Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Ich befinde mich in einer wunderbar wilden Landschaft, inmitten von Felsen und einem unglaublichen Farbenmeer; ich bin voller Begeisterung, auch wenn mir die Arbeit schwer fällt, denn ich war daran gewöhnt, den Ärmelkanal zu malen und der Ozean ist wirklich etwas ganz anderes“, so schrieb Claude Monet 1886, als er „Die Felsen von Belle-Île, die wilde Küste“ malte,an seinen Malerfreund Gustave Caillebotte. In der Tat, das Farbspiel, mit dem die Insel kokettiert, könnte sich kein Künstler wirkungsvoller ausgedacht haben: das tiefe Blau des Wassers und das Schiefergrau der Felsen – im Kontrast mit schneeweiß gekalkten Häusern, dem intensiven Gelb des Ginsters und dem satten Grün der Wiesen: die Schöne hat ihren Namen wahrhaft verdient! Zu jeder Jahreszeit ist die „Belle-Ȋle“ reizvoll – das Kleinod der Bretagne kann mit den verschiedensten Landschaften auf engstem Raum aufwarten und verzaubert nicht nur durch ihre eingangs erwähnten Farbenspiele.

Für ausgedehnte Spaziergänge oder gar Ausritte auf der nur 87 km² großen Insel, die bretonisch „Enez ar Gerveur“ heißt, hatten schon die Prominenten verschiedener Zeitalter etwas übrig. Sarah Bernhardt, die bis heute hier verehrte berühmte Schauspielerin des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, zog sich wieder und wieder hierher zurück, da sie hier „neue künstlerische Kräfte“ schöpfen konnte. Im 16. Jahrhundert schenkte der französische König das gut zehn Kilometer südlich der Halbinsel Quiberon (bret. Kiberen) liegende Eiland seinem Marschall von Retz. Der ließ am Hafen des Hauptortes Le Palais eine Festung anlegen. Mitte des 17. Jahrhunderts kaufte Nicolas Fouquet, Finanzminister unter Ludwig XIV., die Insel, die dann aber, als er in königliche Ungnade fiel, Königsgut wurde. Ludwigs Festungsbaumeister Vauban nahm sich sodann der Zitadelle an, womit sie ihr heutiges Aussehen erhielt. Bis 1960 war das Bauwerk, dessen markante sternförmige und dreieckige Ravelinen und schiffsbugartige Mauern und Wälle bis heute den Eindruck größter Wehrhaftigkeit erwecken, im Besitz des Militärs. Dies kam nicht von ungefähr – die im Meer liegende Insel mit Festung war in zahlreichen Konflikten Angriffsziel, besonders der Engländer und Holländer, und wurde auch mehrfach englisch besetzt.

Geologisch gesehen ist die Belle-Île ein gewaltiges, ein paar Dutzend Meter über das strömungsreiche Meer aufragendes Schieferplateau. Fast wie eine weit ins Meer vorangeschobene Fortsetzung der Halbinsel Quiberon, die ähnlich faszinierende Küstenlandschaften aufweist, präsentiert sich auf Südwestseite der Belle-Île die „Côte Sauvage“, die „wilde Küste“. Sie verdient ihren Namen ebenso wie die „schöne Insel“. Voller Dramatik tosen die Wellen gegen die grauen Schieferfelsen und hinein in die tief eingeschnittenen fjordartigen Buchten, die nicht selten unterhöhlt und von Spalten, Rissen und schmalen Schluchten durchsetzt sind. Wie ein norwegischer Fjord im Mini-Format wirkt der schmale Mündungstrichter des Flüsschens Sauzon im Norden der Insel, kurz vor der Pointe du Cardinal und der noch dramatischer als Insel-Nordkap vorspringenden Pointe des Poulains, jener Felsenspitze, die Sarah Bernhardt so liebte und in deren Nähe sie ein Anwesen kaufte, in dem heute ein ihr gewidmetes kleines Museum eingerichtet ist. Nördlich von hier, abgeschnitten durch die tosenden Gewalten und durch einen Meeresarm von der übrigen Insel getrennt, ist der Landzunge noch ein Felsen mit einem Leuchtturm vorgelagert. Der kann aber nicht mit dem „Grand Phare“ konkurrieren – der große, 52 Meter hohe Leuchtturm von Goulphar wurde schon 1836 in Dienst gestellt und reicht mit seinem Leuchtfeuer fast 50 Kilometer weit aufs Meer.

Die vielleicht schönste und wohl auch bei Touristen beliebteste Stelle der „wilden Küste“ aber sind die Felsnadeln von Port-Coton! Wie Watte, so sagt man, sähe der Schaum des Meeres aus, der hier in der Brandung an den Schieferfelsen entsteht – und das gab der Bucht ihren Namen. Die Straße endet hier direkt am Meer, dort, wo sich ein wundervoller Ausblick auf die vorgelagerten, wie Nadeln aus dem Meer hervorstechenden Felsen bietet. Und so ist die kleine Bucht mit den „Aiguilles de Port-Coton“, den „Felsnadeln des Baumwollhafens“ denn auch einer der reizvollsten und malerischsten Anblicke, den die an Höhepunkten nicht gerade arme bretonische Küste zu bieten hat…

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An der Côte Sauvage. Foto: Dr. Michael Krause

 

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An der Côte Sauvage. Felsnadeln bei Port Coton. Foto: Dr. Michael Krause

 

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Blick auf die Vauban-Zitadelle. Foto: Dr. Michael Krause

 

Literaturtipp für Spaziergänge auf Belle-Île und anderen bretonischen Inseln:
50 balades faciles dans 30 îles de l’Ouest. Dimanche Ouest-France. Hors Série, Rennes 2015, 112 S., 6,90 € — Belle-Île: S. 58-65.