Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Als vor 70 Jahren im Zweiten Weltkrieg die Alliierten an der Küste der Normandie eines der gewagtesten, größten und folgenreichsten Landungsmanöver der Menschheitsgeschichte unternahmen, begann auch die Zerstörung der alten Stadt Saint-Malo (bretonisch Sant-Maloù). Die starke bretonische Festung war es gewöhnt, jeglichem Widerstand zu trotzen. Oberst von Aulock, der deutsche Festungskommandant, weigerte sich trotz gewaltiger Übermacht zu kapitulieren und hielt selbst nach dreitägigem unablässigem Artilleriefeuer und sogar nach der Einnahme des größten Teiles der Stadt durch die Alliierten die Zitadelle von Saint-Malo. Als er sich schließlich ergeben musste, war die Stadt, vor allem die Altstadt, zu mehr als 85 Prozent zerstört, lediglich die gewaltigen Mauern um die Altstadt Intra-Muros hatten weitgehend standgehalten. Die durchaus als etwas spröde und stur geltenden Einwohner der Stadt mit den vielen Beinamen bemühten sich um raschen Wiederaufbau – sehr originalgetreu nach Rückerinnerungen und gestützt auf alte Baupläne und Vorkriegsabbildungen. Dadurch wurde das Saint-Malo von heute zu einer der größten Touristenattraktionen der Bretagne und einem der meistbesuchten Touristenorte Frankreichs.

Die Geschichte des „Korsarennestes“, der „Stadt aus Granit“ und der „Seefestung“ Saint-Malo reicht weit zurück. Seit Jahrtausenden den Gezeiten und atlantischen Herbststürmen ausgesetzt, sorgte nach der keltischen Besiedelung von „Aremorica“, dem „Land am Meer“, die strategisch günstige Lage der felsigen Halbinsel mit ihren vorgelagerten, bei Flut fast völlig überschwemmten Sandstränden dafür, dass hier schon früh Bewohner zu finden waren. Eingegliedert ins Römische Reich gehörten sie zu jenen nach und nach romanisierten Galliern, auf die während der Völkerwanderung die aus Großbritannien aussiedelnden Bretonen trafen und mit ihnen in der alten Stadt Aleth siedelten. Im 6. Jahrhundert begann der walisische Mönch Machutus, den die Gallo-Römer Maclovius und später „Maclou“ nannten, die Gegend zu christianisieren. In der französischen Sprache hat sich das zu „Malo“ abgeschliffen und wohl seit dem 12. Jahrhundert wurden Aleth und die danebenliegende christliche Siedlung Saint-Servan nur noch Saint-Malo genannt. Grund dafür könnte gewesen sein, dass die leicht zu befestigende Halbinsel besseren Schutz gegen die Überfälle der Normannen bot als die Umgebung und dass 1142 der Bischof auf die (Halb)Insel umsiedelte und dort eine Kathedrale errichten ließ.

Heute nimmt die stark befestigte Altstadt „Intra-Muros“ etwa ein Fünftel des gesamten Stadtterritoriums von fast 37 km² ein und wird wie zu Zeiten ihrer Gründung an drei Seiten vom Meer umspült. An einer Ecke der Stadtbefestigung erhebt sich das „Schloss“, eine gut befestigte Burg mit einem kleinen 1395 erbauten Donjon und einem großen Donjon (1424) wie die Wehr- oder Haupttürme alter Burgen genannt werden, die von königlicher und herzoglicher Macht zeugen. Von den Wachtürmen bietet sich ein eindrucksvoller Rundblick auf Schloss, Stadt, Küste und Meer und vom hohen Turm weht bis heute stolz die Flagge der Stadt Saint-Malo, die in ihren Farben geschickt die Zugehörigkeit zu Frankreich aber auch zur Bretagne zeigt: Der blaue Grund des Fahnentuchs wird von einem silbernen (weißen) Kreuz (das hatten alle Kriegshäfen unter Ludwig XIV.) in vier Rechtecke geteilt, dessen linkes oberes auf rotem Grund ein silbernes Hermelin mit goldenem Band zeigt – Symbol für den des Hermelins, der von den bretonischen Herzögen gegründet wurde. Stolz sind die „Malouins“, die Bewohner der Stadt, auch darauf, dass ihre Flagge immer ein wenig höher als die französische flattert: Ausdruck als Symbol der Unabhängigkeit, denn während der Hugenottenkriege erklärte sich die Stadt zur Republik. Das manifestiert sich auch in dem immer wieder zitierten Wahlspruch „Ni Français, ni Breton: Malouin suis!“ (Weder Franzose noch Bretone – Bürger von St-Malo bin ich!) und dem Stolz, Einwohner einer Korsarenstadt zu sein, denn die Flagge von Saint-Malo wurde auch von Korsaren wie René Duguay-Trouin oder Robert Surcouf gehisst.

Gleich neben dem Schloss befindet sich die „Porte Saint-Vincent“, der Haupteingang zur befestigten Altstadt. Beim Rundgang kann man fast um die ganze Stadt „Intra Muros“ auf den alten Mauern und Wallanlagen spazieren und zumindest im Norden, Westen und Süden herrliche Ausblicke aufs Meer, die „Smaragdküste“ und die vorgelagerten Inseln genießen, z.B. vom Tour Bidouane, der nordwestlichen Eckbastion, auf die Insel Grand Bé, die nur bei Ebbe zu erreichen ist und auf der sich das Grab des Schriftstellers François René de Chateaubriand befindet, neben Jacques Cartier, dem Entdecker Kanadas, der wohl bekannteste Sohn der Stadt.

Das Stadtzentrum – d.h. die Häuser und Straßentrakte zwischen den großzügigen Wehranlagen um die Kathedrale St-Vincent und die schmalen Marktplätze und –straßen – wirkt recht einheitlich, wenn auch etwas streng und grau. Grund dafür ist die Tatsache, dass alles einheitlich seit dem Ende des 16. Jahrhunderts aus Granit von den Chausey-Inseln erbaut wurde. Kein Geringerer als Frankreichs berühmtester Festungsbaumeister Vauban beauftragte und überwachte dann den Baumeister Siméon Garangeau mit und bei der Erweiterung und Vergrößerung und natürlich der Fortifikation der Stadt, bei der auch aufwendige Stadtpaläste reicher Reeder und Kapitäne entstanden.

Interessant sind auch das angeblich älteste Haus der Altstadt, errichtet im 15. Jahrhundert und gelegen am kleinen hofartigen Platz „Cour de la Houssaye“, ein Granitbau mit Turm, in dem sich angeblich Herzogin Anne de Bretagne aufhielt, als sie während des Burgbaues nach Saint-Malo kam, sowie die in der Nähe liegenden Gebäude des „Hauses der Schriftsteller“ und der größere Gebäudekomplex der Staatlichen Schule der Handelsmarine. Hier wird die große Tradition der alten Seefahrer- und Korsarenstadt fortgeführt: die Ausbildung von Kapitänen und nautischen Offizieren.

Geschrieben am 6. Juni 2014

 

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Foto I. Kolboom (siehe auch http://www.fotosearch.fr/photos-images/saint-malo_3.html)

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Blick von den Wallanlagen auf Saint-Malo, Intra-Muros, im August 1944