Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Sie gehört zu den „Grands Sites de France“, zu den „Bedeutenden Stätten Frankreichs“. Als einzige Landschaft der Bretagne ist sie mit diesem Prädikat versehen. Sully Prudhomme setzte ihr mit seinem Gedicht „La Pointe du Raz“ ein literarisches Denkmal. Die „Pointe du Raz“ oder – wie sie auf Bretonisch heißt – „Beg ar Raz“ ist eine felsige Landzunge am Westzipfel der Bretagne und somit einer der geografisch westlichsten Punkte Frankreichs. Gleichzeitig ist dieser Ort, an dem sich die Bretagne oft von ihrer rauesten Seite zeigt, ein äußerst beliebtes Ausflugsziel mit über einer Million Besuchern pro Jahr. Und die wissen, warum sie kommen: Es gibt einen Küstenweg mit nahezu schwindelerregenden Ausblicken, wilde, ungezügelte Natur voller Legenden um Piraten, Strandräuber und Schiffbrüche, die sich nicht zufällig um die aufregende Landschaft ranken. Dazu ein modernes Besucherzentrum hinter dem großen Parkplatz, das Informationen und Souvenirs bietet – all das empfängt hier den Besucher, der sich auf einem ausgedehnten Spaziergang all das ansehen kann, was zur meistverkauften Postkartenansicht der Bretagne gehört.

Es sind mehrere landschaftlich reizvolle Teilabschnitte, die die spektakuläre Umgebung rings um die „Pointe du Raz“ gestalten. Seit den umweltschutzverträglichen Umgestaltungen der späten neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts empfängt ein informatives Besucherzentrum – etwas versteckt an der „Porte du Cap Sizun“ gelegen – mit einem großen vorgelagerten Parkplatz den Ansturm der Touristen, denn die letzen paar hundert Meter bis zur Felsenspitze müssen alle zu Fuß gehen. Das heißt, wer die urwüchsige Natur genießen und sich dem Lärm der Brandung ganz allmählich nähern möchte, der kann bis zum eigentlichen Kap-Felsen vorwandern – wer aber weniger gut zu Fuß ist, für den werden, zumindest in der Hauptsaison, Shuttlebusse vom Parkplatz zur Pointe du Raz bereitgestellt.

Auffallend am Kap ist zunächst die Statue der von Cyprien Godebski 1904 geschaffenen „Muttergottes der Schiffbrüchigen“. Sie steht vor dem „Sémaphore“, diesem maritimen Signalturm aus dem frühen 19. Jahrhundert, der heute Eigentum der Marine und nicht zu besichtigen ist – denn dessen Hauptzweck ist es immer noch, die Sicherheit der Schifffahrt zu gewährleisten. Gerade hier ist die richtige Stelle für eine solche Aufgabe, denn dort, wo sich für den Betrachter der Blick fast grenzenlos hinaus aufs Meer und über die die spektakuläre Felsenszenerie hin zur Île de Sein weitet, befindet sich eine der berüchtigtsten und tückischsten europäischen Meeresströmungen. Der „Raz de Sein“ (wobei „Raz“ für Stromschnelle oder starke Strömung steht) macht das Überwinden der Meerenge zwischen Festland und der sturm- und brandungsumtosten Île de Sein zu einem fast bei jeder Witterung höchst gefährlichen Abenteuer und alte Quellen berichten, dass sie „niemand je ohne Angst oder Schmerz passiert“ hätte.

Bei guter Sicht wandert der Blick zu mehreren Leuchttürmen. Der am weitesten entfernte – „Ar Men“ – liegt noch hinter der Insel Sein und im Nordosten erhebt sich auf einem winzigen Felseneiland der „Phare de Tévennec“. Die Einheimischen haben mit ihrer Namensgebung der zornigen Natur Rechnung getragen – „Enfer de Plogoff“ („Inferno oder Hölle von Plogoff“) nennen sie den schmalen Felsrücken, der, vom tobenden Meer seit Jahrhunderten erodiert und zernagt, durch die Strömung ins Meer hinein- und auf die Île de Sein zuläuft. Dabei heben sich einzelne Felsformationen bis 70 Meter aus dem Meer. Auf der letzten hat der eindrucksvolle Leuchtturm „La Vieille“ Platz gefunden, der zumeist recht malerisch und trotzig aus der Gischt aufragt.

Hunderte Schiffe und Fischerboote sind hier in den Jahren seit der Antike, als die Römer erste Leuchtfeuer auf den Inseln errichteten, in die Tiefe hinabgezogen oder auf den Felsen zerschmettert worden. Wenige Kilometer nördlich, nicht ganz so weit westlich in die Strömungen hineinragend, liegt die „Pointe du Van“, die nicht ganz so spektakuläre Blicke bietet. Dafür allerdings ist der Weg dorthin besonders malerisch und romantisch, bei entsprechend windigem Wetter kann er aber auch recht anstrengend sein. Dafür kommt man an der hübschen Chapelle Saint-They aus dem 15. Jahrhundert vorbei, die man hier als Ruhe- und Gebetspunkt wegen der Bucht, die sie überragt, errichtet hat. Diese wiederum liegt nördlich vom Felsvorsprung der Pointe du Raz und verbindet Letztere mit dem nächsten Kap – eben der erwähnten Pointe du Van. Der Name der Bucht sagt schon fast alles aus, denn die Bretonen nennen sie „Boe an Anaon“ (Bucht der Seelen zur Not). Aber auch ihr französischer Name ist genauso deutlich: „Baie des Trépassés“, „Bucht der Dahingeschiedenen“. Allerdings ist dieser Name, wie Etymologen herausgefunden haben, wohl weniger auf die vielen Opfer der zahlreichen Schiffbrüche, die sich hier ereigneten und die seit Jahrhunderten zur Bildung von Legenden über diesen „schrecklichen Ort“ beigetragen haben, zurückzuführen, sondern eher mit einer altenbretonischen Geschichte verbunden. Früher mündete ein Bach, der jetzt in benachbarte Sümpfe fließt, direkt in die Bucht; man benutze ihn dazu, die sterblichen Überreste der keltischen Priester, der Druiden, hierher zu befördern, damit sie auf der geheimnisvoll mit der „Unterwelt“ verbundenen Insel Sein zur letzten Ruhe gebettet werden konnten. Die Meeresbucht aber wurde damals wohl „Boe an Aon“ genannt – Bucht des Baches – und hat dann ihre leicht makabre aber doch recht eindrucksvolle Bedeutung wohl erst mit einer Umdeutung zum ähnlich klingenden „anaon“ = „Seelen in Not“ erhalten.

 

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Die Pointe du Raz in friedlicher Stimmung. Foto: Dr. Michael Krause.

 

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Brandung an der Pointe du Raz.
Foto: Gerd Thiele, 2005. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Brandung.jpg (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode).

 

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Die Statue „Notre-Dame des Naufragés“ („Muttergottes der Schiffbrüchigen“) von Cyprien Godebski (1835-1909). Pointe du Raz, Finistère.
Foto: Vassil (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons, 2007.