Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Mor braz“ „großes Meer“ oder gar „großer Ozean“, so nennen die Bretonen den Atlantik. Da nimmt es nicht wunder, dass es dazu auch ein Gegenstück gibt: „mor bihan“, das „kleine Meer“. Gleichsam durch eine Laune der Natur entstanden – eine Bodensenkung aus dem Tertiär, dem letzten großen Erdzeitalter vor Beginn der Neuzeit mit dem Klimawandel, der die Eiszeit hervorbrachte –, gehört die Landschaft um besagte Meeresbucht zu den schönsten und vielleicht auch geheimnisvollsten, die die Bretagne zu bieten hat. Heute vor allem ein Paradies für Angler und Freizeitkapitäne, hat der Golf von Morbihan fast alles, was einen Urlaub in der Bretagne attraktiv macht: ein dichtes Nahverkehrsnetz per Boot, viele malerische Inseln, eine reiche Tier- und Pflanzenwelt – vor allem Fischreichtum und paradiesische Bedingungen für zahlreiche Wasservögel –, ungeahnte Kulturschätze und attraktive Dörfer und Städte direkt am Wasser bzw. in dessen unmittelbarer Umgebung.

Vannes, der alte Parlamentssitz der Bretagne, mit seiner hübschen, von Fachwerk geprägten Altstadt und das kaum weniger reizvolle Städtchen Auray mit Kirchen, altem Hafen und schönen Flaniergassen liegen in unmittelbarer Nähe des Golfs. Auch die Dörfer Carnac und Locmariaquer, bekannt durch ihre zahlreichen mystischen steinzeitlichen Hinterlassenschaften aus der geheimnisvollen Großsteinkultur, aber auch zahlreiche Inseln und die übrige „Golfküste“ mit ihren pittoresken Hafenorten machen die Umgebung des „Golfe du Morbihan“ zu einem Paradies für Unternehmungslustige.

Ihre Entstehung – erst in jüngerer Zeit der letzten paar tausend Jahre – verdankt die herrliche Landschaft wie schon erwähnt einer Bodensenkung und – erheblich später – dem gewaltigen Ansteigen des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit. Fast siebzig Meter, so haben Experten errechnet, ließen die ungeheuren Mengen an Schmelzwasser vor weniger als 10.000 Jahren die Ozeane weltweit ansteigen und verschlangen alle ufernahen Gebiete, ehemalige Flussläufe und Flachstrecken, die heute an den Meeresrändern liegen und weniger als 70 Meter tief sind. Die Landkarte Europas formte sich auf diese Weise endgültig und im Westen des heutigen Frankreich entstand dessen größte Halbinsel, die heutige Bretagne, und die vielleicht 20.000 Hektar große Bodensenke, die vorher schon durch Erosion zerrissen und in Hügel und Täler eingeteilt war, wurde überflutet. Während das steigende Meer von dieser Senke Besitz ergriff, ragten die Hügelchen und Berge – sofern hoch genug – immer noch ein Stück über die Wasserfläche hinaus und bilden bis heute die mehr als 60 Inseln und Eilande, die den Golf von Morbihan wie ein zerklüftetes Binnenmeer erscheinen lassen (Karte).

Dass der Golf jedoch keines ist und im Gegenteil fest zum Meer gehört, das lassen die Gezeiten erkennen, die an der bretonischen Küste mit großen Höhenunterschieden präsent sind und die man gerade hier im Golf sehr deutlich wahrnimmt. Dabei ist die Öffnung der großen, flachen Meeresbucht zum Ozean hin recht schmal – gerade mal einen Kilometer misst die Meerenge zwischen der Landspitze "Pointe de Kerpenhir" in Locmariaquer im Westen und der Landspitze „Pointe Port-Navalo“ in Arzon im Osten. Mit Geschwindigkeiten von bis zu vier Metern pro Sekunde strömt das Wasser bei Flut in den Golf und zieht bei Ebbe wieder hinaus. Das ist eine der stärksten Gezeitenströme in Europa und beileibe nicht ungefährlich, wodurch denn auch in den Gewässern des „Golfe du Morbihan“ wegen der Gezeiten-Unterschiede und des oft flachen Wassers viele Strömungen herrschen und für Ortsunkundige die Unterstützung durch Lotsen aus den Jachthäfen des Golfes angeboten wird. Die Besonderheiten dieses bretonischen Gewässers haben sogar die Konstruktion eigener, nur hier beheimateter Bootstypen hervorgerufen: der „Sinagot“, eine Art Miniatur-Schoner (Foto). Er entstand im kleinen Hafen Séné bei Vannes, und ein ganz ähnlicher Typ, der „Forban“, der sich nur in der Gestaltung des Bootsrumpfes vom Sinagot unterscheidet, entstammt den Bootswerften von Le Bono bei Auray.

Neben dem Besuch der Großsteinmonumente und einzigartigen historischen Stätten wie den Alignements von Carnac, den Menhiren von Locmariaquer oder dem ebenfalls dort gelegenen größten Einzel-Dolmen (Großsteingrab) Europas, dem „table des marchands“ (= “Tisch der Kaufleute“) ist das vielleicht Aufregendste, das man hier erleben kann, eine Bootsfahrt durch die Inselwelt des Golfes von Morbihan. Auch auf den Inseln der Meeresbucht kann man Großstein-Monumente bewundern: Auf der Insel Gavrinis erhebt sich ein gewaltiger, jungsteinzeitlicher Grabhügel mit Gang und steinerner Grabkammer, auf dem Inselchen Er Lanic finden sich zwei Steinkreise und rund um den Golf erheben sich auf den Landzungen Menhire und Steingräber. Eine Gezeitenmühle („Moulin de Pomper“) nutzte schon früher die gewaltigen Energien, die die Gezeiten in sich tragen. Zu den bewohnten Inseln, die unbedingt einen Besuch wert sind, gehören die Île d’Arz und natürlich die Île aux Moines, die größte der bewohnten Golfinseln; sie war einst Klosterbesitz und beeindruckt heute mit üppiger Vegetation und mondänen Villenorten – Feriensiedlungen vom Feinsten. Die Île aux Moines hat aber noch mehr zu bieten, denn neben den bescheidenen, aber sehr malerischen weißen Häusern der einheimischen Fischer stehen große Häuser aus Natursteinen, die sich erfolgreiche Reeder und Kapitäne hier einst haben erbauen lassen. Vielleicht wollten auch sie hier auf dieser Insel ins Träumen geraten, denn neben hübschen kleinen Kapellen und steinernen Brünnlein gibt es Strände, Felsformationen und kleine Kiefernwaldungen, bei denen schon die Namen Romantik pur ausstrahlen: Seufzerhain, Liebeswald, Hag der Reue … Man braucht schon einige Zeit, um die Besonderheiten dieser einerseits noch von Fischertraditionen und urwüchsiger Lebensweise getragenen, andererseits schon vom modernen Tourismus erschlossenen, aber von ihm noch nicht verfälschten Landschaft zu entdecken und zu verinnerlichen. Dann aber bräuchte man natürlich noch viel mehr Zeit, weil man ja eigentlich bleiben möchte …

Geschrieben am 18. März 2015

 

golf morbihan karte
golf morbihan

 

 

Karte vom Golfe du Morbihan. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Golfe_du_morbihan.png#/media/File:Golfe_du_morbihan.png. Autor: Luna04.

Foto: Ein Sinagot auf dem Golf du Morbihan (1993). Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sinagot2.jpg. Autor Luna04.

Weitere Fotos vom Golf du Morbihan: http://de.tourisme-vannes.com/entdecken-sie/der-golf-von-morbihan