Wie eine der bekanntesten bretonischen Wallfahrtskirchen entstand

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Er war ein Narr, dieser Salaün: so will es zumindest die Legende, die den Namen des Ortes Le Folgoët als „Wald des Narren“ beschreibt und gleich noch mit erklärt, warum dieser kleine Ort mit der Basilique Notre-Dame du Folgoët eine der prächtigsten und vielleicht ungewöhnlichsten Kirchen der Bretagne besitzt. Auf jeden Fall sind die Geschichten über die Wahl des Bauplatzes und die historischen Hintergründe des Kirchenbaues bezeichnend für die Mystik und Eigenwilligkeit der Bretagne, tragen sie doch sowohl der tiefen Religiosität der Bretonen und ihrer Vorliebe für Legenden einerseits als auch ihrem Hang zu Eigenständigkeit, zur Originalität und vor allem zur Unabhängigkeit andererseits Rechnung. Vielleicht war der als „armer Irrer“ oder Dorftrottel beschriebene Namensgeber des Ortes, auf den alle bedeutenden Reiseführer verweisen, ja auch nur ein durch die damaligen unruhigen Zeiten im Bretonischen Erbfolgekrieg (1341 bis 1364) Verwirrter oder durch die beständigen Kriegshandlungen Traumatisierter und psychisch auffällig Gewordener – auf jeden Fall war er höchst religiös und passte in die für die damalige Bretagne typische ausgeprägte Marienverehrung. Er soll in einer hohlen Eiche im Wald von Lesneven (im Nordosten des heutigen Département Finistère) gewohnt und kaum gesprochen haben – das einzig Verständliche, das er bei seinen ständigen Gebeten an der nahen Quelle gemurmelt habe, wäre ein Marienanruf auf Bretonisch gewesen: „Itron Gwerc’hez Vari“ – „Herrin, Jungfrau Maria“.

Grund für den Bau der spektakulären Kirche, die heute noch Tausende jedes Jahr – etwa bei der Autosegnung am letzten Julisonntag oder beim großen Pardon, der Wallfahrt im September – in ihren Bann zieht, ist aber das Wunder, das nach dem Tod von Salaün geschah: eine Lilie erwuchs aus seinem Grab, deren Blütenstempel die Worte „AVE MARIA“ wie in Goldstaub nachbildeten. Man versuchte, dieses unzweifelhafte Wunder zu erklären, und bemerkte dabei, dass die heilige Blume aus dem Mund des Beerdigten entsprossen war. In der ganzen Bretagne sprach man von der märchenhaften Marienerscheinung und genau zu dieser Zeit entschied sich der Erbfolgekrieg in Herzogtum Bretagne. Jahrzehntelang hatten die Nachkommen aus den beiden Ehen Herzog Arthurs II. von Bretagne um die Vorherrschaft im westlichen Nachbarland Frankreichs gekämpft und sich dabei wechselseitig mit den Parteien des in dieser Zeit ebenfalls ausgetragenen „hundertjährigen“ Krieges zwischen England und Frankreich verbündet. Eine blutige Zeit also, in der jede Partei Gottes Segen für den eigenen Sieg erflehte und dafür dem Himmel freigiebig Opfer und Stiftungen gelobte.

Auch die Partei Johanns von Montfort, Gegner des durch Eheschließung mit einer Erbin aus erster Ehe ins herzogliche Umfeld geratenen und von vielen bretonischen Adeligen unterstützten Karl von Blois, gelobte die Stiftung einer prachtvollen Kapelle für die Jungfrau Maria, falls diese ihm im Kampf um die Bretagne Beistand leisten würde. 1364 beendete die Schlacht von Aray, in der einer der Widersacher, Karl von Blois, den Tod fand, den Bretonischen Erbfolgekrieg und Johann V. von Montfort wurde als Herzog der Bretagne anerkannt. Daraufhin begann er eilig, sein Baugelübde einzulösen. Es entstand eine prächtige, später durch ihren Kapellen-Anbau ungewöhnlicherweise L-förmige Basilika, die schließlich Jahrzehnte später, 1423, während der Regierungszeit seines Sohnes vollendet wurde. Dieser Sohn, Johann VI., Herzog der Bretagne, heiratete eine Tochter des französischen Königs und schloss sogar einen späten Frieden mit den einstigen Widersachern aus dem Erbfolgekrieg.

Neben der – durch den Zeitgeschmack und die damalige Bauwut begründeten und daher nicht weiter verwunderlichen – großen Ähnlichkeit zur etwa in der gleichen Bauzeit entstandenen Kathedrale der alten Bischofsstadt Treguir weist der Kirchenbau dennoch einige Besonderheiten auf. Der Kirchturm aus dem 15. Jahrhundert gilt bis heute als einer der schönsten in der Bretagne und als Hinweis auf die Verbindung zur Jungfrau Maria errichtete man in der Kirche den Altar genau über der Quelle, aus welcher der Wunder wirkende Narr immer getrunken hatte. Bis heute kann man auch als Besucher aus dieser Quelle trinken, denn das frische Wasser strömt immer noch unter dem Altar hervor und wird in ein Becken geleitet, aus dem die Pilger – von außen an der Mauer des Chorhauptes – das heilige Nass schöpfen.

Wie bei vielen der bretonischen Sakralbauten verwendete man Kersantoner Granit für die Kirche von Le Folgoët. Aus diesem besonders schwer zu bearbeitendem Material sind nicht nur die fünf Altäre der Kirche, sondern auch die Statue der Madonna von Le Folgoët und der herrliche Lettner, alles Meisterstücke bretonischer Steinmetzkunst.

Die französische Geschichte hatte eigentlich ein schlimmes Schicksal für das wundervolle Bauwerk vorgesehen: nach der Plünderung und der anschließenden generellen Säkularisierung im Zuge der Französischen Revolution sollte es abgerissen werden! Bauern der Umgebung jedoch taten sich zusammen und kauften gemeinsam das Gebäude, um es für den bretonischen Glauben zu erhalten. Nach der Rückkehr der Bourbonenkönige konnte das dadurch nicht zerstörte Bauwerk dann Stück für Stück wieder restauriert und schließlich wieder geweiht werden – vielleicht ein später Triumph des gläubigen Narren …

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Links:  Die Basilique Notre-Dame du Folgoët. Foto/Quelle: Par besopha (La basilique Uploaded by Magnus Manske) [CC BY-SA 2.0], https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_basilique_(6061719250).jpg.
Rechts: Der Brunnen am Chorhaupt der Basilique Notre-Dame du Folgoët, den das Wasser aus der Quelle speist, aus welcher der Wunder wirkende Salaün einst getrunken hatte. Foto: Dr. Michael Krause.