Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Nantes, die „historische Hauptstadt und Residenz der Herzöge der Bretagne“, ist heute zwar der Hauptort der nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffenen Region Pays de la Loire und damit verwaltungstechnisch von der geschichtsträchtigen Bretagne abgetrennt, aber durch ihre Rolle in der Geschichte bleibt die Stadt nach wie vor „typisch bretonisch“ und fehlt daher auch in keinem Reiseführer zur Bretagne. Eine andere Lesart würde auch Verwunderung auslösen, war der Ort mit seinem gewaltigen Schloss doch viele Jahre hindurch die Residenz der Bretagne und verlor seine große Bedeutung erst mit der Angliederung des Herzogtums an Frankreich zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Das Schloss der bretonischen Herzöge ist immer noch das eindrucksvollste Bauwerk dieser französischen Großstadt. Es wurde unter Herzogin Anne de Bretagne (1477 – 1514) zu einem der wichtigsten Herrscherorte Frankreichs – und auch später beherbergte es noch prachtvolle Hofhaltungen verschiedener französischer Könige. So hielt sich auch Henri IV hier auf, der in Nantes 1598 sein berühmtes Edikt unterzeichnete, das den Protestanten Religionsfreiheit zusicherte.

Gleich neben dem Schloss präsentiert sich die eindrucksvolle Kathedrale Saint-Pierre, überwiegend in französischer Spätgotik, im Flamboyant-Stil errichtet. Ihre insgesamt mehrhundertjährige Bauzeit (1434 – 1891) wird nur von wenigen europäischen Kirchen – wie z.B. dem Kölner Dom (1248 – 1880) – übertroffen. Das vielleicht bedeutendste der hier zu findenden Kunstwerke stammt aus der Renaissance: das Grabmal von Franz II., (1435 – 1488), dem Herzog der Bretagne, und seiner Gemahlin Margarethe von Foix. Es war ursprünglich die Grablege des Herzogs in der Nanteser Karmeliterkirche, die aber während der französischen Revolution abgerissen wurde. So bildet bis heute die Kathedrale von Nantes einen würdigen Rahmen für das einzigartige Kunstwerk, das nun im südlichen Seitenschiff beheimatet ist. Herrlich gestaltet aus schwarzem und weißem Marmor ist das Meisterwerk von den qualitätvollen Skulpturen der vier Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit umgeben.

Die Gestaltung von „Gisants“ – so der Fachterminus für besondere, plastisch gestaltete Darstellungen liegender Totenfiguren auf Sarkophagen oder Kenotaphen – geht vielleicht bis in die Antike zurück, tauchte aber erst im Hochmittelalter mit deutlicher ikonografischer Veränderung und zeitlich-geografischer Entfernung wieder auf. Dort jedoch wurde sie häufiger und sehr ausdrucksstark verwendet.

Der Skulpteur und Bildhauer Michel Colombe – verantwortlich auch für andere Marmorkunstwerke, die aber trotz ihrer Kunstfertigkeit zumeist nicht die Qualität und Ausdruckskraft des Herzogsgrabmals von Nantes erreichen – hat dieses grandiose Renaissance-Ensemble entworfen. Die bekanntesten Werke von ihm – zumindest die, welche die Wirren der Zeit überlebt haben - stammen aus seiner späten Schaffensperiode. Der in Bourges um 1430 geborene Meister schuf die meisten seiner Skulpturen in Tours, wo er seine letzten zwanzig Lebensjahre verbrachte.

Die Elemente seiner Darstellung des Herrscherpaares Franz II. und dessen Gemahlin Margarethe von Foix bestechen vor allem, neben der qualitätvollen Ausführung, durch ihre Detailtreue – geradezu besessen achtete der Künstler auf jede Kleinigkeit im Faltenwurf der Gewänder und bei der Herausarbeitung von Mustern auf der Kleidung oder angedeuteter Schmuckstücke. Durch diese detaillierte Gründlichkeit bei der Gestaltung von Gesichtsausdrücken und Handhaltungen, bei denen jedes Hautfältchen am richtigen Platz sitzt, ebenso wie genau herausgearbeitete Muskeln, Wangen und Handbewegungen, entsteht für den Betrachter echte Glaubwürdigkeit bezüglich des dargestellten Gefühls. So prägen sich sofort auch Einzelheiten wie die Fingergrübchen ein, durch die man glaubt, die Intensität des Gebets an den gefalteten Händen ablesen zu können, oder effekthaschend gelegte Haarlocken aus hartem Marmor, was den Darstellungen eine fühlbare Lebendigkeit verleiht.

Geschickt nutzt der Künstler – wie damals üblich – seine Fähigkeiten, um Allegorien bis hin zur Personifikation aufzubauen. So trägt seine Allegorie der Klugheit wohl auch nicht zufällig die Züge der Tochter des Herzogs, Anne de Bretagne. Eine ähnlich glaubhafte Lebensechtheit der dargestellten Szene erreichte Colombe, der 1515 in Tours starb, auch mit der Grablegung Christi, die er um 1496 für die Benediktinerabtei Saint-Pierre-de-Solesmes nahe der Stadt Le Mans in der historischen Provinz Anjou erschuf.

Hinweis: Zu Nantes schrieb Dr. Michael Krause 2014 einen Artikel im „Bretonischen Kaleidoskop“: http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/268-nantes-historische-hauptstadt-und-residenz-der-herzoege-der-bretagne

 

Das Grabmal von Herzog Franz II. und seiner Gemahlin Margarethe von Foix in der Kathedrale Saint-Pierre in Nantes. Foto Dr. Krause.

Siehe auch Text und Fotos unter: https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombeau_de_François_II_de_Bretagne