Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Da stehen wir nun im Sonnen- und Windstaat Deutschland. Windparks und off-shore-Anlagen, gewaltige Flächen voller Solar-Paneele sollen also künftig komplett die notwendige Energie für den immer weiter um sich greifenden Fortschritt in Deutschland liefern … Aber sind Sonne und Wind wirklich „alternativlos?“ In der Bretagne hatte man bereits seit den 1960er Jahren ein alternatives Energiekonzept in Angriff genommen, zugegebenermaßen auch dieses nicht unumstritten und nicht völlig folgenlos für die Umwelt, aber – obwohl bisher fast ein Einzelstück – sehr erfolgreich: das bis 2011 weltgrößte Gezeitenkraftwerk.

Die Rue Départementale D 168 zwischen St. Malo und Dinard führt über einen besonderen Damm, der wiederum die trichterartige, den Gezeiten unterworfene Flussmündung der Rance überquert. Insgesamt etwa 750 Meter lang, vereinigt das Bauwerk eine (betonierte) Staumauer, einen Staudamm, ein regulierendes Sperrwerk und einen Schleusenbau. Und wofür das alles? Mit diesem Absperrbauwerk konnte ein etwa 22 km² großer Stausee vom Meer abgetrennt werden – fast das gesamte Gebiet der Mündung des Flüsschens Rance, das während der Gezeiten mal einen tiefen, trichterförmigen See bildet, mal freifällt und nur eine schlammige Geländevertiefung fast ohne Wasser ist.

Die Gezeiten an der bretonischen Küste gehören mit gewaltigen Wasserstands-Unterschieden zu den stärksten in der Welt. Durchschnittlich 12 bis 14 Meter ist der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten Wasserstand bei Ebbe und dem höchsten bei Flut – an vielen Punkten der Küsten Westfrankreichs, Englands, Schottlands oder Irlands können verwunderte „Landratten“ beobachten, wie die auflandige Flut in wenigen Minuten Meter um Meter der schönen Sandstrände „frisst“, wie eben noch in Strandnähe liegende Erhebungen zu wellenumspülten Inseln werden – übrigens auch an der deutschen Nordseeküste, denn dieses Randmeer des Atlantik weist fast überall große Gezeitenunterschiede auf.

In Frankreich gab es bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Pläne, die gewaltige Gezeitenenergie zu nutzen, aber die Versuche scheiterten an der Finanzierung, später kam der Krieg und die Pläne wurden auf Eis gelegt. Dann aber kam Schwung in die Sache: 1961 wurde mit dem Bau an einer der großen, den Gezeiten unterworfenen bretonischen Flussmündungen begonnen und 1966 wurde das Gezeitenkraftwerk von Präsident Charles de Gaulle eingeweiht. Ein Jahr später führte schon die Straße über den Sperrdamm und das Kraftwerk speiste Elektroenergie ins Netz ein. Bis 2011 war es das größte seiner Art, erst dann wurde seine Leistung von 240 MW von einem südkoreanischen Bau um 14 MW übertroffen. Doch in den 45 Jahren bis dahin war das bretonische Gezeitenkraftwerk das weltweit größte; es erzeugte pro Jahr etwa 500 GWh Strom – das ist immerhin ein Fünfhundertstel des gesamten französischen Strombedarfs.

Dabei ist das Prinzip der Gezeitenkraftwerke relativ einfach. Seit Jahrhunderten bekannt, gab es „Meeresmühlen“ in vielen Ländern an Atlantik und Nordsee, schon seit dem Mittelalter wurde die grundlegende Technik in der Bretagne genutzt: mindestens 70 sog. Getreidemühlen sind belegt, die Gezeitenkraft und Tidenhub nutzten. Die einzige davon noch erhaltene – wenn auch restauriert – ist die Moulin du Prat, ebenfalls an der Rance, einige Kilometer nördlich von Dinan.

Heute kommen hunderttausende Touristen jährlich, um sich ein Bild vom Gezeitenkraftwerk zu machen: Die technische Leistung ist beeindruckend: Jeden Tag können insgesamt 720 Millionen Kubikmeter Wasser durchströmen – je zweimal pro Tag das gesamte Fassungsvermögen des durch die Mauer abgesperrten Rance-Stausees von 180 Millionen Kubikmeter Wasser rein und raus, bis zu einem gewissen Grad durch die Sperrwerke regulierbar.

Während die Staumauer 24 Turbinen mit drehbaren Flügeln beherbergt, die sowohl bei hereindrückendem Flut- als auch bei ablaufendem Ebbe-Wasser funktionieren, hält sie gleichzeitig das bei geöffneten Wehren hereinströmende Wasser zurück, damit es so allmählich abfließt, dass es lange zur Stromerzeugung genutzt werden kann. Die kaum vorstellbare Menge von 15.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde strömt so in das und aus dem Rance-Becken. Eine 65 m lange, aber nur 10 m breite Schleusenanlage sorgt dafür, dass Boote und kleine Schiffe bei entsprechendem Wasserstand zwischen Meer und aufgestauter Flussmündung wechseln können - etwa 16.000 sind es pro Jahr – während pro Tag bis zu 35.000 Fahrzeuge die Straße über den Damm nutzen – nicht wenige halten auf einem der großen Parkplätze, um sich das Rance-Kraftwerk aus der Nähe anzusehen.

Natürlich haben die inzwischen fast fünfzig Jahre, in denen das Sperrwerk existiert, ökologische Spuren hinterlassen: Der Salzgehalt des Rance-Stausees ist geringer als der des Meeres geworden – Salzwasser-Tierarten haben sich zurückgezogen, Brack- und Meerwasserarten wurden verstärkt. Die Verlandung der Rance-Mündung ist relativ weit vorangeschritten, da Schlamm und Ablagerungen zurückgehalten werden und nicht ungehindert ins Meer abfließen können, und die Turbinen können zwar von kleineren Fischarten und sogar Tintenfischen passiert werden, aber nicht von großen Arten oder Seehunden, so dass diese heute nicht mehr ungehindert in und aus der Rance-Mündung wandern können.

Insgesamt aber könnte die Nutzung der gewaltigen Gezeitenkraft auch eine interessante alternative Energie sein – zumindest für all die Länder, deren Küsten über entsprechenden Tidenhub – den Höhenunterschied zwischen Ebbe und Flut – verfügen. Auch in Deutschland betragen die Höhenunterschiede zumeist noch mehr als zwei Meter, in der Elbemündung bei Hamburg staut sich die Flut durch den Trichtereffekt sogar durchschnittlich weit über drei Meter gegenüber der Ebbe auf, wobei an unseren Küsten die Flut stärkere Strömungen als die Ebbe aufweist. Sollte das nicht auch für Deutschland nutzbar sein?

 

Der Staudamm des Gezeitenkraftwerkes La Rance

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Foto: Dani 7C3,
Wikimedia Commons, the free media repository,http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rance_tidal_power_plant.JPG

 

Luftbild des Gezeitenkraftwerks Rance mit den Städten Saint-Malo auf der rechten Seite der Mündung und Dinard links

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Foto: Tswgb,
Wikimedia Commons, the free media repository, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Barrage_de_la_Rance.jpg