Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Die Bretagne ist voll von Legenden. Manche davon nehmen den Stoff keltischer Sagen von den britischen Inseln auf, andere sind wohl erst nach Einwanderung der Bretonen im alten „Aremorica“ entstanden. Manche der Legenden verschiedenster Völker scheinen beinahe so etwas wie „gesamteuropäisches“ Erbgut zu sein, denn wenn man sie hört, dann bemerkt man sofort Parallelen zu Sagen, die man auch aus anderen Regionen oder der eigenen Heimat kennt – die Geschichte von versunkenen Städten etwa, die in Katastrophenberichten und ihren mythischen Ausschmückungen bei Griechen und Römern ebenso zu finden sind wie bei Kelten, Slawen und Germanen. Oder die Geschichten über Meerjungfrauen, Sirenen und Verwunschene, die beispielsweise Seeleute ins Verderben locken. Wem fiele da nicht die Loreleisage ein, die 1801 durch die Ballade „Zu Bacharach am Rheine“ des damals 23jährigen Romantikers Clemens Brentano in die deutsche Literatur eingeführt und durch Heinrich Heines „Lied von der Loreley“ seit 1824 weithin bekannt wurde.

Um eine solche Frau geht es auch in der bekannten bretonischen Legende von der versunkenen Stadt Ys, die man am allerbesten versteht, wenn man sich den geheimnisvollen Wassern der Bucht von Douarnenez am nördlichen Rand der bretonischen Halbinsel Cornouaille (Kernev) nähert.

Auch hier ist besagte Frau in den meisten Varianten der Geschichte blond und natürlich verführerisch. Sie hieß Dahut und war die Tochter des guten Königs Gradlon, der die Stadt Ys zur Hauptstadt der Cornouaille gemacht hatte. Eine große Gefahr für die Stadt war das Meer, das sich gewaltig auftürmen konnte. Gradlon hatte mit Dämmen und Schleusen seine Stadt schützen lassen und nur mit seinem goldenen Schlüssel ließen sich die Schleusentore öffnen. Die Bewohner der Stadt, inzwischen an die sichere Lebensweise gewöhnt, ließen Hochmut und Verschwendungssucht freien Lauf und der moralische Verfall forderte die Mächte der Finsternis geradezu heraus. Ein wenig erinnert diese Geschichte auch an den Untergang der sagenhaften Ostseestadt Vineta.

Auch König Gradlons Tochter Dahut gab sich den Ausschweifungen des Sündenbabels Ys hin und war durchaus empfänglich für die Annäherung eines verführerischen jungen Mannes, der ihr zunehmend den Hof machte. Ihr Vater wusste davon nichts und selbst als der Verehrer von Dahut verlangte, sie solle ihm den goldenen Schlüssel ihres Vaters als Liebesbeweis beschaffen, merkte sie nicht, dass es der Teufel höchstpersönlich in einer seiner Verkleidungen war, mit dem sie sich eingelassen hatte. Tatsächlich stahl sie ihrem Vater im Schlaf den goldenen Schleusenschlüssel und als König Gradlon erwachte, war es zu spät – der Teufel hatte die Schutzdeiche geöffnet und eine gewaltige Flut verschlang die Stadt. Gerade noch konnte er zu Pferd vor den heranrollenden Wogen fliehen und seine Tochter hinter sich aufs Reittier ziehen. Doch das Wasser kam näher und plötzlich befahl ihm eine Stimme aus dem Himmel, er solle die Teufelsbuhle dem Wasser überlassen und sich selbst retten. So geschah es, dass sich Gradlon retten konnte, aber die Stadt von den Fluten verschlungen wurde, die sich erst zurückzogen, als sie ihr Opfer, Königstochter Dahut bekommen hatten.

Während Gradlon in Frömmigkeit und mit dem Heiligen Corentinus als Berater seine neue Hauptstadt Quimper (Kemper), bis heute Hauptort der Cornouaille, aufbaute, wurde seine Tochter in die Nixe Morgane verwandelt, die noch heute die Seeleute, die sie in all ihrer Schönheit erblicken, auf den Meeresgrund locken soll. Und ebenfalls wie bei Vineta soll unter bestimmten Umständen das warnende Glockengeläut der Türme des versunkenen Ys aus der Bucht von Douarnenez zu hören sein…

Die bretonische Legende hat Anregungen für zahlreiche Adaptionen in der Kunst gegeben, vor allem in der Musikgeschichte und der Literatur. Der Komponist Édouard Lalo schuf zur Legende die erfolgreiche Oper „Le Roi d’Ys“, die 1888 in der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt wurde. Claude Debussy wurde zu seinem Prélude „La cathédrale engloutie“ inspiriert und eine weitere Oper mit dem Sagenstoff als Grundlage entstand 1947 mit dem Werk „La magicienne de la mer“ des französischen Komponisten Paul Le Flem. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verwendete der Science-fiction-Autor Poul Anderson die Geschichten um Gradlon und Dahut für einen Romanzyklus „The King of Ys“ und bis heute wirkt die Legende nach in Computerspielen, Comics und Liebesgeschichten.

Spannend ist allemal ein Besuch in der Gegend, in der die bretonische Sage geschehen sein soll: in der geheimnisvollen Bucht von Douarnenez – obwohl mancher Erzähler die Stadt Ys an andere Stellen der bretonischen Halbinsel Cornouaille verlegen will, etwa in die für ihre starke Strömung berüchtigte „Baie des Tréspassés“ (=Bucht der Hingeschiedenen) oder in den Süden der Cornouaille, in die Nähe des Landvorsprunges von Penmarc’h. Meist jedoch ist man sich einig, dass die Bucht von Douarnenez der Schauplatz der Tragödie von Ys gewesen sein muss, zumal eine geheimnisvolle Insel, nur etwa 11 Hektar groß (etwas mehr als ein Zehntel Quadratkilometer) nur etwa 300 Meter vom ehemals für Sardinenfischerei bekannten Hafen von Douarnenez entfernt liegt.

Die heute dem Amt für Küstenschutz unterstehende „Île Tristan“ kann nur unter bestimmten Voraussetzungen besichtigt werden. Der Teufel habe da gehaust, raunt man sich zu. Eine Person ist auf jeden Fall mit der Geschichte der Insel verbunden: in den auf das schreckliche Pariser Blutbad an den französischen Protestanden in der „Bartholomäusnacht“ 1572 folgenden Hugenottenkriegen verwüsteten auch zahlreiche Räuberbanden das Land, von denen die des Bandenführers Guy Éder de la Fontenelle eine der schlimmsten war. Diesem bot gerade diese Île Tristan Unterschlupf, doch nach dem Toleranzedikt von Nantes von 1598, in dem König Henri IV. den Hugenotten Glaubensfreiheit zusicherte, ergab sich de la Fontenelle unter der Bedingung, die Insel weiter behalten und regieren zu dürfen. Das wurde ihm auch gewährt, doch kurz darauf ließ er sich in eine Verschwörung verwickeln und wurde 1602 auf dem Pariser Place de Grève auf grausame Art hingerichtet – er wurde gerädert!

contesbroceliande

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

1982 hatte Monsieur Ceyrac, Bürgermeister des malerischen Dörfchens Collonges-la-Rouge am Rande des französischen Zentralmassivs, eine zündende Idee, um den Tourismus für die kleinen Gemeinden Frankreichs mit reichem historischen Erbe anzukurbeln - er gründete die Initiative „Les plus beaux villages de France“ (Die schönsten Dörfer Frankreichs), in der sich originell erhaltene Orte um die Auszeichnung mit diesem Prädikat bewerben konnten. Der Erfolg der Idee war gewaltig – während sich noch im Gründungsjahr 66 Gemeinden anschlossen, geht die Zahl der Bewerber um die Auszeichnung mit dem inzwischen heiß begehrten Label heute in die Tausende. Derzeit tragen 152 Orte in 21 Regionen Frankreichs den Titel als Auszeichnung, darunter natürlich auch einige besonders hübsche Gemeinden in der Bretagne. Eines der am meisten von Touristen besuchten Dörfer ist Locronan (bretonisch Lokorn), knapp 20 km nordöstlich von Quimper (Kemper), der Hauptstadt der Cornouaille (Kernev) gelegen.

Vielen Besuchern könnte der malerische Ort dabei seltsam bekannt vorkommen, war er doch auf Grund seines hervorragenden Erhaltungszustandes in Flair und Ambiente des 16. Jahrhunderts Drehort und Schauplatz von über 30 Filmen französischer und ausländischer Produktion: den Anfang machte eine deutsch-französische Ko-Produktion mit dem Vierteiler „Die Schatzinsel“, gedreht 1966 nach dem Roman von Robert Louis Stevenson. Später, in den Achtzigern, drehte man die ZDF-Fernsehreise „Silas“ in und um Locronan. Höhepunkte der Filmgeschichte aber waren gewiss 1979 Roman Polanskis Verfilmung „Tess“, in der er den Stoff des Romans „Tess of the d'Urbervilles“ von Thomas Hardy aus dem Jahr 1891 aufnahm, und die bekannte Musketier-Trilogie des Regisseurs Richard Lester (1973, 1974 und 1989) mit einer Starbesetzung durch Michael York, Oliver Reed, Richard Chamberlain, Charlton Heston, Geraldine Chaplin, Faye Dunaway und Raquel Welsh.

Aber auch diejenigen, denen Historienfilme eher egal sind, finden an dem wundervollen bretonischen Ort Gefallen – auch wenn zunehmende Touristenströme nicht immer von Vorteil sind. Der heilige Ronan, ein irischer Mönch, errichtete hier an einem Hügel in der Nähe eines alten Quellheiligtums schon im 5. Jahrhundert n.Chr. seine Einsiedelei, von der aus er missionierte und zu den immer häufiger herbeikommenden Bewohnern der Umgebung predigte. Bis heute hat der Hügel seinen Ruf der Heiligkeit kaum eingebüßt: der 289 Meter hohe Gipfel, von dem man eine weite Sicht auf die Umgebung und die Bucht von Douarnenez hat, in der die sagenhafte versunkene Stadt Ys liegen soll, wird von einer Kapelle mit hübschen Glasfenstern gekrönt, die wiederum Ziel einer der berühmtesten Wallfahrten der Bretagne ist.

In der Bretagne normalerweise „Pardon“ genannt, trägt die Wallfahrt hier in Locronan den Titel „Troménie“. Jedes Jahr am zweiten Julisonntag geht die Gemeinde den gleichen Weg, den damals der heilige Ronan jeden Morgen barfuß und mit nüchternem Magen gegangen sein soll. Zu einem religiösen Großereignis wird diese Aktion alle sechs Jahre, das nächste Mal 2019: Dann findet am 2. und 3. Julisonntag die „Große Troménie“ statt: ein Wallfahrts-Umgang, an dem viele Pfarrgemeinden teilnehmen. An zwölf Orten machen die Wallfahrer eine Pause und jede Gemeinde stellt ihre Heiligendarstellungen und Reliquien aus. Historischer Hintergrund der religiösen Veranstaltung ist die Besonderheit, dass im 11. Jahrhundert die ehemalige Benediktiner-Priorei, an deren Grenze die Wallfahrt entlang führt, Kirchenasyl gewähren durfte. An diesen Umstand soll der Umzug erinnern, der wohl von daher auch den Namen „Troménie“ bekam – „Tro Minihy“ bedeutet soviel wie „Gang um den Zufluchtsort“.

Aber auch wer nicht zum religiösen Umgang erscheint, sondern nur einen der schönsten Orte Frankreichs besuchen will, kommt in Locronan auf seine Kosten. Überaus malerisch präsentiert sich der schon seit 1936 unter Denkmalschutz stehende Hauptplatz des Ortes mit Brunnen in der Mitte und der Kirche St. Ronan am Rande. Die unverputzten Renaissance-Häuser des Dorfplatzes und der angrenzenden Straßen, aus Granit errichtet, sind in ihrem hervorragenden Erhaltungszustand nicht nur erbaulicher Anblick und ideale Filmkulisse, sondern scheinen überall Geschichte zu atmen und vom einstigen Wohlstand des Ortes zu künden, den die fleißigen Einwohner Locronans im Spätmittelalter durch Herstellung hochwertigen Segeltuches für die bretonische und später französische Flotte erwarben. Oft ist der Platz durch Touristen ebenso belebt wie die schöne, stilreine Kirche St. Ronan aus dem 15. Jahrhundert. Sie hat nicht nur in ihrer Apsis guterhaltene Buntglasfenster aus der Erbauungszeit zu bieten, sondern beherbergt in ihrer Seitenkapelle auch das Grabmal des Heiligen Ronan, dessen Liegefigur aus dem 16. Jahrhundert zu einer der ersten Granitskulpturen der Gegend zählt, und eine sehr seltene Kreuzabnahme-Szene, in Stein gehauen und bemalt.

Eine weitere Kapelle mit Kalvarienberg und der Überrest des einstigen Quellheiligtums sind weitere Sehenswürdigkeiten des Ortes, der wie erwähnt zu den bedeutendsten und inzwischen auch bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Halbinsel Cornouaille und der ganzen Bretagne zählt. Um der teilweise – gerade im Umfeld der „Troménies“ gewaltigen – Besucherscharen Herr zu werden, die historischen Gebäude zu schonen und das unvergleichliche Ambiente des Dorfes zu bewahren, ist das Ortszentrum autofrei. Der Besucher kann sein Fahrzeug auf dem unweit vom Ortszentrum eingerichteten Parkplatz abstellen und begibt sich auf einen Fußmarsch in die Geschichte …

Locronan

Locronan mit Kirchturm des Hl. Ronan
Foto Dr. Krause

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Die letzte eigenständige Herrscherin der Bretagne war eine ungewöhnliche Frau. 1477 wurde Anne de Bretagne geboren und noch vor Vollendung ihres zwölften Lebensjahres starb ihr Vater, Franz II. der Bretagne. Der hatte kurz vor seinem plötzlichen Tod eine Niederlage in einer von der Geschichtsschreibung als „verrückter Krieg“ bezeichneten Revolte gegen den französischen König erlitten und dabei mehr oder weniger die Unabhängigkeit seines Herzogtums Bretagne aufgeben müssen. So wurde in Ermangelung männlicher Nachkommen Anne de Bretagne bretonische Regentin unter Vormundschaft. Von wichtigen europäischen Monarchen wie Maximilian I. von Habsburg und Karl VIII., König von Frankreich, wurde Anne als offizielle Herrscherin der Bretagne anerkannt.

Maximilian von Habsburg, den die Geschichtsschreibung gern den „letzten Ritter“ nennt, tat dies nicht ganz uneigennützig: Einige Jahre zuvor war seine Frau Maria von Burgund bei einem Jagdunfall gestorben, seine Rechte auf das dabei ererbte Burgund waren umstritten. Da kam eine Ehe mit einer Herzogin – noch dazu einer, die NEBEN dem mächtigen Frankreich residierte, gerade recht. Witwer Maximilian heiratete kurzerhand 1490 die damals erst dreizehnjährige Waise Anna – allerdings ohne persönliche Anwesenheit, mit der damals möglichen Stellvertreterehe „per procurationem“, der sogenannten „Handschuhehe“. Der Vorgang mag heute kurios erscheinen: Nach der in der Kathedrale von Rennes am 19.12.1490 erfolgten Eheschließung in Abwesenheit begab sich Anne de Bretagne vor dem Hofstaat ins Ehebett und stellvertretend für ihren abwesenden Gatten Maximilian I. von Habsburg stieg dessen Gefolgsmann  Wolfgang Freiherr von Polheim in voller Rüstung ins Hochzeitsbett und berührte die frischvermählte Anne mit seinem entblößten Knie. Damit war die Ehe rechtsgültig – aber de facto nicht vollzogen. Anne de Bretagne wurde somit Erzherzogin von Österreich.

Der französische König hingegen fühlte sich durch diese Hochzeit verraten: Kurz vor seinem Tod hatte Annes Vater die Schlacht bei St. Aubin verloren und danach im Vertrag von Sablé dem französischen König Treue geloben und zustimmen müssen, dass seine erbberechtigten Töchter nicht ohne Einwilligung Frankreichs heirateten. Daher schickte Karl VIII. Truppen ins Nachbarland, um auf die Auflösung der Ehe zu drängen. Anne sah die Bretagne plötzlich französisch besetzt und die Stadt Nantes belagert, ohne dass Maximilian I. ihr mit Habsburger Truppen geholfen hätte.

In Geheimverhandlungen arbeitete der König von Frankreich nun auf seine eigene Verbindung mit dem bretonischen Hof hin. Die Situation war pikant, denn eigentlich war der damals zwanzigjährige Karl an ein Eheversprechen mit der Tochter von Maximilian I. von Habsburg gebunden. Besagte junge Dame, Margarete, die Tochter Maximilians aus dessen erster Ehe mit Maria von Burgund, lebte – damals erst zehnjährig - schon seit Jahren am französischen Hof. Anne de Bretagne sah keinen Ausweg, den weiteren Krieg zu vermeiden, als dem Drängen des französischen Königs nach einem politischen Bündnis mit bekräftigender Eheschließung nachzugeben und verlobte sich heimlich mit Karl VIII. Wiederum pikanterweise durch den Gesandten Polheim – dem Stellvertreter bei Annes „Handschuhehe“ mit Maximilian - wurde dem Habsburger mitgeteilt, dass sowohl seine Ehe mit Anne de Bretagne als auch das Eheversprechen seines Schwiegersohnes mit Maximilians Tochter aufgelöst seien, da beide nie vollzogen worden wären. Auf Drängen Frankreichs annullierte Papst Innozenz VIII. beide Eheverträge. Vielleicht bedauerte Maximilian von Habsburg jetzt, nicht genug Interesse per Truppen-Entsendung gezeugt zu haben, aber er musste akzeptieren. (Er bekam seine Tochter drei Jahre später zurückgeschickt und konnte sie 1497 mit dem spanischen Thronfolger verheiraten).

Knapp ein Jahr nach ihrer ersten Eheschließung (mit Polheims entblößtem Bein)  heiratete Anne de Bretagne am 6.12.1491 den König von Frankreich auf Schloss Langeais. Ihre Krönung zur französischen Königin in der Kathedrale von St. Denis erfolgte dann 1492. Diese Ehe, „ordnungsgemäß vollzogen“ war allerdings nicht von langer Dauer. Zunächst starben alle Kinder des jungen Ehepaars sehr früh und der König hatte unglaubliches Pech: erst 27 Jahre alt, stieß er sich bei einem Unfall auf Schloss Amboise so heftig den Kopf, dass kurz darauf - es war das Jahr 1498 – an den Folgen starb und die gerade 21-jährige Anna zur Witwe machte.

Da Karl keinen erbefähigen Nachkommen hatte, wurde sein Cousin Ludwig als Ludwig XII. neuer König von Frankreich. Der war 15 Jahre älter als Anne de Bretagne und damals schon seit 22 Jahren mit Jeanne de Valois (Jeanne de France) verheiratet. Aber da diese Ehe kinderlos geblieben war nutzte Ludwig sein Bündnis mit Papst Alexander VI. und ließ die Ehe kurz nach seiner Thronbesteigung Ende 1498 annullieren.

Der Weg war frei für eine neue Hochzeit. Diese erfolgte wenige Tage nach der Annullierung seiner ersten Ehe im Januar 1499, damit Frankreich die Ansprüche auf das Herzogtum Bretagne behielt. Anne de Bretagne erbte damit alle Titel ihres Mannes Ludwig XII. und wurde 1504 das zweite Mal zur Königin von Frankreich gekrönt. Ihre Titel konnten sich sehen lassen: Königin von Frankreich, Königin von Sizilien, Apulien, Kalabrien und Neapel, außerdem Königin von Jerusalem und Herzogin von Mailand – und sie blieb Herzogin der Bretagne, aber mit der Einbindung dieses Herzogtums in Frankreich.

ihre Tochter Claude überlebte. Claude war formal die letzte bretonischen Erbin – sie heiratete aus politischen Gründen Herzog François von Angoulême. Als dieser später als Franz I. König von Frankreich wurde, übernahm er endgültig die Bretagne in französischen Besitz; nach Claudes frühem Tod integrierte er sie ins französische Königreich und entmachtete und verlegte 1532 das bretonische Parlament! An die Königin (Reine) Claude soll – der Legende nach – die ihr zu Ehren erfolgte Benennung der damals gerade gezüchteten Pflaumensorte „Reineclaude“ erinnern … Claudes Schwester, die 11 Jahre später geborene Reneé, wurde als einzige relativ alt – sie war mit Ercole II. d’Este, dem Sohn der Lucrezia Borgia verheiratet.

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Anne de Bretagne. Detail aus dem Gemälde Jean Bourdichon - Grandes Heures d'Anne de Bretagne (zwischen 1503 und 1508). – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:BNF_-_Latin_9474_-_Jean_Bourdichon_-_Grandes_Heures_d%27Anne_de_Bretagne_-_f._3r_-_Anne_de_Bretagne_entre_trois_saintes_%28d%C3%A9tail%29.jpg

 

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Wolfgang Freiherr von Polheim vollzieht die „Handschuhehe “ zwischen Anne de Bretagne stellvertretend für den abwesenden Maximilian I. von Habsburg. Illustration in La Lecture Journal des Romans, Nr. 83, 20-05-1857. – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Droit_cuissage.JPG

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

 

Etwas Magisches habe er an sich, dieser Küstenstrich, behaupten Kenner. Nun gut, diese Aussage kann für außerordentlich viele Orte in der Bretagne gelten und auch für die herrlichen Küstenabschnitte der westfranzösischen Region. Aber es ist schon richtig, die von der Natur geschaffenen Besonderheiten der „Küste des rosa Granits“ stellen etwas Großartiges dar, dessen Einfluss man sich nur schwer entziehen kann. Ist es die mitunter sagenhaft erscheinende Färbung des harten Gesteins? Sind es die seltsamen Formen und überraschenden Formationen der Felsen, die die Phantasie anregen? Oder ist das alles etwa doch nicht ganz natürlich, sondern das Werk der Riesen aus den Legenden…?

Wer sich von dem in der Literatur durch den Roman „Pêcheur d’Islande“ (1886) (dt. „Die Islandfischer“, 2012) des Marineoffiziers Pierre Loti (1850-1923) berühmt gewordenen Hafenstädtchen Paimpol an der Küste nach Westen bewegt, erreicht bald nicht nur das fast schon mondän gewordene Seebad Perros-Guirec, sondern auch einen der schönsten und geheimnisvollsten bretonischen Küstenabschnitte. In besagtem Seebad beginnt der berühmte „Sentier des douaniers“, der „Zöllnerpfad“, der zwar durchaus historisch bedeutsam, aber noch viel mehr wegen seiner wundervollen Ausblicke auf die Felsenküste empfehlenswert ist.

Einst angelegt, um Schmugglern und Piraten das Handwerk zu legen, das hier beispielsweise zur Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre äußerst lukrativ war, führt der insgesamt nicht einmal zehn Kilometer lange Küstenweg durch eine ursprünglich gebliebene Landschaft bizarrer und seltsam geformter Felsblöcke. Geotektonische Spannungen haben Risse im Gestein gebildet und Wind und Wasser haben den eigentlich immens harten Fels, der vor über 300 Millionen Jahren bei der Gebirgsbildung im Erdaltertum entstand, in Jahrmillionen so weit erodiert, dass die dabei entstehenden Formen seit Menschengedenken die Phantasie anregen. Die bei seiner Entstehung „eingemischten“ Mineralien – insbesondere Alkali-Feldspat und Hämatit, das der Volksmund Eisenglanz, Rötel oder Blutstein nennt – verleihen dem Felsgestein seine charakteristische Farbe, der diese Gesteinsart auch ihren Namen „Rosengranit“ verdankt.

Besonders interessante Felsformationen sieht man auf dem alten Zöllnerpfad zwischen Perros-Guirec und Ploumanach. Seit vielen Jahren ist der Weg berühmt, seine Benutzer haben mit ihrer Phantasie den seltsam geformten Felsen Namen gegeben, die - inzwischen auch auf den Wanderkarten eingezeichnet – Neugier auf die so bezeichneten Land(schafts)marken wecken: Da gibt es den „Pilz“, den „Hasen“, den „Schuh“ oder die „Schildkröte“. Besonderen Bekanntheitsgrad hat allerdings „Napoleons Hut“ erreicht, der in Politik und Geschichte durch folgende Episode eingegangen ist: Am 3.April 1943 wurde in einer BBC-Sendung die merkwürdige Frage gestellt „Befindet sich Napoleons Hut noch immer in Perros-Guirec?“ Dies war das Codewort für den Beginn des bewaffneten Widerstands der Résistance in der Bretagne gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.

Mit Sicherheit gehört die „Côte de Granit Rose“, die rosa Granitküste, zu den kleinsten aber auch bemerkenswertesten Küstengebieten Westeuropas und zu den größten Sehenswürdigkeiten der Region Bretagne. Fast die Hälfte der über knapp hundert Hektar ausgebreiteten Felsenlandschaft unterliegt besonderen Schutzmaßnahmen. Den kleinen Fischereihafen Ploumanach, inmitten dieser Granitküste gelegen, sollte sich kein Besucher entgehen lassen: Der immer noch verträumt wirkende Küstenort hat nicht nur ein urwüchsiges und unverfälschtes Ambiente, er ist auch Ausgangspunkt für romantische Spaziergänge in die eindrucksvolle Felsenwelt. Und wer eher kulinarisch orientiert ist und etwas typisch Bretonisches kosten will, der probiert hier in einem der Restaurants mit Blick auf die rosa Granitküste eine köstliche Galette. Diese bretonischen Buchweizenpfannkuchen sind die herzhafte bretonische Variante der französischen Crêpes. Und wer einmal einen solchen „Eierkuchen“ mit Füllung – Lachs und Sahne oder bretonische Salami – gegessen hat, der weiß, was man so alles verpassen kann …

Granit Rose
Foto Dr. Krause

Granit Rose 2
Foto Dr. Krause

 

 Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Zweifellos einer der geschichtsträchtigsten Orte der Bretagne ist Vannes. Der Landstrich im Westen Frankreichs weist ohnehin - neben aufregenden Sehenswürdigkeiten - einige Besonderheiten auf: Ihre Bewohner sprechen eigentlich „Brezhoneg“, also Bretonisch, eine keltische Sprache, die besonders eng mit dem ansonsten in Wales (Großbritannien) gesprochenen Kymrischen verwandt ist. Bis ins 16. Jahrhundert hinein verlief die Geschichte der Bretagne weitgehend unabhängig von der Frankreichs, dem der Landstrich erst durch Heiratspolitik zugefügt wurde. So waren – und sind! – die Bretonen einem eigenen Geschichtsverständnis, eigenen Sitten und Traditionen verhaftet und sehen vieles noch bis heute „etwas anders“ als die französische Bevölkerung in den anderen Teilen der „Grande Nation“. Von der bretonischen Stadt Vannes hat die Geschichtsschreibung leider zuallererst eine Niederlage zu vermelden: hier, im Raum der alten gallo-römischen-Stadt Darioritum, musste sich der keltische Fürst den Franken unter Chlothar geschlagen geben. Die richteten hier eine Grafschaft ein und einer ihrer Herren, der bretonische Fürst Nominoe, wurde nicht nur Graf von Vannes, sondern machte sich vom damals fränkischen Staat unabhängig und machte die Bretagne zum eigenständigen Königreich.

Vannes, eine Stadt mit heute gut 50.000 Einwohnern, liegt am Flüsschen Marle, das hier in das Binnenmeer des „Golfes von Morbihan“ mündet. Ist diese weitläufige, von zahllosen Inseln durchzogene Meeresbucht, die den Gezeiten unterworfen ist, für sich schon ein Naturphänomen und eine bedeutende Sehenswürdigkeit, so ist Vannes mit Sicherheit ein Höhepunkt für jeden, der historische Städte mag. Die nahezu komplett erhaltene Fachwerkbebauung der Innenstadt ist genauso sehenswert wie die überwiegend gotische Kathedrale St. Pierre, die mit 110 m zu den längsten bretonischen Gotteshäusern gehört.

Dass Vannes seit 1379 Residenz der Herzöge der Bretagne wurde, sieht man der Stadt anhand ihrer teilweise großzügigen Anlage noch an. Im alten Schloss, am Rand der Altstadt an der bis heute gut sichtbaren Stadtbefestigung mit Mauern, Gräben und Wällen gelegen, tagte schon das bretonische Parlament. Herzog Jean V. (Johann der Eroberer – konfuserweise nach anderer historischer Sicht auch als Jean IV. bezeichnet, was mitunter zu Verwechslungen mit seinem Vater führt) hatte das nach seinem Wappentier, dem Hermelin, benannte Schloss als „Château de l’Hermine“ errichten lassen, als er 1379 während des Hundertjährigen Krieges aus englischem Exil in die Bretagne zurückkehrte. Schließlich erkannte ihn auch der französische Hof als rechtmäßigen Herrscher der Bretagne an (im 2. Vertrag von Guérande 1381) und der Herzog regierte von Vannes aus. Insgesamt tagte die bretonische Ständeversammlung hier neunzehn Mal. Da auch der Rechnungshof und der Hofstaat nunmehr in Vannes ihren Sitz hatten, gab das der Stadt gewaltigen Aufschwung.

Die bis heute hervorragend erhaltene Fachwerkbebauung legt davon Zeugnis ab, beherbergten sie doch nicht nur Angehörige des Hofes, sondern auch aufstrebendes reiches Stadtbürgertum. Aus dem 16. Jahrhundert ist ein ganz besonderes Bauwerk in Vannes erhalten: das alte Fachwerk-Waschhaus, an dem noch die einzelnen Waschplätze zu erkennen sind. In einer Schleife des Flüss-chens Marle, das hier die Stadtbefestigung wie ein Stadtgraben umfließt, schmiegt sich der schiefergedeckte Bau mit seinem Obergeschoss in Hochständer-Bauweise außen an die Stadtbefestigung. Der Waschhaus-Grundriss folgt dabei der Windung des Flussbettes – ein einzigartiges Gebäude, dass lebhafte Vorstellungen vom Leben in alten Zeiten zu erwecken vermag.

Im 16. Jahrhundert jedoch verlor Vannes seine Bedeutung. Herzogin Anne de Bretagne, letzte Nachkommin der bretonischen Herzogsdynastie war durch Heirat zweimal Königin von Frankreich geworden und hatte ihr Land gleichsam als Mitgift in die französischen Besitzungen eingebracht. Schon 1499 verlor Vannes den Status als Residenz und nach dem Tod der letzten bretonischen Erbin Claude (1524), auch mit einem französischen König verheiratet, entschied dieser, Franz I., mit großem Pomp und einem Turnier 1532 die Eigenständigkeit der Bretagne zu beenden. Im Jahr 1533 ließ er dann die Ständeversammlung nach Nantes umziehen. Erst 1675 wurde wieder eine Art Parlament in Vannes installiert.

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Foto Dr. Krause