Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

 

Etwas Magisches habe er an sich, dieser Küstenstrich, behaupten Kenner. Nun gut, diese Aussage kann für außerordentlich viele Orte in der Bretagne gelten und auch für die herrlichen Küstenabschnitte der westfranzösischen Region. Aber es ist schon richtig, die von der Natur geschaffenen Besonderheiten der „Küste des rosa Granits“ stellen etwas Großartiges dar, dessen Einfluss man sich nur schwer entziehen kann. Ist es die mitunter sagenhaft erscheinende Färbung des harten Gesteins? Sind es die seltsamen Formen und überraschenden Formationen der Felsen, die die Phantasie anregen? Oder ist das alles etwa doch nicht ganz natürlich, sondern das Werk der Riesen aus den Legenden…?

Wer sich von dem in der Literatur durch den Roman „Pêcheur d’Islande“ (1886) (dt. „Die Islandfischer“, 2012) des Marineoffiziers Pierre Loti (1850-1923) berühmt gewordenen Hafenstädtchen Paimpol an der Küste nach Westen bewegt, erreicht bald nicht nur das fast schon mondän gewordene Seebad Perros-Guirec, sondern auch einen der schönsten und geheimnisvollsten bretonischen Küstenabschnitte. In besagtem Seebad beginnt der berühmte „Sentier des douaniers“, der „Zöllnerpfad“, der zwar durchaus historisch bedeutsam, aber noch viel mehr wegen seiner wundervollen Ausblicke auf die Felsenküste empfehlenswert ist.

Einst angelegt, um Schmugglern und Piraten das Handwerk zu legen, das hier beispielsweise zur Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre äußerst lukrativ war, führt der insgesamt nicht einmal zehn Kilometer lange Küstenweg durch eine ursprünglich gebliebene Landschaft bizarrer und seltsam geformter Felsblöcke. Geotektonische Spannungen haben Risse im Gestein gebildet und Wind und Wasser haben den eigentlich immens harten Fels, der vor über 300 Millionen Jahren bei der Gebirgsbildung im Erdaltertum entstand, in Jahrmillionen so weit erodiert, dass die dabei entstehenden Formen seit Menschengedenken die Phantasie anregen. Die bei seiner Entstehung „eingemischten“ Mineralien – insbesondere Alkali-Feldspat und Hämatit, das der Volksmund Eisenglanz, Rötel oder Blutstein nennt – verleihen dem Felsgestein seine charakteristische Farbe, der diese Gesteinsart auch ihren Namen „Rosengranit“ verdankt.

Besonders interessante Felsformationen sieht man auf dem alten Zöllnerpfad zwischen Perros-Guirec und Ploumanach. Seit vielen Jahren ist der Weg berühmt, seine Benutzer haben mit ihrer Phantasie den seltsam geformten Felsen Namen gegeben, die - inzwischen auch auf den Wanderkarten eingezeichnet – Neugier auf die so bezeichneten Land(schafts)marken wecken: Da gibt es den „Pilz“, den „Hasen“, den „Schuh“ oder die „Schildkröte“. Besonderen Bekanntheitsgrad hat allerdings „Napoleons Hut“ erreicht, der in Politik und Geschichte durch folgende Episode eingegangen ist: Am 3.April 1943 wurde in einer BBC-Sendung die merkwürdige Frage gestellt „Befindet sich Napoleons Hut noch immer in Perros-Guirec?“ Dies war das Codewort für den Beginn des bewaffneten Widerstands der Résistance in der Bretagne gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.

Mit Sicherheit gehört die „Côte de Granit Rose“, die rosa Granitküste, zu den kleinsten aber auch bemerkenswertesten Küstengebieten Westeuropas und zu den größten Sehenswürdigkeiten der Region Bretagne. Fast die Hälfte der über knapp hundert Hektar ausgebreiteten Felsenlandschaft unterliegt besonderen Schutzmaßnahmen. Den kleinen Fischereihafen Ploumanach, inmitten dieser Granitküste gelegen, sollte sich kein Besucher entgehen lassen: Der immer noch verträumt wirkende Küstenort hat nicht nur ein urwüchsiges und unverfälschtes Ambiente, er ist auch Ausgangspunkt für romantische Spaziergänge in die eindrucksvolle Felsenwelt. Und wer eher kulinarisch orientiert ist und etwas typisch Bretonisches kosten will, der probiert hier in einem der Restaurants mit Blick auf die rosa Granitküste eine köstliche Galette. Diese bretonischen Buchweizenpfannkuchen sind die herzhafte bretonische Variante der französischen Crêpes. Und wer einmal einen solchen „Eierkuchen“ mit Füllung – Lachs und Sahne oder bretonische Salami – gegessen hat, der weiß, was man so alles verpassen kann …

Granit Rose
Foto Dr. Krause

Granit Rose 2
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Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Die letzte eigenständige Herrscherin der Bretagne war eine ungewöhnliche Frau. 1477 wurde Anne de Bretagne geboren und noch vor Vollendung ihres zwölften Lebensjahres starb ihr Vater, Franz II. der Bretagne. Der hatte kurz vor seinem plötzlichen Tod eine Niederlage in einer von der Geschichtsschreibung als „verrückter Krieg“ bezeichneten Revolte gegen den französischen König erlitten und dabei mehr oder weniger die Unabhängigkeit seines Herzogtums Bretagne aufgeben müssen. So wurde in Ermangelung männlicher Nachkommen Anne de Bretagne bretonische Regentin unter Vormundschaft. Von wichtigen europäischen Monarchen wie Maximilian I. von Habsburg und Karl VIII., König von Frankreich, wurde Anne als offizielle Herrscherin der Bretagne anerkannt.

Maximilian von Habsburg, den die Geschichtsschreibung gern den „letzten Ritter“ nennt, tat dies nicht ganz uneigennützig: Einige Jahre zuvor war seine Frau Maria von Burgund bei einem Jagdunfall gestorben, seine Rechte auf das dabei ererbte Burgund waren umstritten. Da kam eine Ehe mit einer Herzogin – noch dazu einer, die NEBEN dem mächtigen Frankreich residierte, gerade recht. Witwer Maximilian heiratete kurzerhand 1490 die damals erst dreizehnjährige Waise Anna – allerdings ohne persönliche Anwesenheit, mit der damals möglichen Stellvertreterehe „per procurationem“, der sogenannten „Handschuhehe“. Der Vorgang mag heute kurios erscheinen: Nach der in der Kathedrale von Rennes am 19.12.1490 erfolgten Eheschließung in Abwesenheit begab sich Anne de Bretagne vor dem Hofstaat ins Ehebett und stellvertretend für ihren abwesenden Gatten Maximilian I. von Habsburg stieg dessen Gefolgsmann  Wolfgang Freiherr von Polheim in voller Rüstung ins Hochzeitsbett und berührte die frischvermählte Anne mit seinem entblößten Knie. Damit war die Ehe rechtsgültig – aber de facto nicht vollzogen. Anne de Bretagne wurde somit Erzherzogin von Österreich.

Der französische König hingegen fühlte sich durch diese Hochzeit verraten: Kurz vor seinem Tod hatte Annes Vater die Schlacht bei St. Aubin verloren und danach im Vertrag von Sablé dem französischen König Treue geloben und zustimmen müssen, dass seine erbberechtigten Töchter nicht ohne Einwilligung Frankreichs heirateten. Daher schickte Karl VIII. Truppen ins Nachbarland, um auf die Auflösung der Ehe zu drängen. Anne sah die Bretagne plötzlich französisch besetzt und die Stadt Nantes belagert, ohne dass Maximilian I. ihr mit Habsburger Truppen geholfen hätte.

In Geheimverhandlungen arbeitete der König von Frankreich nun auf seine eigene Verbindung mit dem bretonischen Hof hin. Die Situation war pikant, denn eigentlich war der damals zwanzigjährige Karl an ein Eheversprechen mit der Tochter von Maximilian I. von Habsburg gebunden. Besagte junge Dame, Margarete, die Tochter Maximilians aus dessen erster Ehe mit Maria von Burgund, lebte – damals erst zehnjährig - schon seit Jahren am französischen Hof. Anne de Bretagne sah keinen Ausweg, den weiteren Krieg zu vermeiden, als dem Drängen des französischen Königs nach einem politischen Bündnis mit bekräftigender Eheschließung nachzugeben und verlobte sich heimlich mit Karl VIII. Wiederum pikanterweise durch den Gesandten Polheim – dem Stellvertreter bei Annes „Handschuhehe“ mit Maximilian - wurde dem Habsburger mitgeteilt, dass sowohl seine Ehe mit Anne de Bretagne als auch das Eheversprechen seines Schwiegersohnes mit Maximilians Tochter aufgelöst seien, da beide nie vollzogen worden wären. Auf Drängen Frankreichs annullierte Papst Innozenz VIII. beide Eheverträge. Vielleicht bedauerte Maximilian von Habsburg jetzt, nicht genug Interesse per Truppen-Entsendung gezeugt zu haben, aber er musste akzeptieren. (Er bekam seine Tochter drei Jahre später zurückgeschickt und konnte sie 1497 mit dem spanischen Thronfolger verheiraten).

Knapp ein Jahr nach ihrer ersten Eheschließung (mit Polheims entblößtem Bein)  heiratete Anne de Bretagne am 6.12.1491 den König von Frankreich auf Schloss Langeais. Ihre Krönung zur französischen Königin in der Kathedrale von St. Denis erfolgte dann 1492. Diese Ehe, „ordnungsgemäß vollzogen“ war allerdings nicht von langer Dauer. Zunächst starben alle Kinder des jungen Ehepaars sehr früh und der König hatte unglaubliches Pech: erst 27 Jahre alt, stieß er sich bei einem Unfall auf Schloss Amboise so heftig den Kopf, dass kurz darauf - es war das Jahr 1498 – an den Folgen starb und die gerade 21-jährige Anna zur Witwe machte.

Da Karl keinen erbefähigen Nachkommen hatte, wurde sein Cousin Ludwig als Ludwig XII. neuer König von Frankreich. Der war 15 Jahre älter als Anne de Bretagne und damals schon seit 22 Jahren mit Jeanne de Valois (Jeanne de France) verheiratet. Aber da diese Ehe kinderlos geblieben war nutzte Ludwig sein Bündnis mit Papst Alexander VI. und ließ die Ehe kurz nach seiner Thronbesteigung Ende 1498 annullieren.

Der Weg war frei für eine neue Hochzeit. Diese erfolgte wenige Tage nach der Annullierung seiner ersten Ehe im Januar 1499, damit Frankreich die Ansprüche auf das Herzogtum Bretagne behielt. Anne de Bretagne erbte damit alle Titel ihres Mannes Ludwig XII. und wurde 1504 das zweite Mal zur Königin von Frankreich gekrönt. Ihre Titel konnten sich sehen lassen: Königin von Frankreich, Königin von Sizilien, Apulien, Kalabrien und Neapel, außerdem Königin von Jerusalem und Herzogin von Mailand – und sie blieb Herzogin der Bretagne, aber mit der Einbindung dieses Herzogtums in Frankreich.

ihre Tochter Claude überlebte. Claude war formal die letzte bretonischen Erbin – sie heiratete aus politischen Gründen Herzog François von Angoulême. Als dieser später als Franz I. König von Frankreich wurde, übernahm er endgültig die Bretagne in französischen Besitz; nach Claudes frühem Tod integrierte er sie ins französische Königreich und entmachtete und verlegte 1532 das bretonische Parlament! An die Königin (Reine) Claude soll – der Legende nach – die ihr zu Ehren erfolgte Benennung der damals gerade gezüchteten Pflaumensorte „Reineclaude“ erinnern … Claudes Schwester, die 11 Jahre später geborene Reneé, wurde als einzige relativ alt – sie war mit Ercole II. d’Este, dem Sohn der Lucrezia Borgia verheiratet.

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Anne de Bretagne. Detail aus dem Gemälde Jean Bourdichon - Grandes Heures d'Anne de Bretagne (zwischen 1503 und 1508). – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:BNF_-_Latin_9474_-_Jean_Bourdichon_-_Grandes_Heures_d%27Anne_de_Bretagne_-_f._3r_-_Anne_de_Bretagne_entre_trois_saintes_%28d%C3%A9tail%29.jpg

 

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Wolfgang Freiherr von Polheim vollzieht die „Handschuhehe “ zwischen Anne de Bretagne stellvertretend für den abwesenden Maximilian I. von Habsburg. Illustration in La Lecture Journal des Romans, Nr. 83, 20-05-1857. – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Droit_cuissage.JPG

 

 

 Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

 

Um es vorwegzunehmen: Wunder ist eigentlich kein offizieller Titel, UNESCO-Weltkulturerbestätte schon. Aber bei dem Klosterberg, um den es hier gehen soll, darf man wohl gleichzeitig „Wunder“ und „Welterbe“ gebrauchen, auch wenn er noch nicht einmal ganz klar in die Bretagne gehört. Diese Unsicherheit – gehört er in die Normandie oder in die Bretagne? – verdankt er einer Laune der Natur: der Mont St. Michel, von dem die Rede ist, liegt auf einer von Ebbe und Flut mit starkem Strom und gewaltigem Tidenhub umspülten Gezeiteninsel innerhalb einer nach ihm benannten Bucht, genau im Mündungsgebiet des Flüsschens Cuesnon. Und da dieses knapp hundert Kilometer lange Gewässer der historische Grenzfluss zwischen Normandie und Bretagne ist, der seinen Verlauf in den letzten Jahrhunderten schon mehrfach geändert hat, wurde der Mont Sant Michel mal zur einen und mal zur anderen Region gezählt.

Kaum ein Bauwerk in Europa, das Menschenhand errichtet hat, ist so oft als „Wunder“, „heilig“ oder „Gottes wohlgefälliges Werk“ bezeichnet worden wie der in über 1000-jähriger Bauzeit seit dem 8. Jahrhundert errichtete und immer wieder veränderte Klosterberg Mont St. Michel, seit 1979 in der Liste der UNESCO als Stätte des Weltkulturerbes geführt.

War er schon seit dem Mittelalter ein überaus bedeutsames Pilgerziel, so zeugen nunmehr über 3,5 Millionen Besucher jährlich von seiner ungebrochenen Beliebtheit – diesmal als Touristendestination. 157 m über den Meeresspiegel ragt seine mit einer Figur des Erzengels Michael gekrönte Spitze auf und der gewaltige, vom gewachsenen Felsen ab wie eine mehrstufige Pyramide aufstrebende Baukörper ist schon aus sehr großer Entfernung auszumachen – wenn nicht der häufig über der Bucht sich bildende Nebel die Sicht behindert. Der ist übrigens zusammen mit dem tückischen, in zahlreichen Legenden mit dem für Bucht und Berg namengebenden Erzengel Michael in Verbindung gebrachten Sand der Bucht und mit der mitunter fast urplötzlich und mit ungeahnter Geschwindigkeit hereinbrechenden Flut verantwortlich für tausende Opfer, die in Unkenntnis der Gegebenheiten den Berg durch die Bucht watend erreichen wollten…

Eine Legende rankt sich auch um die Entstehung des Klosters: Als sich um 700 n. Chr. Aubert, Bischof von Avranches, oft auf die von Gezeiten umtoste Felseninsel zurückzog, auf der es mehrere Einsiedeleien gab, erschien ihm hier im Traum der Erzengel Michael mit der Aufforderung, eine Kirche für ihn zu erbauen. Der Bischof zögerte, und um die Ernsthaftigkeit des Ansinnens und seine göttliche Macht zu betonen, drückte ihm der Erzengel ein Loch in die Schädeldecke, ohne des Bischofs Haut zu verletzen. Der Schädel wird heute noch in der Kirche von Avranches in der Normandie gezeigt und der Bischof beeilte sich, die Kapelle zu errichten. Die Bedeutung als herausragendes Pilgerziel erhielt das Kirchlein, als Bischof Aubert Reliquien vom Erzengel aus dessen heiligem Ort Monte Sant Angelo in Apulien beschaffen und in diesem Gotteshaus unterbringen ließ.

Nachdem im 11. Jahrhundert eine normannische Kirche auf dem Gipfel des Felsens errichtet worden war, wandelte man die ursprüngliche Kapelle aus der Zeit des Frankenreiches in eine Krypta um, die zusammen mit weiteren Bauten die Plattform für die späteren Kirchen bildete. Vorzugsweise in der Gotik entstanden dann die herrlichen aufstrebenden Bauten der Kirche, der Abtei und der Gästeunterkünfte für illustre Pilger und gekrönte Häupter. Verschiedene Bauperioden und auch Verwendungszwecke folgten bis Ende des 19. Jahrhunderts. Stilelemente zumindest aus Romanik, Gotik, Renaissance und Klassizismus finden sich in dieser mit einer starken Befestigung umgebenen Klosteranlage, deren unbeschreiblicher Gesamteindruck niemals unter den Umbauten gelitten hat und sie bis heute zu einem der bedeutendsten Gebäudekomplexe Europas macht.

Das vielleicht aufregendste Detail ist der Kreuzgang, der trotz seiner umfassenden Restaurierung im 19. Jahrhundert die Besonderheiten eines einzigartigen Stils bewahrt hat, den die damals über das Gebiet des Mont St. Michel herrschenden Normannen aus der sizilianisch-normannischen Architektur, beeinflusst von islamischen Details, übernahmen. Der von schlanken, optisch versetzt gestellten Säulen getragene Kreuzgang heißt nicht umsonst „der Schwebende“ – in seiner dreidimensional wirkenden Erscheinung behindern ihn, da frei genau auf der Bergkuppe bzw. auf dem Dach der von dieser aufstrebenden Unterbauten stehend – keinerlei umliegende Bezugspunkte bis hin zum Horizont, was ihn in unwirklich scheinender Anmut und Leichtigkeit tatsächlich gleichsam zwischen Himmel und Erde schweben lässt …

montstmichel

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 Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Zweifellos einer der geschichtsträchtigsten Orte der Bretagne ist Vannes. Der Landstrich im Westen Frankreichs weist ohnehin - neben aufregenden Sehenswürdigkeiten - einige Besonderheiten auf: Ihre Bewohner sprechen eigentlich „Brezhoneg“, also Bretonisch, eine keltische Sprache, die besonders eng mit dem ansonsten in Wales (Großbritannien) gesprochenen Kymrischen verwandt ist. Bis ins 16. Jahrhundert hinein verlief die Geschichte der Bretagne weitgehend unabhängig von der Frankreichs, dem der Landstrich erst durch Heiratspolitik zugefügt wurde. So waren – und sind! – die Bretonen einem eigenen Geschichtsverständnis, eigenen Sitten und Traditionen verhaftet und sehen vieles noch bis heute „etwas anders“ als die französische Bevölkerung in den anderen Teilen der „Grande Nation“. Von der bretonischen Stadt Vannes hat die Geschichtsschreibung leider zuallererst eine Niederlage zu vermelden: hier, im Raum der alten gallo-römischen-Stadt Darioritum, musste sich der keltische Fürst den Franken unter Chlothar geschlagen geben. Die richteten hier eine Grafschaft ein und einer ihrer Herren, der bretonische Fürst Nominoe, wurde nicht nur Graf von Vannes, sondern machte sich vom damals fränkischen Staat unabhängig und machte die Bretagne zum eigenständigen Königreich.

Vannes, eine Stadt mit heute gut 50.000 Einwohnern, liegt am Flüsschen Marle, das hier in das Binnenmeer des „Golfes von Morbihan“ mündet. Ist diese weitläufige, von zahllosen Inseln durchzogene Meeresbucht, die den Gezeiten unterworfen ist, für sich schon ein Naturphänomen und eine bedeutende Sehenswürdigkeit, so ist Vannes mit Sicherheit ein Höhepunkt für jeden, der historische Städte mag. Die nahezu komplett erhaltene Fachwerkbebauung der Innenstadt ist genauso sehenswert wie die überwiegend gotische Kathedrale St. Pierre, die mit 110 m zu den längsten bretonischen Gotteshäusern gehört.

Dass Vannes seit 1379 Residenz der Herzöge der Bretagne wurde, sieht man der Stadt anhand ihrer teilweise großzügigen Anlage noch an. Im alten Schloss, am Rand der Altstadt an der bis heute gut sichtbaren Stadtbefestigung mit Mauern, Gräben und Wällen gelegen, tagte schon das bretonische Parlament. Herzog Jean V. (Johann der Eroberer – konfuserweise nach anderer historischer Sicht auch als Jean IV. bezeichnet, was mitunter zu Verwechslungen mit seinem Vater führt) hatte das nach seinem Wappentier, dem Hermelin, benannte Schloss als „Château de l’Hermine“ errichten lassen, als er 1379 während des Hundertjährigen Krieges aus englischem Exil in die Bretagne zurückkehrte. Schließlich erkannte ihn auch der französische Hof als rechtmäßigen Herrscher der Bretagne an (im 2. Vertrag von Guérande 1381) und der Herzog regierte von Vannes aus. Insgesamt tagte die bretonische Ständeversammlung hier neunzehn Mal. Da auch der Rechnungshof und der Hofstaat nunmehr in Vannes ihren Sitz hatten, gab das der Stadt gewaltigen Aufschwung.

Die bis heute hervorragend erhaltene Fachwerkbebauung legt davon Zeugnis ab, beherbergten sie doch nicht nur Angehörige des Hofes, sondern auch aufstrebendes reiches Stadtbürgertum. Aus dem 16. Jahrhundert ist ein ganz besonderes Bauwerk in Vannes erhalten: das alte Fachwerk-Waschhaus, an dem noch die einzelnen Waschplätze zu erkennen sind. In einer Schleife des Flüss-chens Marle, das hier die Stadtbefestigung wie ein Stadtgraben umfließt, schmiegt sich der schiefergedeckte Bau mit seinem Obergeschoss in Hochständer-Bauweise außen an die Stadtbefestigung. Der Waschhaus-Grundriss folgt dabei der Windung des Flussbettes – ein einzigartiges Gebäude, dass lebhafte Vorstellungen vom Leben in alten Zeiten zu erwecken vermag.

Im 16. Jahrhundert jedoch verlor Vannes seine Bedeutung. Herzogin Anne de Bretagne, letzte Nachkommin der bretonischen Herzogsdynastie war durch Heirat zweimal Königin von Frankreich geworden und hatte ihr Land gleichsam als Mitgift in die französischen Besitzungen eingebracht. Schon 1499 verlor Vannes den Status als Residenz und nach dem Tod der letzten bretonischen Erbin Claude (1524), auch mit einem französischen König verheiratet, entschied dieser, Franz I., mit großem Pomp und einem Turnier 1532 die Eigenständigkeit der Bretagne zu beenden. Im Jahr 1533 ließ er dann die Ständeversammlung nach Nantes umziehen. Erst 1675 wurde wieder eine Art Parlament in Vannes installiert.

vannes

 

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Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

 

Fast schon zu Lebzeiten war er eine Legende: Sébastien Le Prestre, der Marquis de Vauban, lebte von 1633 bis 1707 und stammte eigentlich aus eher bescheidenen Verhältnissen. In die Geschichte eingegangen ist er als Marschall von Frankreich, als General und natürlich als der Festungsarchitekt Ludwigs XIV.! Über seine Husarenstreiche, kühnen Sprüche und sein sprichwörtliches Selbstvertrauen echauffierte man sich bei Hofe und in Militärkreisen. In der Neuzeit setzte der französische Staat seinem berühmten Sohn ein besonderes Denkmal: 2007, zum 300. Todestag von Frankreichs bekanntestem Festungsbaumeister, ließ Frankreich einige seiner militärtechnisch bedeutsamsten und originellsten Fortifikationsanlagen auf die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO setzen. Seit 2008 zählen vierzehn seiner Bauwerke unter dem Namen „Festungen von Vauban“ zu den bedeutendsten Kulturgütern der Welt, von den anderen insgesamt etwa 150 Festungen stehen alle auf den nationalen Denkmallisten Frankreichs oder Deutschlands.

In der Bretagne hat er sich unter anderem mit dem Ausbau der historischen Altstadtfestung von Concarneau Ende des 17. Jh. ein Denkmal errichtet. Der bretonische Hafen ist nach der angelandeten Fischmenge der siebtgrößte Fischereiort Frankreichs und führend im französischen Thunfischfang. Er liegt im Departement Finistère und gehört zu den unbedingt sehenswerten Orten in der Bretagne.

Wer ein Luftbild des etwa 20.000 Einwohner großen Ortes (er hat also etwa die Größe von Radeberg in Sachsen) sieht, glaubt fast, ein gewaltiges steinernes Schiff am Rand des Hafens zu erkennen. In dieser Anmut etwa scheint die Altstadt, die „Ville Close“, am Meeresufer vertäut, von den Gezeiten des Atlantik zumindest während der Flut umspült. Bereits seit dem 12. Jh. ist die ehemalige felsige Gezeiteninsel durch Brücken mit dem Festland verbunden. Was einst als kleines, von der von irischen Mönchen recht früh gegründeten Abtei Landévennec bewirtschaftetes Tochterkloster begann, entwickelte sich seit dem 14. Jh. zu einer wehrhaften, von Mauern umschlossenen Hafenfestung. In den folgenden Jahrhunderten beständig erweitert, machte Frankreichs Festungsbaumeister Vauban den damals schon dichtbesiedelten und mit einer Garnison in der Altstadt versehenen Ort zu einem Schmuckstück der Festungsbaukunst.

Die Hauptstraße der überaus fotogenen „Ville Close“, jener „geschlossenen“ Altstadt, die nur etwa 350 m lang, und 100 m breit und von nur wenigen Straßen durchzogen ist, trägt noch den Namen des berühmten Festungsingenieurs.

Den Ort, der sich im Mittelalter zu einer wichtigen bretonischen Festung entwickelt hatte, zogen die Religionskriege in Frankreich Ende des 16. Jahrhunderts in Mitleidenschaft. Während in der darauffolgenden Zeit die Bretagne entscheidend für den Aufbau der Seemacht Frankreichs wurde, erkannte knapp hundert Jahre später Sébastien Le Prestre de Vauban rasch das Potential dieser alten Festung. Er ließ sie nach damals modernsten Gesichtspunkten umbauen, bezog aber viele alte Gebäudeteile ein, so dass bis heute uralte Tore und Türme mit moderneren Ein- und Ausbauten versehen, das Gesicht der Ville Close prägen. Nachdem Frankreichs erfahrenster Festungsarchitekt „Hand angelegt“ hatte, wurde sie als „Königliche Stadt“ einer der Eckpfeiler der Seekriegs- und Seefestungspolitik Ludwigs XIV. und seiner Nachfolger.

Getreu den Regeln der Renaissance-Festungsbaukunst, die Vauban vereinnahmte und weiterentwickelte, sollten die von den Wassern der Gezeiten umspülten Mauern der „Stadtfestung“ wie ein Schiffsbug feindliche Kanonenkugeln im Falle eines Beschusses einfach abprallen lassen.

Heute sind die Festungsanlagen noch komplett erhalten, was ein einmaliges Erlebnis erlaubt und Dutzende von Fotomotiven bietet, die „Remparts“ zu begehen. Aus der einmaligen Perspektive der alten Wehrgänge eröffnen sich zauberhafte Einblicke in die schmalen Straßen der kleinen Festungsstadt und wundervolle Ausblicke über Hafen und Meer.

 

VAUBANS FESTUNG CONCARNEAU

 

concarneau

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