt eine große Lücke, weil der versetzte Französischlehrer an einer anderen Schule versuchen muß, die zweite Fremdsprache wieder neu einzuführen. Das gelingt nicht immer, weil es durchaus auch Schulleiter gibt, die der Meinung sind, daß ein Mittelschüler keine zweite Fremdsprache braucht. Auch die Eltern gilt es immer wieder von neuem von der Notwendigkeit einer zweiten Fremdsprache und von der besondere Wichtigkeit der deutsch-französischen Beziehungen zu überzeugen.

Es ist fürwahr nicht so, daß Absolventen von Mittelschulen keine zweite Fremdsprache benötigten. Und gerade Französisch hat hier seinen Platz. Mit keinem Land hat Deutschland so enge politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen wie mit Frankreich. Frankreich und Deutschland sind einander die größten Handels- und Wirtschaftspartner. Mit keinem Land gibt es derart enge unternehmerische und zivilgesellschaftliche Verflechtungen auf allen Ebenen wie mit Frankreich. Gerade im Bereich der mittleren technischen Berufe und im Dienstleitungssektor zeigt sich immer wieder die Notwendigkeit einer zweiten Fremdsprache wie Französisch.

Darüber hinaus ist nicht einzusehen, daß ausgerechnet sächsische bzw. Dresdner Mittelschüler von dem vom europäischen Ministerrat deklarierten Ziel, jeder junge Europäer solle zwei Fremdsprachen lernen, ausgenommen werden sollen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, eine „fremdsprachenferne Unterschicht“ heranzubilden. Wir leben nicht nur im Zeitalter grenzüberschreitender Globalisierung, sondern auch im Zeitalter bewußt gepflegter Partnerschaften: Deutschland hat eine Sonderbeziehung mit Frankreich; der Freistaat Sachsen unterhält seit 1995 eine offizielle Regionalpartnerschaft mit der französischen Region Bretagne; Dresden ist die Partnerstadt von Straßburg!

Was mit der Schließung der 79. Mittelschule an gewachsener Fremdsprachenkultur zerschlagen werden würde, wäre an keiner anderen Stelle so schnell wieder aufzubauen oder gar nachzuholen. Die Attraktivität des Französischstudiums zeigt sich nicht zuletzt an den steigenden Zahlen der Französischstudierenden an der TU Dresden (unser Institut für Romanistik zählt mehr als 1.500 Studierende, 1994 waren es noch 40!). Aber die Situation an unseren sächsischen Schulen hat dazu geführt, daß die von uns mit sächsischen Finanzmitteln ausgebildeten Französischlehrer derzeit kaum an unseren Schulen sondern an Schulen anderer Bundesländer eingestellt werden.

Vor diesem Hintergrund sehe ich die geplante Schließung der 79. Mittelschule in Dresden mit brennender Sorge um den Zustand des Französischunterrichts an Dresdner Mittelschulen. Ich halte die geplante Schließung für einen großen Fehler. Als langjähriges Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrats und als Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft bitte ich Sie daher, die 79. Mittelschule aus dem Schließungsplan herauszunehmen. Noch ist es nicht zu spät.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Dr. h.c. Ingo Kolboom

Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrates

Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft

”Auf dem Gebiet des Erziehungswesens richten sich die Bemühungen hauptsächlich auf folgende Punkte: a) Sprachunterricht: Die beiden Regierungen erkennen die wesentliche Bedeutung an, die der Kenntnis der Sprache des anderen in jedem der beiden Länder für die die deutsch-französische Zusammenarbeit zukommt. Zu diesem Zweck werden sie sich bemühen, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl der deutschen Schüler, die Französisch lernen, und die der französischen Schüler, die Deutsch lernen, zu erhöhen. Die Bundesregierung wird in Verbindung mit den Länderregierungen, die dafür zuständig sind, prüfen, wie es möglich ist, eine Regelung einzuführen, die es gestattet, dieses Ziel zu erreichen.” Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit, vom 22. Januar 1963.