Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Herrliche alte Städte hat die Bretagne zu bieten, ganz besonders malerische liegen an den Ufern des Atlantik und des Ärmelkanals, wie Concarneau, Roscoff, Brest oder St. Malo. Ihre festen, grauen Steinhäuser aus einheimischem Granit und – wie in St. Malo oder Brest – gewaltige, schützende und bis heute begehbare Stadtmauern oder furchteinflößende Zitadellen sind imponierende Zeugen einer Zeit, in der man hierzulande nicht nur Stürmen und Naturgewalten, sondern noch häufiger vielleicht den Angriffen möglicher Eroberer standhalten musste. Unendlich lang scheint die durch Felsbuchten und kleinen Inseln, schroffe Klippen, Felsenküsten mit rauen bis sanften Landzungen und immer wieder einladende, sandige Badebuchten geprägte bretonische Küste zu sein. So ist es nicht verwunderlich, dass die durchaus raubeinig und mitunter etwas verschroben wirkenden Einwohner – liebevoll und durchaus treffend beschrieben und charakterisiert in den Kriminalromanen eines Jean-Luc Bannalec (alias Jörg Bong) – die bei näherem Kennenlernen hilfsbereit, nett und gastfreundlich sind, aus den Tiefen ihrer Geschichte heraus eine starke und innige Verbindung zum Meer haben. Aus der Bretagne kamen und kommen Frankreich erfahrenste Seeleute, viele bedeutende Fischereizentren sind hier ansässig und schon in früheren Zeiten griffen Herrscher, Könige und Minister Frankreichs gern auf Personal aus der Bretagne zurück, wenn es um maritime Belange ging. Bis zur Französischen Revolution entwickelte sich der Landesteil zur wichtigsten Seeprovinz Frankreichs. Doch was wären die Seefahrt und ihre Historie ohne die vielen – nicht immer hundertprozentig glaubwürdigen – Geschichten und Anekdoten um maritime Erlebnisse, Seeschlachten, Schätze und natürlich Piraten. Kein Wunder auch, dass die meisten der französischen Seefahrer-Legenden und berühmten Kapitäne in der Bretagne beheimatet sind…

Während im „Goldenen Zeitalter der Piraten“, im 17.und 18. Jahrhundert, vor allem Briten und Holländer in der Karibik als Freibeuter und Jäger spanischer Schatzschiffe von sich reden machten und berühmte Franzosen wie der als besonders grausam bekannte François l’Olonnais (1630 – 1669), der aus der der Bretagne benachbarten Region Vendée stammte, eher die Ausnahme waren, kennt die lokale Geschichte Nordfrankreichs und die der Seefahrt in der Region schon lange vorher, aus der Zeit des Hundertjährigen Krieges gegen England und kurz danach berühmte bretonische Piraten, wie die als „Tigerin der Bretagne“ bezeichnete Anführerin Jeanne de Belleville aus dem 14. Jahrhundert oder den „König der Meere“ im 15. Jahrhundert, den aus Morlaix stammenden Jean Coatanlem.

Dann jedoch nutzte der französische König das „maritime Potential“ seiner im 16. Jahrhundert angegliederten westlichen Provinz und stattete die wagemutigen Seefahrer mit Kaperbriefen aus, so dass sie Krieg zur See gegen Frankreichs Feinde führten, mit Rückendeckung der französischen Krone. Besonders die „Stadt aus Granit“ St. Malo hat von daher den Ruf eines einstigen „Korsarennestes“ und vor allem in den zahlreichen Konfrontationen mit der auf der anderen Seite des Ärmelkanal liegenden Seefahrernation England festigte sich der Ruf der Bretonen und ihrer Seeleute als „Schrecken der Engländer“. St. Malo trägt bis heute ihren Beinamen als Korsarenstadt mit Stolz, verehrt die von hier entsandten Freibeuter als Helden und war ja sogar im Verlauf ihrer wechselvollen Geschichte einige Zeit als Republik unabhängig (vgl. dazu http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/262-saint-malo-eine-stadt-aus-granit-auferstanden-aus-ruinen)

Nicht wenige der als „Korsaren“ – dem romanischen Wort für „Kaperfahrer“ – bezeichneten bretonischen Kapitäne kamen zu Reichtum und Ansehen, einige wurden später in den Marine- und Staatsdienst übernommen. Zu den bekanntesten gehört René Duguay-Trouin (1673 – 1736), Sohn eines Reeders aus St. Malo. Er übernahm schon sehr jung das Kommando über ein eigenes Schiff und zeichnete sich durch viele erfolgreiche Kaperfahrten aus. Die Eroberung des für uneinnehmbar gehaltenen Rio de Janeiro und die reiche Beute seiner Expeditionen, an der jeweils der französische König einen Anteil erhielt, bescherten ihm zahlreiche Auszeichnungen wie die Erhebung in den Adelsstand und sorgten dafür, dass er nicht nur zum Geschwaderchef und ab 1728 sogar zum französischen Admiral ernannt wurde, sondern auch für seine Berufung in den Staatsrat der Krone. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Seehelden der Nation, immer wieder werden Kriegsschiffe und in Kürze auch ein Atom-U-Boot einer neuen Kampfklasse nach ihm benannt.

Noch bekannter wurde der mit Duguay-Trouin verwandte Robert Surcouf (1773 – 1827), ebenfalls aus St. Malo. Sein Leben bzw. einzelne Episoden daraus wurden mehrfach verfilmt, selbst Karl May hat ihm in seinen Erzählungen ein literarisches Denkmal gesetzt – in seiner Novelle „Robert Surcouf – ein Seemannsbild“ (1882) und als Kaperkapitän in der Erzählung „Halbblut“ (1889).

Surcouf machte bei Kaperfahrten vor allem gegen England reiche Beute und wurde zwischendurch in seiner Heimatstadt St. Malo ein geachteter Bürger, erfolgreicher Geschäftsmann und Schiffsausrüster, dem man später auf der breiten Promenade der Befestigungswerke von St. Malo ein bronzenes Denkmal setzte. Einen Namen machte er sich auch in den französischen Revolutionskriegen und der napoleonischen Zeit als Blockadebrecher der britischen Kontinentalsperre gegen Napoleon. Die britische Regierung setzte zeitweise auf ihn, der in Frankreich als „Geißel der Engländer“ gefeiert wurde und dessen bloßes Erscheinen auf einem Seekampfplatz 1808 im Indischen Ozean ausreichte, dass das britische Geschwader die Flucht ergriff, als Surcoufs Schiff erkannt wurde, ein Kopfgeld von fünf Millionen Franc auf ihn aus.

Seine Kaperfahrten bescherten ihm solch umfangreiche Beute, dass er als einer der reichsten Bretonen galt und aus seinem Reichtum auch keinen Hehl machte, obwohl nicht alle Unternehmungen als Schiffseigner erfolgreich verliefen. Eine Anekdote erzählt von Surcoufs Begegnung mit Napoleon Bonaparte, bei der der Kaiser dem Kaperkapitän ein hohes Kommando in der Marine anbot. Surcouf lehnte ab und Napoleon verwies auf die horrenden Verdienstmöglichkeiten. Der Korsar soll darauf gesagt haben, er sei bereits so reich, dass er den Boden seines Arbeitszimmers mit von Napoleon herausgegebenen Goldmünzen gepflastert habe. Als der verärgerte Kaiser daraufhin meinte, „das ist aber Verrat, denn da treten Sie mir beständig auf den Kopf!“, soll Surcouf trocken entgegnet haben: „Nein Majestät! Es sind so viele Münzen, dass ich sie auf den Rand gestellt habe!“ Auch dieser erfolgreiche bretonische Kaperkapitän ist seither in der Geschichte der französischen Marine Namenspatron zahlreicher Kriegsschiffe geworden - zuletzt für eine Fregatte der französischen Kriegsmarine. Ein Nachbau von Surcoufs achtem und letzten Kaperschiff „Le Renard“ liegt heute im Hafen von St. Malo.

Das Ende der napoleonischen Herrschaft nach der Niederlage bei Waterloo und verschiedene Neuerungen jener Zeit in den Marinen der Nationen beendeten schließlich das große Zeitalter der Piraten und Korsaren. Allerdings gibt es bis heute in St. Malo die Korsaren-Kutter Vereinigung, die – übrigens von dem nach dem Korsaren Duguay-Trouin benannten Kai aus – den Nachbau von Surcoufs Schiff verwaltet und im Sommer mit Touristen auf Küstenfahrt geht
(Link: http://www.etoile-marine.com )

 

 

 

Links: Surcouf-Denkmal auf der Stadtbefestigung von St. Malo. Foto: Dr. Krause

Rechts: Nachbau von Surcoufs Kaperschiff „Le Renard“. Foto: Jean Rémi. © Rémi Jouan, CC-BY-SAGNU Free Documentation LicenseWikimedia Commons