Literatur in der Bretagne - Ein Streifzug

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Dass die Bretagne eine eigene Sprache hat, die zu den durchaus etwas „altertümlich“ erhaltenen des keltischen Zweiges der indogermanischen Sprachen gehört und mit dem Cornischen in Cornwall und dem Kymrischen in Wales verwandt ist, haben wir schon an anderer Stelle im „Kaleidoskop“ erwähnt (siehe http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/260-die-sprache-der-bretonen). Aufgrund der Quellenlage lassen sich jedoch wirkliche altbretonische Schriften nicht genau rekonstruieren oder beschreiben, auch nicht die Ursprünge bretonischer Literatur. Aus der literarischen Frühzeit der Region lässt sich am ehesten indirekt etwas aus in Latein gehaltenen Schriften vor allem der Kirche und der Klöster oder aus Berichten der Nachbarn in altfranzösischer Sprache erfahren: Elemente der zahlreichen (keltischen) Überlieferungen rund um den Sagenkönig Artus wurden beispielsweise von Legenden aus der Bretagne inspiriert und Schriften und Briefe des unter anderem durch seine unglückliche Liebesgeschichte mit seiner Schülerin Heloise berühmt gewordenen bretonischen Mönchs und Gelehrten Petrus Abaelardus, geboren bei Nantes und später Abt des abgelegenen bretonischen Klosters Saint-Gildas-en-Rhuys, bereicherten das geistige Leben des 12. Jh. Auch Brito, der vielleicht bekannteste bretonische Literat des 13. Jh., verfasste als Chronist „Guillaume le Breton“ sein Versepos „Philippide“ zur Verherrlichung des französischen Königs Philipp II. August in Latein…

Seit dem 15. und 16.Jh., also seit der Zeit, als das Herzogtum Bretagne bereits immer stärker vom großen Nachbarreich Frankeich beeinflusst und schließlich durch Heirat in dieses integriert wurde, gab es mehrere nachgewiesene bretonische Dichter und (Geschichts-)Schreiber … aber deren bevorzugte Schreib-Sprache wurde Französisch. Im 17. Jh. machte die feinsinnige, gebildete Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné (1626 – 1669) von sich reden. Die in Paris Geborene hatte einen bretonischen Adeligen geheiratet und ging vor allem durch ihre Briefe in die Literaturgeschichte ein. Beinahe ein ganzes literarisches Genre hingegen beeinflusste der Bretone Alain René Lesage (1668 – 1747), der in seinem Schelmenroman „Gil Blas“ auch autobiografische Züge verwendete, Erinnerungen an seine Jugend in der Gegend um Vannes einflocht und die französische Gesellschaft seiner Zeit vorführte - auch wenn sein Pikaro-Roman in Spanien spielte… Immerhin beeindruckte er spätere Generationen so, dass eine der namhaftesten französischen Satirezeitschriften des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh. als ihren Namen den des Roman-Titelhelden wählte …

Zu den berühmtesten bretonischen Autoren französischer Sprache und einem der bedeutendsten der französischen Romantik zählt der Schriftsteller und Politiker François René de Chateaubriand (1768 – 1848) aus St. Malo, der in seinem erst ab 1849 veröffentlichten Hauptwerk „Mémoires d’outre tombe“ (Erinnerungen von jenseits des Grabes: meine Jugend, mein Leben als Soldat und als Reisender (1768 – 1800) unter anderem seine Kindheit und Jugend auf Schloss Combourg schildert; das Schloss liegt auf einem Hügel oberhalb der namensgebenden Stadt Combourg im Departement Ille-et-Vilaine.

Das Jahr 1839 wurde für die bretonische Sprache und Literatur ein Schlüsseljahr, denn in diesem Jahr veröffentlichte der Sprach- und Altertumswissenschaftler Théodore Hersart de La Villemarqué (1815 – 1895) aus Quimper unter dem Titel „Barzaz-Breiz“ zum ersten Mal eine Sammlung bretonischer, bis dahin nur mündlich überlieferter Volkslieder, Erzählungen und Legenden. Hersart de La Villemarqué, der auch korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie der Künste war, veröffentlichte diese Sammlung auf Bretonisch mit französischer Übersetzung. Das „Barzaz-Breiz“ erreichte – der romantischen und zeitgenössischen Neugier auf „ländliche Kultur“ folgend – eine große Verbreitung und machte die bretonische Volkskultur erstmals auch weit über Frankreichs Grenzen bekannt: schon 1858 erlebte es unter dem Titel „Bretonische Volkslieder“ eine Übertragung ins Deutsche.

Auch der Volkskundler und Literaturprofessor Anatole Le Braz (1859 – 1926), Begründer einer frühen regionalistischen bretonischen Bewegung, bemühte sich nachhaltig um die Bewahrung des bretonischen kulturellen und literarischen Erbes, veröffentlichte aber nur auf Französisch; seine auf Bretonisch geschriebenen Gedichte hingegen blieben weitgehend unveröffentlicht oder blieben verstreut. Von seinen vielen bretonischen Legenden wurde der Novellenband „Le Sang de la sirène“ noch zu seinen Lebzeiten ins Deutsche übersetzt (Sirenenblut,1908). Mit dem 1886 erschienenen und höchst erfolgreichen Roman „Pêcheur d’Islande“ (Islandfischer), der u.a. im bretonischen Paimpol spielt, setzte der Marineoffizier und Schriftsteller Pierre Loti (1850 – 1923) dem harten Leben der bretonischen Fischer ein literarisches Denkmal. In kaum einem anderen literarischen Werk wird die Küstenregion der Bretagne mit ihren vielfältigen Landschaften und Stimmungen so facettenreich beschrieben…

Aber auch andere, jüngere literarische Erzeugnisse sind so etwas wie „Liebeserklärungen“ an die Bretagne und insbesondere an ihre Küstenlandschaften. Ob der 1910 und 1927 verfilmte Roman „Das Meer“ des deutschen Schriftstellers Bernhard Kellermann (1879 – 1951) oder das 1975 erschienene Lebenswerk „Le Cheval d’orgueil“ (Das Pferd des Stolzes) des bretonischen Schriftstellers und Volkskundlers Per Jakez Helias (1914 – 1995), das nicht nur in 18 Sprachen übersetzt, sondern sogar 1980 von Claude Chabrol verfilmt wurde (lief in Deutschland lief unter dem Titel „Das Traumpferd“) – sie alle bestimmen seit Jahrzehnten das Bild von der Bretagne mit. Das gewissermaßen jugendliche Alter Ego von Per Jakez Helias war der Dichter und Schriftsteller Xavier Grall (1930 – 1981), dessen Gedichte und Prosawerke eine neue junge, politisch engagierte Literatur in der Bretagne markierten. Zwar schrieb Xaver Grall nicht auf Bretonisch, aber gezeichnet vom Algerienkrieg gehörte er zu denjenigen, die sich für eine stärkere bretonische Unabhängigkeit gegenüber Frankreich und von der französischen Kultur einsetzten und Helias als bloße Traditionalisten kritisierten ...

Ähnlich wie in der Musik, die starke Anleihen bei den keltischen Traditionen aufnimmt, werden auch auf literarischem Weg immer wieder Besonderheiten, Einzigartigkeit und Eigenart sowie Eigenständigkeit der Bretagne hervorgehoben. Heute gibt es eine florierende bretonische Literaturszene, in der Tradition und Moderne eine weltoffene Verbindung eingehen (siehe http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/themenblaetter-zur-bretagne/322-themenblatt-kultur-literatur-theater-tanz-vokal-musik-verlage-medien/). Eine vielfältige regionale Verlagslandschaft begleitet heute diese neuen Dichter- und Schriftstellergenerationen. Ein Kreis von Schriftstellerkollegen um den 1944 geborenen Michel Le Bris rief 1990 ein internationales Literatur- und Filmfestival in Saint-Malo ins Leben, das unter dem Namen „Étonnants Voyageurs“ (http://www.etonnants-voyageurs.com/) seither alljährlich stattfindet. Mit jeweils aktuellem Motto versehen – 2016 beispielsweise mit dem bezeichnenden Titel „Schriftsteller und Künstler im Chaos der Welt“ – fand es auch im Juni 2017 wieder statt, diesmal unter dem Titel „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Wieder an etwa 25 Stätten, Cafés und Buchhandlungen mit Lesungen, Debatten und Sitzungen zog es auch diesmal wieder Zehntausende in seinen Bann.

Zum Schluss lässt es sich kaum vermeiden, auf den deutschen Kriminalschriftsteller Jean-Luc Bannalec (sein wirklicher Name ist Jörg Bong) hinzuweisen. Mit seinen inzwischen sechs Bänden mit dem Kommissar Dupin als Hauptfigur ist es dem Verleger und Schriftseller Jörg Bong, Jahrgang 1966, nicht nur gelungen, einem breiten deutschen Publikum die Bretagne mit ihren liebenswerten und spannenden Abweichungen vom „normalen“ Frankreich literarisch zu erschließen und populär zu machen. Seine bretonischen Krimis wurden auch verfilmt und neben anderen Sprachen natürlich ins Französische übersetzt; die Region Bretagne dankte ihm, indem sie ihn 2016 mit dem Titel „Mécène de Bretagne“ auszeichnete (http://www.kiwi-verlag.de/autor/jean-luc-bannalec/1455/).

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Abbildungen: Verlagswerbungen © Coop Breizh, © Presses universitaires de Rennes, © Wagenbach