Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Da hat sich Jean-Luc Bannalec, hinter dessen Pseudonym die Presse den Verleger, Literaturwissenschaftler und Herausgeber Jörg Bong vermutet, der seit 2013 Verlegerischer Geschäftsführer der S. Fischer Verlage ist, ja wirklich einen schönen Schauplatz für den dritten Fall seines stets etwas mürrischen Kommissar Dupin ausgesucht! Die Halbinsel Guérande, benannt nach dem wunderhübschen mittelalterlichen Städtchen, in dem – noch heute komplett von seiner Stadtmauer umgeben – die Zeit stehen geblieben scheint, ist von bezaubernder, wenngleich etwas mystisch und geheimnisvoll wirkender Schönheit. Zwar liegen Landschaft und Stadt heute in der Region Pays de la Loire und gehören verwaltungsmäßig zum Département Loire-Atlantique, historisch gesehen ist die Gegend aber eindeutig der „alten Bretagne“ zuzuordnen, auf die auch der Name – romanisiert aus dem bretonischen „Gwenrann“ – hindeutet.

Noch etwas anderes sagt der Name aus: „gwen“ bedeutet auf bretonisch „weiß“ – und das bezieht sich auf das „weiße Gold“ der Gegend, die seit der Frühzeit ihren Reichtum aus den ergiebigen Salzfeldern bezieht. Seit 1.400 Jahren gewinnen die Bretonen – mit bis heute nahezu unveränderter Technik und immer noch in Handarbeit – auf beeindruckend einfache Art höchst begehrtes Meersalz. Über ein ausgeklügeltes System von flachen Kanälen und miteinander verbundenen Wasserbecken läuft das salzhaltige Wasser des Atlantik in die „Salzgärten“ genannte, großflächige Saline. Dabei wird das Meerwasser mechanisch durch ein seit Jahrhunderten genau berechnetes und immer neu wiederhergestelltes minimales Gefälle portioniert, wobei mittels einfacher Brettchen und Abschottungen der Zufluss geregelt werden kann. Am Ende der Kanäle und Überläufe liegen die kleinen, flachen Verdunstungsbecken, in denen sich das Wasser durch Verdunstung in Sole verwandelt und schließlich dann das Meersalz auskristallisiert. Ein schmaler Kanal, der die Verbindung vom Ozean zur Bucht von Guérande und den Verdunstungsbecken herstellt, speist die knapp 900 Salinen, die zusammen eine Fläche von ungefähr 2.000 Hektar einnehmen. Bis heute befinden sie sich nach alter bretonischer Tradition im Privatbesitz von gut 30 salzproduzierenden Familien, den „Paludiers“, die die hochwertigen Salzprodukte mit eigenem Gütesiegel und durch ihre Genossenschaft verkaufen, zu der sie sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zusammengeschlossen hatten. Man kann die Salzgärten besichtigen, die Führungen gehen zumeist vom Salzmuseum Saille aus und zeigen anfangs auch die teilweise uralten Häuser der Salzbauern.

Die Arbeit ist immer noch mühselig, obwohl die Natur einen großen Teil übernimmt: Von Becken zu Becken wird die Salzkonzentration des Atlantikwassers in der prallen Sonne immer größer. An den heißen Tagen fällt das besonders hochwertige „Fleur de Sel“ als dünne weiße Schicht an der Wasseroberfläche aus und wird mit großen, rechenartigen Werkzeugen, „Las“ genannt, abgeschöpft. An der Oberfläche entsteht das begehrte „Fleur du Sel“, das man vor allem als Küchengewürz benutzt, beim Auskristallisieren am Boden der Saline – die fast ganz austrocknet – das grobere „Sel gris“, das man zwar auch noch für Speisen verwenden kann, das heute aber vor allem aber industriell bzw. für Kosmetik nutzt.

Beherrscht wird die Halbinsel am „Golf von Guérande“ von der gleichnamigen, hübschen ummauerten alten Stadt. In Guérande scheint die Zeit stehengeblieben. Schon im 9. Jahrhundert war der Ort zeitweilig Bischofssitz, aber größere Bedeutung bekam er erst als Festungsstadt im 14. Jahrhundert während des bretonischen Erbfolgekrieges. In dieser Zeit wurde der Ort befestigt und bis ins 15. Jahrhundert immer wieder verstärkt. Heute besitzt die Stadt noch ihren kompletten Mauerring, besetzt mit sechs Türmen und geöffnet durch vier Stadttore – bis heute die einzigen Zugänge zur Innenstadt. Zu Füßen der Festungsmauer findet alljährlich im August ein keltisches Festival statt, „Les Celtiques de Guérande“. Blickfang im Inneren der Stadt ist vor allem die Stiftskirche „Collégiale Saint-Aubin“, deren Gründung auf das 9. Jahrhundert, auf die Herrschaft des bretonischen Königs Salomon, und noch früher zurückweist. Ihre verzierte Westfassade und ihre Außenkanzel am Strebwerk sind eine Augenweide!

Geschrieben am 18. März 2015

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Salzgärten und Salz von Guérande. Fotos: Dr. Michael Krause.

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Stadtmauer von Guérande. Fotograf: Bernd Reichelt. Aufnahme: November 2005.
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Guerande_Stadtmauer.jpg

 

Der Kriminalroman zum Thema:
Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Gold. Kommissar Dupins dritter Fall.
KiWi-Paperback 2014, 352 Seiten, ISBN: 978-3-462-04622-9.