Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Als „historische Hauptstadt und Residenz der Herzöge der Bretagne“ wird die mit über einer halben Million Einwohnern größte Stadt der Bretagne in den Reiseführern apostrophiert. Im Gefolge einer noch heute umstrittenen „Gebietsreform“ aus dem Jahre 1941 wurde der Ort zwar als Hauptort der Region Pays de Loire von der eigentlichen Bretagne abgespalten und zur Hauptstadt des Département „Loire-Atlantique“ gemacht, durch seine geschichtliche und kulturelle Prägung ist er aber nach wie vor „typisch bretonisch“. Hatte nicht im 10. Jahrhundert hier Fürst Alain Barbe-Torte, ein Nachkomme der bretonischen Könige, der vor den Normannen nach England geflohen war, nach seiner Rückkehr die Unabhängigkeit der Bretagne wieder hergestellt? Hatte nicht das Herzogsgeschlecht der Montforts die Stadt Nantes gegenüber Rennes als Hauptstadt bevorzugt? Und hatte nicht der französische König Henri IV., als die Bretagne schon zu Frankreich gehörte, in Nantes das berühmte Edikt unterzeichnet, dessen 92 Artikel die Religionsfragen regeln sollten? Und hatte nicht jüngst das Pariser Magazin „L’Express“ vom 8. Oktober 2014 die Frage der Wiedervereinigung von Nantes und dem Département Loire-Atlantique mit der Gebietskörperschaft Bretagne zum Thema eines ganzen Dossiers gemacht?

Bis heute ist das Schloss der bretonischen Herzöge eines der eindrucksvollsten Bauwerke von Nantes. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert, sein Bau wurde unter der Herzogin Anne de Bretagne (1477– 1514) vollendet und beherbergte später die prachtvollen Hofhaltungen französischer Könige von Karl VIII. (1470 – 1498) bis Ludwig XIV. 1638 – 1715). Heute beherbergt es ein Geschichts- und Kunstmuseum, ist auch ein Ort vielfältiger kultureller Veranstaltungen (http://www.chateaunantes.fr). Nach langwierigen Restaurierungsarbeiten kann man nun wieder die ganze Wehrmauer betreten und sich ein Bild von der gewaltigen Anlage machen.

Unser Weg dorthin führt vorbei an der eindrucksvollen Kathedrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul, deren mehrhundertjährige Bauzeit (von 1434 bis 1891) nur von wenigen europäischen Kirchen – wie z.B. dem Kölner Dom (von 1248 bis 1880) – übertroffen wird. Sie enthält bedeutende Kunstwerke vor allem aus der Zeit der Renaissance – hier ist besonders eindrucksvoll das Grabmal von Franz II. (1435 – 1488), Herzog der Bretagne, und seiner Gemahlin Margarete de Foix im südlichen Seitenschiff, herrlich gestaltet aus schwarzem und weißem Marmor und umgeben von den Skulpturen der vier Tugenden. Weiter führt der Weg zum Place Maréchal Foch. Benannt nach dem französischen Oberbefehlshaber im Ersten Weltkrieg, der am 8. November 1918 nahe der nordfranzösischen Stadt Compiègne die deutsche Waffenstillstandsdelegation empfing, ist dies ein attraktiver Stadtplatz. Umstanden ist er von Stadtpalästen aus dem 18. Jahrhundert, die vom Stadtplaner Jean-Baptiste Ceineray (1722 – 1811) konzipiert wurden, und in seiner Mitte steht eine bedeutende Statue des letzten französischen Königs vor der Revolution, Ludwig XVI. (1754 – 1793), dessen auf einer 28 Meter hohen Säule stehendes Standbild erst 1823 eingeweiht wurde.

Auf der anderen Seite des Schlosses kann man ebenfalls einen guten Einblick in die Geschichte der Stadt bekommen. Im einstigen Quartier Bouffay, das wegen seiner gleichnamigen Pfarrkirche auch Quartier Sainte-Croix genannt wird, gibt es nicht nur die wenigen, gut erhaltenen Fachwerkhäuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert in den Straßen und Gassen rund um die Stadtkirche, sondern auch jede Menge gemütlicher Bistros und Kneipen, wo man in beschaulichem Ambiente im Freien sitzen und bis zum Erwachen des durchaus respektablen Nachtlebens hier einen petit café, einen Calvados oder Pastis oder auch ein Glas Wein trinken kann… Interessant ist auch das dahinter liegende Viertel, beendet vom Gebäude des Großen Theaters von 1783, dem Zentrum des Nanteser Kulturlebens, mit den zentralen Plätzen Place du Commerce und Place Royale. Beide wurden vom Architekten Mathurin Crucy (1749 - 1826) gestaltet, der von 1811 bis 1813 auf der Place du Commerce die Börse erbaute und auf den die Idee eines zentralen Brunnens zurückgeht. Dieser wurde 1865 aufgestellt, beherrscht bis heute als Wahrzeichen der Stadt die Place Royale. Die Börse und die neben ihr liegende „Passage Pommeraye“ – eine Ladengalerie auf drei Ebenen, geschmückt mit Metall- und Holztreppen, Säulen, Balustraden, kleinen Statuen und Laternen (http://www.passagepommeraye.fr) – deuten bis heute auf die Geschäftigkeit und Geschäfte der Stadt Nantes hin – denn auch nach der Angliederung der Bretagne an Frankreich mit dem Unionsvertrag von1532 blieb sie eines der großen Handelszentren. Etwa die Hälfte des einträglichen Sklavenhandels wurde über Nantes abgewickelt, das damit zum Zentrum des „Atlantischen Dreieckshandels“ wurde: französische Waren wurden von hier nach Afrika gebracht, an der dortigen Küste gegen Sklaven eingetauscht, die nach Amerika zu den Plantagen gebracht wurden. Dort erzielte man Bestpreise für die dringend benötigte menschliche „Ware“ und kaufte dafür vor allem Zuckerrohr, Kaffee, Tabak und Baumwolle, die sich wiederum in Frankreich gut verkaufen ließen. Auch berühmte Leute wie Voltaire waren an diesem Handel beteiligt ...

Erst das Ende des Sklavenhandels 1815 und die Verlandung des Loirehafens brachten die Gründung des „Vorhafens“ St. Nazaire, eine Industrialisierung und schließlich große Veränderungen durch das dem modernen Verkehr Rechnung tragende Zuschütten eines Teils des Flusses Erdre und eines Loirearms mit sich.

Heute ist Nantes bedeutend auf dem Dienstleistungssektor und „verjüngt“ sich durch eine gewaltige Zahl von Studenten – mehr als 50.000 studieren an der dortigen Universität (http://www.univ-nantes.fr) und den zwölf Hochschuleinrichtungen des einstigen Hauptortes der Bretagne. Aus den – nunmehr weitgehend stillgelegten – alten Loire-Werften und ihren Metallwerkstätten, die bis 1987 aktiv waren, hat man etwas ganz Besonderes gemacht: auf dem Gelände haben Experimentierwerkstätten und ein gewaltiges Technikmuseum der besonderen Art ihren Platz gefunden: Ein ganzer Maschinenzoo voller Fantasiewesen, von denen nicht wenige der Gedankenwelt eines Jules Verne – der utopische Autor wurde 1828 in Nantes geboren und sehr vom Treiben des Hafens und seiner Werften und Industrieanlagen angeregt – entsprungen sind. „Les Machines de l’Ȋle“ bevölkern seit 2007 das alte Industriegelände und wurden zu einem gigantischen und hochinteressanten Museumskomplex zusammengefasst (http://www.lesmachines-nantes.fr/de). Als erstes sieht man den 12 Meter hohen mechanischen Elefanten, der mit einer Schar Museumsbesucher als „Mitreiter“ auf dem Rücken gemächlich und ab und zu Wasser prustend das Gelände durchschreitet. Dann fällt das etwa 25 Meter hohe „Carrousel des Mondes Marines“ (etwa „Karussell der Meereswelten“) ins Auge. In ihm drehen sich 35 verschiedene kuriose „Meeresbewohner“, gefertigt aus alten Schiffsteilen und –zubehör, einige lassen sich sogar besteigen und mechanisch bewegen. Und schließlich noch die „Maschinenhalle“, das ist eine mechanische Versuchswerkstatt, in der sich Stühle in die Erde eingraben, man auf einer mechanischen Raupe sitzen oder sich ein paar Mal am Tage mit Hilfe eines Krans unter einem riesigen Phönix hängend in die Lüfte erheben kann. All das lässt sich kaum wirklich so beschreiben wie es abläuft: DAS muss man gesehen haben!

 

Das Schloss der Herzöge der Bretagne

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Foto: Dr. Krause

 

 

Das Grabmahl von Herzog Franz II. und seiner Gemahlin Margarete de Foix in der
Kathedrale St. Pierre

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Foto: Dr. Krause

 

 

Der mechanische Elefant im Maschinenpark „Les Machines de l’Ȋle“

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Foto: Dr. Krause