Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Zu den vermutlich archaischsten noch gesprochenen Sprachen der indogermanischen (indoeuropäischen) Sprachfamilie gehört das zum keltischen Zweig der indogermanischen Familie zählende Brezhoneg, das Bretonische. Die aktive Verwendung einer solchen keltischen Sprache im täglichen Leben gilt als Kriterium für die Einordnung des betreffenden Volkes unter die „keltischen Nationen“, von denen es derzeit sechs gibt – neben der Bretagne gehören Schottland, Irland, Wales, Cornwall und die Insel Man dazu. Interessanterweise gelten hierbei die Bretonen, wiewohl sie an der Nordwestspitze des französischen Festlands leben, als „Inselkelten“. Das hängt mit ihrer Herkunft zusammen, denn sie stammen nicht direkt von den Galliern ab, die seit den Gallischen Kriegen des Römischen Imperiums von Rom erobert und als Kolonien romanisiert worden waren, sondern von den Bewohnern der antiken Inselregion „Britannien“.

Obwohl die Römer nach 55/54 v.Chr. auch weite Teile des heutigen Großbritannien eroberten, zogen sich viele ihrer Herkunft nach keltische Stämme in die westlichen und nördlichen Gebiete der größten Insel Europas zurück. Zumindest den Nordteil eroberte Rom nicht, im 2. Jh. n.Chr. errichteten sie einen Limes, eine befestigte Grenze, den Hadrianswall. Auch im Südwesten – in Wales und Cornwall – blieben keltische Stämme bestehen. Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches in der Völkerwanderung mussten sich die Keltenvölker Großbritanniens einer neuen Herausforderung stellen: Im 5. Jh. wanderten Stämme der Angeln, Warnen, Jüten, Sachsen und Friesen ein und es begannen – spätestens nach Rückzug der letzten Römertruppen, die zur Verteidigung des Weströmischen Reiches gegen andrängende Germanenstämme und Steppenvölker (z.B. die Hunnen) gebraucht wurden – die Kämpfe zwischen Germanen und Kelten um die Herrschaft in Britannien.

Schon seit der Bronze- und frühen Eisenzeit, erst recht seit den Zeiten der römischen Kolonisation, hatten rege Kontakte zwischen Britannien und seinen Keltenvölkern und den nach und nach romanisierten Kelten – Galliern – südlich des Ärmelkanals bestanden. Während sich in Britannien die Gebiete der einwandernden, noch heidnischen Germanenstämme immer weiter ausdehnten, wichen viele Kelten vor allem aus dem heutigen Wales und von der Halbinsel Cornwall, die damals bereits das Christentum angenommen hatten, auf das kontinentale Festland aus, auf die relativ dünn besiedelte, damals „Aremorica“ genannte Halbinsel aus.

Die immer größer werdende Zahl der Einwanderer von der britischen Insel brachte nicht nur das Christentum in den von ihnen besiedelten Landstrich, sondern auch ihre keltische Sprache und Kultur. Diese begannen sich auszubreiten und nach und nach die in Nordwestfrankreich entstandenen gallorömischen Besonderheiten aufzuheben. Die „Neusiedler“, die von der Insel auf das Festland kamen, gründeten nahezu überall ihre alte Heimat im jetzigen Siedlungsgebiet neu – das verraten nicht nur der Name Bretagne – „Britannien“ (und auch im Englischen als Groß- und Klein-Britannien bezeichnet) – sondern auch zahllose Ortsnamen im Nordwesten Frankreichs, wie z.B. der Name der traditionsreichen Halbinsel Cornouaille, Teil des heutigen Départements Finistère, deren Name nichts anderes als „Cornwall“ besagt – nur in französischer Schreibweise.

So wurden schon seit dem Anfang des nachchristlichen Jahrhunderts neue Königreiche von den Einwanderern aus dem Süden Großbritanniens gegründet – als erstes wohl das Königreich Armorica vom sagenhaften ersten Herzog und König der Bretagne Conan Mériadoc – und wenige Jahrzehnte später die bretonischen Königreiche Dommonée, Vannes und Cornouaille (West-Bretagne), von dessen ersten sagenhaften König Gradlon die bekannte Sage vom Untergang der Stadt Ys berichtet (siehe unseren Beitrag „Die Legende von Ys“).

Diese an mehreren Stellen erfolgten Gründungen keltischer Königreiche schalteten im 6. Jh. den gallorömischen Einfluss nahezu völlig aus und wurden schließlich zu einem Königreich zusammengefasst. Ihre Mundarten – getrennt vom aktiven Sprachgebrauch in Cornwall und Wales, möglicherweise auch doch noch beeinflusst durch Reste des vor der Römerzeit gesprochenen keltischen Idioms – gingen eigene Wege und entwickelten sich zu einer eigenständigen keltischen Sprache, die schon wenig später als Brezhoneg bezeichnet wurde.

Zwar unterwarf der Frankenkönig Karl der Große die neu entstandene bretonische Nation 799 und verleibte große Teile davon dem Frankenreich ein, doch gelang es dem bretonischen Grafen Nominoë um 845 den König des Westfrankenreiches zu besiegen und die Bretagne zu einem unabhängigen Herrschaftsgebiet zu machen. Die Uneinigkeit seiner Nachfolger jedoch und die starke Heermacht der benachbarten Normannen brachten der Bretagne nicht nur größere Gebietsverluste, im 10. Jh. mussten die Bretonen sogar zeitweilig die Oberhoheit der Normannen anerkennen.

Dennoch wurden die Bretonen wieder unabhängig und als Herzogtum Bretagne gelang es ihnen, noch für fast 500 Jahre eine Autonomie und teilweise sogar bedeutende militärische Position gegenüber der Normandie – seit der Schlacht bei Hastings 1066 auf das engste mit dem Königreich England verbunden – und Frankreich zu behaupten.

Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…

Die Migration der keltischen Britannier auf das Festland im 6. Jh. n.Ch. - Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Britonia6hcentury.png/640px-Britonia6hcentury.png

Die bretonischen Königreiche im 9. Jh. n.Ch. - Quelle:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/27/Map_Kingdom_of_Brittany_845-867-de.svg/707px-Map_Kingdom_of_Brittany_845-867-de.svg.png