Liebe Mitglieder und Freunde der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V.,
Chère amie, cher ami,

Die französische Ministerin für Kultur und Kommunikation, Aurélie Filippetti und die Bevollmächtigte für die deutsch-französischen Kulturbeziehungen, die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, vereinbarten am 8. September 2013 in Saarbrücken „eine intensivere kulturelle Zusammenarbeit der deutschen Länder und französischen Regionen.“ Eine solche Willenskundgebung ist nicht neu und sie wird auch nicht die letzte dieser Art gewesen sein. Wir Akteure im Alltag der deutsch-französischen Wirklichkeiten erfahren immer wieder von Gemeinsamen Erklärungen oder Vereinbarungen, nach denen Deutschland und Frankreich sich dazu "verpflichten", sich dafür "einzusetzen", dass etwas "intensiviert" wird - und jeder von uns Mittlern hat mit solchen Versprechungen seine eigenen Erfahrungen machen können. Immerhin haben solche Erklärungen oder Vereinbarungen den Vorteil, dass wir uns in unseren alltäglichen Bemühungen immer wieder auf etwas "Amtliches" berufen können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Was uns, im Osten Deutschlands, in diesem Fall aber stutzig macht, ist folgender Passus der o.g. Presseerklärung:

"Auch in der kulturellen Zusammenarbeit und kulturellen Bildung gibt es vielfältige Formen des Austausches und der Annäherung. Diese gilt es zu intensivieren, um nachhaltige Initiativen für die Zukunft anzustoßen. Gemäß der Erklärung des Deutsch-Französischen Ministerrates anlässlich des 50. Jahrestages des Elysée-Vertrags vom 22. Januar 2013, in der sich Deutschland und Frankreich dazu verpflichtet haben, sich dafür einzusetzen, dass die deutsch-französischen Grenzregionen noch näher zusammenrücken, schlagen die Bevollmächtigte Kramp-Karrenbauer und Ministerin Filippetti vor, innerhalb der Großregion – sozusagen als Pilotprojekt – neue Formen der Zusammenarbeit in der kulturellen Bildung zu erproben. Mit Blick auf die Vereinbarung zeigten sich beide zuversichtlich, dass die Großregion in diesem Bereich Maßstäbe in Europa setzen kann."

 

Wo bleiben in diesem Kommuniqué über eine „Vereinbarung für eine intensivere kulturelle Zusammenarbeit der deutschen Länder und französischen Regionen" jene Regionen und Bundesländer, die KEINE deutsch-französischen Grenzregionen sind? Selbst im Postkutschenzeitalter war der kulturelle Austausch kein Privileg von "Grenzregionen". Dies zeigt nicht zuletzt das in meinem letzten Rundbrief vom 6. September aufgeführte Beispiel des Königreichs Sachsen, dessen Neuphilologen deutschlandführend in der Zusammenarbeit mit französischen, englischen und amerikanischen Kollegen waren - und dies ganz ohne Telefon, Internet und Flugzeug. Und sie hatten zudem den tätigen Segen der Königin Carola von Sachsen, die französische Kriegsgefangene pflegte und sich zu ihrer Liebe zu Frankreich bekannte. Und heute? Wussten Sie, dass seit der Wiedervereinigung KEIN ostdeutscher Ministerpräsident (den Regierenden Bürgermeister von Berlin ausgenommen) das zwischen den Ländern rotierende Amt des Bevollmächtigten für die deutsch-französischen Kulturbeziehungen inne hatte? Diese Frage aktualisiere ich öffentlich seit Mitte der 1990er Jahre und erhielt immer wieder als Antwort hinter vorgehaltener Hand, dass die “Kollegen” an der deutsch-französischen Grenze dazu “besser aufgestellt” seien. Wie gut, dass sich unsere Kulturschaffenden wie schon im 19. Jahrhundert einen größeren Radius an Weltoffenheit haben bewahren können.

Wir würden uns daher freuen, wenn auch die im Osten Deutschlands sowie im Westen und Süden Frankreichs liegenden Länder und Regionen von einer solchen „Vereinbarung für eine intensivere kulturelle Zusammenarbeit der deutschen Länder und französischen Regionen“ stärker profitieren könnten. Und ich betone dies nicht zuletzt als langjähriges ostdeutsches Mitglied (1993 - 2009) im Deutsch-Französischen Kulturrat!

Einen bescheidenen Vorschlag hätte ich gleich, aus aktuellem Anlass, für die sächsisch-bretonische kulturelle Zusammenarbeit parat. Soeben feierte der deutsch-sorbische Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Kito Lorenc mit einem Querschnitt seiner Lyrik seinen Einzug in die “Bibliothek Suhrkamp” (Band Nummer 1476). Der 1938 geborene Kito Lorenc, ein Enkel des sorbischen Schriftstellers Jakub Lorenc-Zalěski, lebt heute als freier Schriftsteller in Wuischke (Wuježk), einem Dorf im Osten des sächsischen Landkreises Bautzen, das zum offiziellen Siedlungsgebiet der Sorben gehört. 2008 wurde ihm die Ehrendoktorwürde  der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften der TU Dresden verliehen, 2009 erhielt er den Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und 2012 den Petrarca-Preis der Hubert-Burda-Stiftung. Wie wäre es denn, wenn dieser in die “Bibliothek Suhrkamp” aufgenommene Gedichte-Band oder ein anderes Werk von Kito Lorenc eine französische Übersetzung erhielte und in einem Verlag in der Bretagne erschiene (z.B. Editions Ouest-France)? Oder angesichts der Renaissance der bretonischen Sprache gar mit bretonischen Nachdichtungen? Lorencs Freund Peter Handke hat dem Lyrik-Band ein einfühlsames Vorwort beigesteuert; seine Worte weisen jedem, der bretonische Lyrik liest, einen Zugang in die Seelenverwandtschaft beider literarischer Sphären, die der slawisch-deutschen Sorben und die der keltisch-französischen Bretonen -  beide geschichts- und naturverbundene Kinder ihrer Landschaft zum einen UND des Aneinanderstoßens in vielerlei Sinn zum anderen: 

 

“Kito Lorenc ist ein Kind, ein Kind im umfassenden Sinn, der Landschaft an den Ostgrenzen Deutschlands, der Lausitz, oder, wie sie sorbisch anders schön heißt, der Łužica (»ž« wie das »j« von Jeanne d’Arc), Kind der Łužica, so wie seine Poesie deren Kind ist, der Bäche, Felder, Hügelwälder, Moore und Heide dort zum einen, des Aneinanderstoßens – auch das in vielerlei Sinn – dreier Länder, eines deutschen, eines polnischen, eines tschechischen zum anderen.” (Peter Handke)

Apropos Bretagne und bretonische Sprache. Am 8. September, also gestern, gab es im Deutschlandfunk in der Sendereihe “Sonntagsspaziergang” (http://www.dradio.de/rss/podcast/sendungen/sonntagsspaziergang/index.xml) gleich zwei Sendungen über die Bretagne, die Sie sich beide als Podcast herunterladen können: Die Sendungen “Mehr als nur ein Boule-Spiel - Eine kulturhistorische Spurensuche in der Bretagne” (http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2013/09/08 dlf_20130908_1213_b74265f4.mp3) und “Am Strand von Saint-Marc-sur-Mer mit Monsieur Hulot - Andreas Stopp im Gespräch” (http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2013/09/08/dlf_20130908_1234_8b816a3e.mp3). Viel Spaß beim Reinhören!

Mit einem knappen Naturgedicht aus dem oben angezeigten, zum 75. Geburtstag in der “Bibliothek Suhrkamp” veröffentlichen Gedichtband von Kito Lorenc würde ich mich von Ihnen gerne verabschieden, jedoch dürfen wir das Gedicht aus Urheberrechtlichen Gründen hier nicht veröffentlichen. Schade.

Bien cordialement / Herzliche Grüße / Gwellañ gourc´hemennoù

Ihr Ingo Kolboom
Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V