Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Da hat sich Jean-Luc Bannalec, hinter dessen Pseudonym die Presse den Verleger, Literaturwissenschaftler und Herausgeber Jörg Bong vermutet, der seit 2013 Verlegerischer Geschäftsführer der S. Fischer Verlage ist, ja wirklich einen schönen Schauplatz für den dritten Fall seines stets etwas mürrischen Kommissar Dupin ausgesucht! Die Halbinsel Guérande, benannt nach dem wunderhübschen mittelalterlichen Städtchen, in dem – noch heute komplett von seiner Stadtmauer umgeben – die Zeit stehen geblieben scheint, ist von bezaubernder, wenngleich etwas mystisch und geheimnisvoll wirkender Schönheit. Zwar liegen Landschaft und Stadt heute in der Region Pays de la Loire und gehören verwaltungsmäßig zum Département Loire-Atlantique, historisch gesehen ist die Gegend aber eindeutig der „alten Bretagne“ zuzuordnen, auf die auch der Name – romanisiert aus dem bretonischen „Gwenrann“ – hindeutet.

Noch etwas anderes sagt der Name aus: „gwen“ bedeutet auf bretonisch „weiß“ – und das bezieht sich auf das „weiße Gold“ der Gegend, die seit der Frühzeit ihren Reichtum aus den ergiebigen Salzfeldern bezieht. Seit 1.400 Jahren gewinnen die Bretonen – mit bis heute nahezu unveränderter Technik und immer noch in Handarbeit – auf beeindruckend einfache Art höchst begehrtes Meersalz. Über ein ausgeklügeltes System von flachen Kanälen und miteinander verbundenen Wasserbecken läuft das salzhaltige Wasser des Atlantik in die „Salzgärten“ genannte, großflächige Saline. Dabei wird das Meerwasser mechanisch durch ein seit Jahrhunderten genau berechnetes und immer neu wiederhergestelltes minimales Gefälle portioniert, wobei mittels einfacher Brettchen und Abschottungen der Zufluss geregelt werden kann. Am Ende der Kanäle und Überläufe liegen die kleinen, flachen Verdunstungsbecken, in denen sich das Wasser durch Verdunstung in Sole verwandelt und schließlich dann das Meersalz auskristallisiert. Ein schmaler Kanal, der die Verbindung vom Ozean zur Bucht von Guérande und den Verdunstungsbecken herstellt, speist die knapp 900 Salinen, die zusammen eine Fläche von ungefähr 2.000 Hektar einnehmen. Bis heute befinden sie sich nach alter bretonischer Tradition im Privatbesitz von gut 30 salzproduzierenden Familien, den „Paludiers“, die die hochwertigen Salzprodukte mit eigenem Gütesiegel und durch ihre Genossenschaft verkaufen, zu der sie sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zusammengeschlossen hatten. Man kann die Salzgärten besichtigen, die Führungen gehen zumeist vom Salzmuseum Saille aus und zeigen anfangs auch die teilweise uralten Häuser der Salzbauern.

Die Arbeit ist immer noch mühselig, obwohl die Natur einen großen Teil übernimmt: Von Becken zu Becken wird die Salzkonzentration des Atlantikwassers in der prallen Sonne immer größer. An den heißen Tagen fällt das besonders hochwertige „Fleur de Sel“ als dünne weiße Schicht an der Wasseroberfläche aus und wird mit großen, rechenartigen Werkzeugen, „Las“ genannt, abgeschöpft. An der Oberfläche entsteht das begehrte „Fleur du Sel“, das man vor allem als Küchengewürz benutzt, beim Auskristallisieren am Boden der Saline – die fast ganz austrocknet – das grobere „Sel gris“, das man zwar auch noch für Speisen verwenden kann, das heute aber vor allem aber industriell bzw. für Kosmetik nutzt.

Beherrscht wird die Halbinsel am „Golf von Guérande“ von der gleichnamigen, hübschen ummauerten alten Stadt. In Guérande scheint die Zeit stehengeblieben. Schon im 9. Jahrhundert war der Ort zeitweilig Bischofssitz, aber größere Bedeutung bekam er erst als Festungsstadt im 14. Jahrhundert während des bretonischen Erbfolgekrieges. In dieser Zeit wurde der Ort befestigt und bis ins 15. Jahrhundert immer wieder verstärkt. Heute besitzt die Stadt noch ihren kompletten Mauerring, besetzt mit sechs Türmen und geöffnet durch vier Stadttore – bis heute die einzigen Zugänge zur Innenstadt. Zu Füßen der Festungsmauer findet alljährlich im August ein keltisches Festival statt, „Les Celtiques de Guérande“. Blickfang im Inneren der Stadt ist vor allem die Stiftskirche „Collégiale Saint-Aubin“, deren Gründung auf das 9. Jahrhundert, auf die Herrschaft des bretonischen Königs Salomon, und noch früher zurückweist. Ihre verzierte Westfassade und ihre Außenkanzel am Strebwerk sind eine Augenweide!

Geschrieben am 18. März 2015

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Salzgärten und Salz von Guérande. Fotos: Dr. Michael Krause.

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Stadtmauer von Guérande. Fotograf: Bernd Reichelt. Aufnahme: November 2005.
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Guerande_Stadtmauer.jpg

 

Der Kriminalroman zum Thema:
Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Gold. Kommissar Dupins dritter Fall.
KiWi-Paperback 2014, 352 Seiten, ISBN: 978-3-462-04622-9.

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Mor braz“ „großes Meer“ oder gar „großer Ozean“, so nennen die Bretonen den Atlantik. Da nimmt es nicht wunder, dass es dazu auch ein Gegenstück gibt: „mor bihan“, das „kleine Meer“. Gleichsam durch eine Laune der Natur entstanden – eine Bodensenkung aus dem Tertiär, dem letzten großen Erdzeitalter vor Beginn der Neuzeit mit dem Klimawandel, der die Eiszeit hervorbrachte –, gehört die Landschaft um besagte Meeresbucht zu den schönsten und vielleicht auch geheimnisvollsten, die die Bretagne zu bieten hat. Heute vor allem ein Paradies für Angler und Freizeitkapitäne, hat der Golf von Morbihan fast alles, was einen Urlaub in der Bretagne attraktiv macht: ein dichtes Nahverkehrsnetz per Boot, viele malerische Inseln, eine reiche Tier- und Pflanzenwelt – vor allem Fischreichtum und paradiesische Bedingungen für zahlreiche Wasservögel –, ungeahnte Kulturschätze und attraktive Dörfer und Städte direkt am Wasser bzw. in dessen unmittelbarer Umgebung.

Vannes, der alte Parlamentssitz der Bretagne, mit seiner hübschen, von Fachwerk geprägten Altstadt und das kaum weniger reizvolle Städtchen Auray mit Kirchen, altem Hafen und schönen Flaniergassen liegen in unmittelbarer Nähe des Golfs. Auch die Dörfer Carnac und Locmariaquer, bekannt durch ihre zahlreichen mystischen steinzeitlichen Hinterlassenschaften aus der geheimnisvollen Großsteinkultur, aber auch zahlreiche Inseln und die übrige „Golfküste“ mit ihren pittoresken Hafenorten machen die Umgebung des „Golfe du Morbihan“ zu einem Paradies für Unternehmungslustige.

Ihre Entstehung – erst in jüngerer Zeit der letzten paar tausend Jahre – verdankt die herrliche Landschaft wie schon erwähnt einer Bodensenkung und – erheblich später – dem gewaltigen Ansteigen des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit. Fast siebzig Meter, so haben Experten errechnet, ließen die ungeheuren Mengen an Schmelzwasser vor weniger als 10.000 Jahren die Ozeane weltweit ansteigen und verschlangen alle ufernahen Gebiete, ehemalige Flussläufe und Flachstrecken, die heute an den Meeresrändern liegen und weniger als 70 Meter tief sind. Die Landkarte Europas formte sich auf diese Weise endgültig und im Westen des heutigen Frankreich entstand dessen größte Halbinsel, die heutige Bretagne, und die vielleicht 20.000 Hektar große Bodensenke, die vorher schon durch Erosion zerrissen und in Hügel und Täler eingeteilt war, wurde überflutet. Während das steigende Meer von dieser Senke Besitz ergriff, ragten die Hügelchen und Berge – sofern hoch genug – immer noch ein Stück über die Wasserfläche hinaus und bilden bis heute die mehr als 60 Inseln und Eilande, die den Golf von Morbihan wie ein zerklüftetes Binnenmeer erscheinen lassen (Karte).

Dass der Golf jedoch keines ist und im Gegenteil fest zum Meer gehört, das lassen die Gezeiten erkennen, die an der bretonischen Küste mit großen Höhenunterschieden präsent sind und die man gerade hier im Golf sehr deutlich wahrnimmt. Dabei ist die Öffnung der großen, flachen Meeresbucht zum Ozean hin recht schmal – gerade mal einen Kilometer misst die Meerenge zwischen der Landspitze "Pointe de Kerpenhir" in Locmariaquer im Westen und der Landspitze „Pointe Port-Navalo“ in Arzon im Osten. Mit Geschwindigkeiten von bis zu vier Metern pro Sekunde strömt das Wasser bei Flut in den Golf und zieht bei Ebbe wieder hinaus. Das ist eine der stärksten Gezeitenströme in Europa und beileibe nicht ungefährlich, wodurch denn auch in den Gewässern des „Golfe du Morbihan“ wegen der Gezeiten-Unterschiede und des oft flachen Wassers viele Strömungen herrschen und für Ortsunkundige die Unterstützung durch Lotsen aus den Jachthäfen des Golfes angeboten wird. Die Besonderheiten dieses bretonischen Gewässers haben sogar die Konstruktion eigener, nur hier beheimateter Bootstypen hervorgerufen: der „Sinagot“, eine Art Miniatur-Schoner (Foto). Er entstand im kleinen Hafen Séné bei Vannes, und ein ganz ähnlicher Typ, der „Forban“, der sich nur in der Gestaltung des Bootsrumpfes vom Sinagot unterscheidet, entstammt den Bootswerften von Le Bono bei Auray.

Neben dem Besuch der Großsteinmonumente und einzigartigen historischen Stätten wie den Alignements von Carnac, den Menhiren von Locmariaquer oder dem ebenfalls dort gelegenen größten Einzel-Dolmen (Großsteingrab) Europas, dem „table des marchands“ (= “Tisch der Kaufleute“) ist das vielleicht Aufregendste, das man hier erleben kann, eine Bootsfahrt durch die Inselwelt des Golfes von Morbihan. Auch auf den Inseln der Meeresbucht kann man Großstein-Monumente bewundern: Auf der Insel Gavrinis erhebt sich ein gewaltiger, jungsteinzeitlicher Grabhügel mit Gang und steinerner Grabkammer, auf dem Inselchen Er Lanic finden sich zwei Steinkreise und rund um den Golf erheben sich auf den Landzungen Menhire und Steingräber. Eine Gezeitenmühle („Moulin de Pomper“) nutzte schon früher die gewaltigen Energien, die die Gezeiten in sich tragen. Zu den bewohnten Inseln, die unbedingt einen Besuch wert sind, gehören die Île d’Arz und natürlich die Île aux Moines, die größte der bewohnten Golfinseln; sie war einst Klosterbesitz und beeindruckt heute mit üppiger Vegetation und mondänen Villenorten – Feriensiedlungen vom Feinsten. Die Île aux Moines hat aber noch mehr zu bieten, denn neben den bescheidenen, aber sehr malerischen weißen Häusern der einheimischen Fischer stehen große Häuser aus Natursteinen, die sich erfolgreiche Reeder und Kapitäne hier einst haben erbauen lassen. Vielleicht wollten auch sie hier auf dieser Insel ins Träumen geraten, denn neben hübschen kleinen Kapellen und steinernen Brünnlein gibt es Strände, Felsformationen und kleine Kiefernwaldungen, bei denen schon die Namen Romantik pur ausstrahlen: Seufzerhain, Liebeswald, Hag der Reue … Man braucht schon einige Zeit, um die Besonderheiten dieser einerseits noch von Fischertraditionen und urwüchsiger Lebensweise getragenen, andererseits schon vom modernen Tourismus erschlossenen, aber von ihm noch nicht verfälschten Landschaft zu entdecken und zu verinnerlichen. Dann aber bräuchte man natürlich noch viel mehr Zeit, weil man ja eigentlich bleiben möchte …

Geschrieben am 18. März 2015

 

golf morbihan karte
golf morbihan

 

 

Karte vom Golfe du Morbihan. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Golfe_du_morbihan.png#/media/File:Golfe_du_morbihan.png. Autor: Luna04.

Foto: Ein Sinagot auf dem Golf du Morbihan (1993). Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sinagot2.jpg. Autor Luna04.

Weitere Fotos vom Golf du Morbihan: http://de.tourisme-vannes.com/entdecken-sie/der-golf-von-morbihan

 

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Von der Bretagne und ihrer kräftig-deftigen Küche aus einheimischen Zutaten war an anderer Stelle bereits die Rede (siehe unseren Artikel „Kulinarisches aus der Bretagne 1“). Die Galettes, Buchweizenpfannkuchen mit pikanter Füllung, wurden bereits vorgestellt und es wurde auch erwähnt, dass sie zusammen mit den warm gegessenen Kuchenbroten zu den Besonderheiten der bretonischen Küche gehören. Damit nicht genug, stellen auch würzige Eintöpfe, jeweils ähnlich zusammengestellt aber „innerbretonisch“ nochmals regional variierend, einen weiteren kulinarischen Höhepunkt des keltischen Landstriches in Westfrankreich dar. Die beiden aufregendsten Beispiele – und wohl auch die über die Landesgrenzen hinaus bekannten – sind die bretonische Fischsuppe und ein Fleisch-Gemüse-Eintopf, der es – im wahrsten Sinn des Wortes – „in sich hat“

Die Bezeichnung „bretonische Bouillabaisse“ die mitunter in den Reiseführern für den typischen Fischeintopf benutzt wird, sollte man besser nicht verwenden! Vielleicht ist diese Spezialität aus Frankreichs Süden von der Mittelmeerküste ja bekannter, aber was Zubereitung und Inhalt betrifft, stammt der typisch bretonische Fischsuppentopf, genannt „Cotriade“, von der Atlantikküste und ist durchaus deftiger. Ihr Name, so wird berichtet, stammt nicht, wie mitunter vermutet, vom französischen Wort „Côte“ für Küste, sondern vom bretonischen Wort „Koater“, was in etwa „Kochkessel“ bedeutet. Und natürlich hat diese „Kesselsuppe“ ihre eigene Geschichte: Wenn früher die Fischer von erfolgreichem Fang heimkehrten, wurde die Ausbeute vorsortiert: Die „edlen“ und besonders gut aussehenden Fische wurden für den Verkauf auf dem Markt beiseite getan, die weniger edlen oder nicht lecker aussehenden Exemplare waren für den eigenen Verzehr bestimmt. Damit war schon klar, dass der jeweiliger Fang auch die „Mischung“ der verwendeten Fischarten bestimmte.

Wie alle bretonischen Eintöpfe ist auch dieser recht gehaltvoll, aber es hat bei der Zubereitung der „Cotriade“ jeder Küstenabschnitt seine Besonderheiten und „Geheimrezepte“. So schwören beispielsweise die Fischer aus dem Bereich des Golfes von Morbihan, jenem flachen „Fast-Binnenmeer“ südlich von Vannes, das den Gezeiten unterworfen und für seine reiche Inselwelt bekannt ist, darauf, dass der Geschmack der Cotriade davon abhängt, in welcher Reihenfolge die Zutaten gegart werden.

Für diese Version stelle man also bereit (für 6 Personen oder mehr):

Mindestens zweieinhalb Kilo Fisch in verschiedenen Sorten. Unsere Empfehlung: Meeraal, Seebarsch, Seelachs und Kabeljau jeweils 500 Gramm, dazu 300 – 400 Gramm Makrele und einige Sardinen. Garnelen oder Krabben sind willkommen, Muscheln und Fischabfälle – die oft bei der südfranzösischen Bouillabaisse eine Rolle spielen, werden sehr selten verwendet.

Weiterhin benötigt man 5 oder 6 große Zwiebeln, die man mit Nelken spickt, 500 Gramm Kartoffeln, zwei bis drei Tomaten, etwas Senf, etwas Essig, Pfeffer, Salz, Thymian, Lorbeerblätter, 125 Gramm gewürfelten Speck, zwei Knoblauchzehen und 1 – 2 Gläser Weißwein. Speck und Zwiebeln werden angebraten, gesalzen und gepfeffert, dann wird etwas Wasser aufgefüllt und Meeraal oder Kabeljau dazugegeben. Nach ca. 15 – 20 Minuten sollten die restlichen Fischsorten dazugegeben werden, zusammen mit den zwei zerdrückten Knoblauchzehen, den gewürfelten Tomaten und den Gewürzen, zuletzt Thymian und Weißwein und zum Abschluss dann Makrele und Sardinen als letzte. Weiterhin etwa 5 - 10 Minuten kochen, dann die Kartoffeln und die Fischstücke zerkleinern – in einem Mörser oder einer Kartoffelpresse, Multiboy etc.. Nur einige kleine Kartoffeln und ein Stück Makrele bleiben davon ausgenommen. Von der Brühe etwas abnehmen und die ganz gebliebenen Kartoffeln und Fischstücke in einer extra Schüssel servieren, ansonsten die zerkleinerten Zutaten wieder in die Brühe, umrühren und servieren…

Noch ein wenig komplizierter, zumal es länger kochen muss, ist die wohl berühmteste Spezialität, manchmal auch als „bretonisches Nationalgericht“ bezeichnet: „Kig-ha-Farz“. Es ist ein Fleisch- und Gemüseeintopf, in dem ein großer Gebäckkloß gegart wird. Für den Eintopf benötigt man zwei bis drei Sorten Fleisch (auch hier variieren die Zutaten je nach der bretonischen Region) und Bauchspeck oder geräucherte Wurst: am besten nimmt man jeweils 500 Gramm Rinderbrust, Schweineschulter und (geräucherten) Bauchspeck, man kann aber auch Ochsenschwanz, gepökeltes Schweinefleisch oder mageres Eisbein nehmen. Außerdem gehören in die Brühe ein Bund Suppengemüse, ein paar Möhren, drei bis vier Zwiebeln, ein Kopf Wirsingkohl und eine Stange Porree. Das Fleisch wird mit viel Wasser, einer Zwiebel und etwas Salz angesetzt und kocht etwa eine Stunde.

Währenddessen bereitet man den Teig für den „Farz“ zu: 500 Gramm Buchweizenmehl werden mit vier verschlagenen Eiern, etwa 200 Gramm zerlassener gesalzener Butter, zwei Esslöffeln Creme fraiche, einer großen Tasse Milch und einem Teelöffel Salz zu einem Teig gerührt und geknetet, in den man dann noch ein bis zwei Esslöffel Zucker und etwa 100 – 125 Gramm Rosinen einarbeitet.

Nachdem der Teig – während das Fleisch kocht – etwa eine Stunde geruht hat, wird er in einen nassen (etwas größeren, damit sich der Teig ausdehnen kann) Stoffbeutel gefüllt und dieser wird am Stiel eines quer über den Kochtopf gelegten Holzlöffels befestigt. Alles Gemüse wird kleingeschnitten und mit dem zerkleinerten Suppengrün plus Lorbeerblatt in die Brühe gegeben, nur der Wirsingkohl wird vorher blanchiert und nur geviertelt der Brühe zugefügt. Jetzt lässt man alles gut eineinhalb Stunden weiterkochen. Dann wird der Beutel aus der Brühe genommen – der gekochte Kloss muss abtropfen und ein paar Minuten ruhen. Währenddessen das Fleisch und den Wirsing kleinschneiden.

Der größte Teil der Brühe wird abgeschöpft. Dann schneidet man den Gebäckkloß aus dem Stoffbeutel in Scheiben – manche Köche rollen ihn auch mit einem Nudelholz bis er mürbe wird und zerbröseln ihn – und dann wird gegessen: Brühe, Kloß und Fleisch-Gemüse werden separat serviert, manche Köche verfeinern die Gemüse-Fleisch noch durch Übergießen mit etwas zerlassener gesalzener Butter… Jeder nimmt sich eine Scheibe Kloß, Gemüse und Fleisch und übergießt alles mit der separat servierten Brühe – na dann „debrit ervat“ oder „Bon appétit“ !

 

breton kueche

 

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Als „historische Hauptstadt und Residenz der Herzöge der Bretagne“ wird die mit über einer halben Million Einwohnern größte Stadt der Bretagne in den Reiseführern apostrophiert. Im Gefolge einer noch heute umstrittenen „Gebietsreform“ aus dem Jahre 1941 wurde der Ort zwar als Hauptort der Region Pays de Loire von der eigentlichen Bretagne abgespalten und zur Hauptstadt des Département „Loire-Atlantique“ gemacht, durch seine geschichtliche und kulturelle Prägung ist er aber nach wie vor „typisch bretonisch“. Hatte nicht im 10. Jahrhundert hier Fürst Alain Barbe-Torte, ein Nachkomme der bretonischen Könige, der vor den Normannen nach England geflohen war, nach seiner Rückkehr die Unabhängigkeit der Bretagne wieder hergestellt? Hatte nicht das Herzogsgeschlecht der Montforts die Stadt Nantes gegenüber Rennes als Hauptstadt bevorzugt? Und hatte nicht der französische König Henri IV., als die Bretagne schon zu Frankreich gehörte, in Nantes das berühmte Edikt unterzeichnet, dessen 92 Artikel die Religionsfragen regeln sollten? Und hatte nicht jüngst das Pariser Magazin „L’Express“ vom 8. Oktober 2014 die Frage der Wiedervereinigung von Nantes und dem Département Loire-Atlantique mit der Gebietskörperschaft Bretagne zum Thema eines ganzen Dossiers gemacht?

Bis heute ist das Schloss der bretonischen Herzöge eines der eindrucksvollsten Bauwerke von Nantes. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert, sein Bau wurde unter der Herzogin Anne de Bretagne (1477– 1514) vollendet und beherbergte später die prachtvollen Hofhaltungen französischer Könige von Karl VIII. (1470 – 1498) bis Ludwig XIV. 1638 – 1715). Heute beherbergt es ein Geschichts- und Kunstmuseum, ist auch ein Ort vielfältiger kultureller Veranstaltungen (http://www.chateaunantes.fr). Nach langwierigen Restaurierungsarbeiten kann man nun wieder die ganze Wehrmauer betreten und sich ein Bild von der gewaltigen Anlage machen.

Unser Weg dorthin führt vorbei an der eindrucksvollen Kathedrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul, deren mehrhundertjährige Bauzeit (von 1434 bis 1891) nur von wenigen europäischen Kirchen – wie z.B. dem Kölner Dom (von 1248 bis 1880) – übertroffen wird. Sie enthält bedeutende Kunstwerke vor allem aus der Zeit der Renaissance – hier ist besonders eindrucksvoll das Grabmal von Franz II. (1435 – 1488), Herzog der Bretagne, und seiner Gemahlin Margarete de Foix im südlichen Seitenschiff, herrlich gestaltet aus schwarzem und weißem Marmor und umgeben von den Skulpturen der vier Tugenden. Weiter führt der Weg zum Place Maréchal Foch. Benannt nach dem französischen Oberbefehlshaber im Ersten Weltkrieg, der am 8. November 1918 nahe der nordfranzösischen Stadt Compiègne die deutsche Waffenstillstandsdelegation empfing, ist dies ein attraktiver Stadtplatz. Umstanden ist er von Stadtpalästen aus dem 18. Jahrhundert, die vom Stadtplaner Jean-Baptiste Ceineray (1722 – 1811) konzipiert wurden, und in seiner Mitte steht eine bedeutende Statue des letzten französischen Königs vor der Revolution, Ludwig XVI. (1754 – 1793), dessen auf einer 28 Meter hohen Säule stehendes Standbild erst 1823 eingeweiht wurde.

Auf der anderen Seite des Schlosses kann man ebenfalls einen guten Einblick in die Geschichte der Stadt bekommen. Im einstigen Quartier Bouffay, das wegen seiner gleichnamigen Pfarrkirche auch Quartier Sainte-Croix genannt wird, gibt es nicht nur die wenigen, gut erhaltenen Fachwerkhäuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert in den Straßen und Gassen rund um die Stadtkirche, sondern auch jede Menge gemütlicher Bistros und Kneipen, wo man in beschaulichem Ambiente im Freien sitzen und bis zum Erwachen des durchaus respektablen Nachtlebens hier einen petit café, einen Calvados oder Pastis oder auch ein Glas Wein trinken kann… Interessant ist auch das dahinter liegende Viertel, beendet vom Gebäude des Großen Theaters von 1783, dem Zentrum des Nanteser Kulturlebens, mit den zentralen Plätzen Place du Commerce und Place Royale. Beide wurden vom Architekten Mathurin Crucy (1749 - 1826) gestaltet, der von 1811 bis 1813 auf der Place du Commerce die Börse erbaute und auf den die Idee eines zentralen Brunnens zurückgeht. Dieser wurde 1865 aufgestellt, beherrscht bis heute als Wahrzeichen der Stadt die Place Royale. Die Börse und die neben ihr liegende „Passage Pommeraye“ – eine Ladengalerie auf drei Ebenen, geschmückt mit Metall- und Holztreppen, Säulen, Balustraden, kleinen Statuen und Laternen (http://www.passagepommeraye.fr) – deuten bis heute auf die Geschäftigkeit und Geschäfte der Stadt Nantes hin – denn auch nach der Angliederung der Bretagne an Frankreich mit dem Unionsvertrag von1532 blieb sie eines der großen Handelszentren. Etwa die Hälfte des einträglichen Sklavenhandels wurde über Nantes abgewickelt, das damit zum Zentrum des „Atlantischen Dreieckshandels“ wurde: französische Waren wurden von hier nach Afrika gebracht, an der dortigen Küste gegen Sklaven eingetauscht, die nach Amerika zu den Plantagen gebracht wurden. Dort erzielte man Bestpreise für die dringend benötigte menschliche „Ware“ und kaufte dafür vor allem Zuckerrohr, Kaffee, Tabak und Baumwolle, die sich wiederum in Frankreich gut verkaufen ließen. Auch berühmte Leute wie Voltaire waren an diesem Handel beteiligt ...

Erst das Ende des Sklavenhandels 1815 und die Verlandung des Loirehafens brachten die Gründung des „Vorhafens“ St. Nazaire, eine Industrialisierung und schließlich große Veränderungen durch das dem modernen Verkehr Rechnung tragende Zuschütten eines Teils des Flusses Erdre und eines Loirearms mit sich.

Heute ist Nantes bedeutend auf dem Dienstleistungssektor und „verjüngt“ sich durch eine gewaltige Zahl von Studenten – mehr als 50.000 studieren an der dortigen Universität (http://www.univ-nantes.fr) und den zwölf Hochschuleinrichtungen des einstigen Hauptortes der Bretagne. Aus den – nunmehr weitgehend stillgelegten – alten Loire-Werften und ihren Metallwerkstätten, die bis 1987 aktiv waren, hat man etwas ganz Besonderes gemacht: auf dem Gelände haben Experimentierwerkstätten und ein gewaltiges Technikmuseum der besonderen Art ihren Platz gefunden: Ein ganzer Maschinenzoo voller Fantasiewesen, von denen nicht wenige der Gedankenwelt eines Jules Verne – der utopische Autor wurde 1828 in Nantes geboren und sehr vom Treiben des Hafens und seiner Werften und Industrieanlagen angeregt – entsprungen sind. „Les Machines de l’Ȋle“ bevölkern seit 2007 das alte Industriegelände und wurden zu einem gigantischen und hochinteressanten Museumskomplex zusammengefasst (http://www.lesmachines-nantes.fr/de). Als erstes sieht man den 12 Meter hohen mechanischen Elefanten, der mit einer Schar Museumsbesucher als „Mitreiter“ auf dem Rücken gemächlich und ab und zu Wasser prustend das Gelände durchschreitet. Dann fällt das etwa 25 Meter hohe „Carrousel des Mondes Marines“ (etwa „Karussell der Meereswelten“) ins Auge. In ihm drehen sich 35 verschiedene kuriose „Meeresbewohner“, gefertigt aus alten Schiffsteilen und –zubehör, einige lassen sich sogar besteigen und mechanisch bewegen. Und schließlich noch die „Maschinenhalle“, das ist eine mechanische Versuchswerkstatt, in der sich Stühle in die Erde eingraben, man auf einer mechanischen Raupe sitzen oder sich ein paar Mal am Tage mit Hilfe eines Krans unter einem riesigen Phönix hängend in die Lüfte erheben kann. All das lässt sich kaum wirklich so beschreiben wie es abläuft: DAS muss man gesehen haben!

 

Das Schloss der Herzöge der Bretagne

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Foto: Dr. Krause

 

 

Das Grabmahl von Herzog Franz II. und seiner Gemahlin Margarete de Foix in der
Kathedrale St. Pierre

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Foto: Dr. Krause

 

 

Der mechanische Elefant im Maschinenpark „Les Machines de l’Ȋle“

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Foto: Dr. Krause

 

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Da stehen wir nun im Sonnen- und Windstaat Deutschland. Windparks und off-shore-Anlagen, gewaltige Flächen voller Solar-Paneele sollen also künftig komplett die notwendige Energie für den immer weiter um sich greifenden Fortschritt in Deutschland liefern … Aber sind Sonne und Wind wirklich „alternativlos?“ In der Bretagne hatte man bereits seit den 1960er Jahren ein alternatives Energiekonzept in Angriff genommen, zugegebenermaßen auch dieses nicht unumstritten und nicht völlig folgenlos für die Umwelt, aber – obwohl bisher fast ein Einzelstück – sehr erfolgreich: das bis 2011 weltgrößte Gezeitenkraftwerk.

Die Rue Départementale D 168 zwischen St. Malo und Dinard führt über einen besonderen Damm, der wiederum die trichterartige, den Gezeiten unterworfene Flussmündung der Rance überquert. Insgesamt etwa 750 Meter lang, vereinigt das Bauwerk eine (betonierte) Staumauer, einen Staudamm, ein regulierendes Sperrwerk und einen Schleusenbau. Und wofür das alles? Mit diesem Absperrbauwerk konnte ein etwa 22 km² großer Stausee vom Meer abgetrennt werden – fast das gesamte Gebiet der Mündung des Flüsschens Rance, das während der Gezeiten mal einen tiefen, trichterförmigen See bildet, mal freifällt und nur eine schlammige Geländevertiefung fast ohne Wasser ist.

Die Gezeiten an der bretonischen Küste gehören mit gewaltigen Wasserstands-Unterschieden zu den stärksten in der Welt. Durchschnittlich 12 bis 14 Meter ist der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten Wasserstand bei Ebbe und dem höchsten bei Flut – an vielen Punkten der Küsten Westfrankreichs, Englands, Schottlands oder Irlands können verwunderte „Landratten“ beobachten, wie die auflandige Flut in wenigen Minuten Meter um Meter der schönen Sandstrände „frisst“, wie eben noch in Strandnähe liegende Erhebungen zu wellenumspülten Inseln werden – übrigens auch an der deutschen Nordseeküste, denn dieses Randmeer des Atlantik weist fast überall große Gezeitenunterschiede auf.

In Frankreich gab es bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Pläne, die gewaltige Gezeitenenergie zu nutzen, aber die Versuche scheiterten an der Finanzierung, später kam der Krieg und die Pläne wurden auf Eis gelegt. Dann aber kam Schwung in die Sache: 1961 wurde mit dem Bau an einer der großen, den Gezeiten unterworfenen bretonischen Flussmündungen begonnen und 1966 wurde das Gezeitenkraftwerk von Präsident Charles de Gaulle eingeweiht. Ein Jahr später führte schon die Straße über den Sperrdamm und das Kraftwerk speiste Elektroenergie ins Netz ein. Bis 2011 war es das größte seiner Art, erst dann wurde seine Leistung von 240 MW von einem südkoreanischen Bau um 14 MW übertroffen. Doch in den 45 Jahren bis dahin war das bretonische Gezeitenkraftwerk das weltweit größte; es erzeugte pro Jahr etwa 500 GWh Strom – das ist immerhin ein Fünfhundertstel des gesamten französischen Strombedarfs.

Dabei ist das Prinzip der Gezeitenkraftwerke relativ einfach. Seit Jahrhunderten bekannt, gab es „Meeresmühlen“ in vielen Ländern an Atlantik und Nordsee, schon seit dem Mittelalter wurde die grundlegende Technik in der Bretagne genutzt: mindestens 70 sog. Getreidemühlen sind belegt, die Gezeitenkraft und Tidenhub nutzten. Die einzige davon noch erhaltene – wenn auch restauriert – ist die Moulin du Prat, ebenfalls an der Rance, einige Kilometer nördlich von Dinan.

Heute kommen hunderttausende Touristen jährlich, um sich ein Bild vom Gezeitenkraftwerk zu machen: Die technische Leistung ist beeindruckend: Jeden Tag können insgesamt 720 Millionen Kubikmeter Wasser durchströmen – je zweimal pro Tag das gesamte Fassungsvermögen des durch die Mauer abgesperrten Rance-Stausees von 180 Millionen Kubikmeter Wasser rein und raus, bis zu einem gewissen Grad durch die Sperrwerke regulierbar.

Während die Staumauer 24 Turbinen mit drehbaren Flügeln beherbergt, die sowohl bei hereindrückendem Flut- als auch bei ablaufendem Ebbe-Wasser funktionieren, hält sie gleichzeitig das bei geöffneten Wehren hereinströmende Wasser zurück, damit es so allmählich abfließt, dass es lange zur Stromerzeugung genutzt werden kann. Die kaum vorstellbare Menge von 15.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde strömt so in das und aus dem Rance-Becken. Eine 65 m lange, aber nur 10 m breite Schleusenanlage sorgt dafür, dass Boote und kleine Schiffe bei entsprechendem Wasserstand zwischen Meer und aufgestauter Flussmündung wechseln können - etwa 16.000 sind es pro Jahr – während pro Tag bis zu 35.000 Fahrzeuge die Straße über den Damm nutzen – nicht wenige halten auf einem der großen Parkplätze, um sich das Rance-Kraftwerk aus der Nähe anzusehen.

Natürlich haben die inzwischen fast fünfzig Jahre, in denen das Sperrwerk existiert, ökologische Spuren hinterlassen: Der Salzgehalt des Rance-Stausees ist geringer als der des Meeres geworden – Salzwasser-Tierarten haben sich zurückgezogen, Brack- und Meerwasserarten wurden verstärkt. Die Verlandung der Rance-Mündung ist relativ weit vorangeschritten, da Schlamm und Ablagerungen zurückgehalten werden und nicht ungehindert ins Meer abfließen können, und die Turbinen können zwar von kleineren Fischarten und sogar Tintenfischen passiert werden, aber nicht von großen Arten oder Seehunden, so dass diese heute nicht mehr ungehindert in und aus der Rance-Mündung wandern können.

Insgesamt aber könnte die Nutzung der gewaltigen Gezeitenkraft auch eine interessante alternative Energie sein – zumindest für all die Länder, deren Küsten über entsprechenden Tidenhub – den Höhenunterschied zwischen Ebbe und Flut – verfügen. Auch in Deutschland betragen die Höhenunterschiede zumeist noch mehr als zwei Meter, in der Elbemündung bei Hamburg staut sich die Flut durch den Trichtereffekt sogar durchschnittlich weit über drei Meter gegenüber der Ebbe auf, wobei an unseren Küsten die Flut stärkere Strömungen als die Ebbe aufweist. Sollte das nicht auch für Deutschland nutzbar sein?

 

Der Staudamm des Gezeitenkraftwerkes La Rance

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Foto: Dani 7C3,
Wikimedia Commons, the free media repository,http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rance_tidal_power_plant.JPG

 

Luftbild des Gezeitenkraftwerks Rance mit den Städten Saint-Malo auf der rechten Seite der Mündung und Dinard links

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Foto: Tswgb,
Wikimedia Commons, the free media repository, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Barrage_de_la_Rance.jpg