Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Die Bretagne ist voll von Legenden. Manche davon nehmen den Stoff keltischer Sagen von den britischen Inseln auf, andere sind wohl erst nach Einwanderung der Bretonen im alten „Aremorica“ entstanden. Manche der Legenden verschiedenster Völker scheinen beinahe so etwas wie „gesamteuropäisches“ Erbgut zu sein, denn wenn man sie hört, dann bemerkt man sofort Parallelen zu Sagen, die man auch aus anderen Regionen oder der eigenen Heimat kennt – die Geschichte von versunkenen Städten etwa, die in Katastrophenberichten und ihren mythischen Ausschmückungen bei Griechen und Römern ebenso zu finden sind wie bei Kelten, Slawen und Germanen. Oder die Geschichten über Meerjungfrauen, Sirenen und Verwunschene, die beispielsweise Seeleute ins Verderben locken. Wem fiele da nicht die Loreleisage ein, die 1801 durch die Ballade „Zu Bacharach am Rheine“ des damals 23jährigen Romantikers Clemens Brentano in die deutsche Literatur eingeführt und durch Heinrich Heines „Lied von der Loreley“ seit 1824 weithin bekannt wurde.

Um eine solche Frau geht es auch in der bekannten bretonischen Legende von der versunkenen Stadt Ys, die man am allerbesten versteht, wenn man sich den geheimnisvollen Wassern der Bucht von Douarnenez am nördlichen Rand der bretonischen Halbinsel Cornouaille (Kernev) nähert.

Auch hier ist besagte Frau in den meisten Varianten der Geschichte blond und natürlich verführerisch. Sie hieß Dahut und war die Tochter des guten Königs Gradlon, der die Stadt Ys zur Hauptstadt der Cornouaille gemacht hatte. Eine große Gefahr für die Stadt war das Meer, das sich gewaltig auftürmen konnte. Gradlon hatte mit Dämmen und Schleusen seine Stadt schützen lassen und nur mit seinem goldenen Schlüssel ließen sich die Schleusentore öffnen. Die Bewohner der Stadt, inzwischen an die sichere Lebensweise gewöhnt, ließen Hochmut und Verschwendungssucht freien Lauf und der moralische Verfall forderte die Mächte der Finsternis geradezu heraus. Ein wenig erinnert diese Geschichte auch an den Untergang der sagenhaften Ostseestadt Vineta.

Auch König Gradlons Tochter Dahut gab sich den Ausschweifungen des Sündenbabels Ys hin und war durchaus empfänglich für die Annäherung eines verführerischen jungen Mannes, der ihr zunehmend den Hof machte. Ihr Vater wusste davon nichts und selbst als der Verehrer von Dahut verlangte, sie solle ihm den goldenen Schlüssel ihres Vaters als Liebesbeweis beschaffen, merkte sie nicht, dass es der Teufel höchstpersönlich in einer seiner Verkleidungen war, mit dem sie sich eingelassen hatte. Tatsächlich stahl sie ihrem Vater im Schlaf den goldenen Schleusenschlüssel und als König Gradlon erwachte, war es zu spät – der Teufel hatte die Schutzdeiche geöffnet und eine gewaltige Flut verschlang die Stadt. Gerade noch konnte er zu Pferd vor den heranrollenden Wogen fliehen und seine Tochter hinter sich aufs Reittier ziehen. Doch das Wasser kam näher und plötzlich befahl ihm eine Stimme aus dem Himmel, er solle die Teufelsbuhle dem Wasser überlassen und sich selbst retten. So geschah es, dass sich Gradlon retten konnte, aber die Stadt von den Fluten verschlungen wurde, die sich erst zurückzogen, als sie ihr Opfer, Königstochter Dahut bekommen hatten.

Während Gradlon in Frömmigkeit und mit dem Heiligen Corentinus als Berater seine neue Hauptstadt Quimper (Kemper), bis heute Hauptort der Cornouaille, aufbaute, wurde seine Tochter in die Nixe Morgane verwandelt, die noch heute die Seeleute, die sie in all ihrer Schönheit erblicken, auf den Meeresgrund locken soll. Und ebenfalls wie bei Vineta soll unter bestimmten Umständen das warnende Glockengeläut der Türme des versunkenen Ys aus der Bucht von Douarnenez zu hören sein…

Die bretonische Legende hat Anregungen für zahlreiche Adaptionen in der Kunst gegeben, vor allem in der Musikgeschichte und der Literatur. Der Komponist Édouard Lalo schuf zur Legende die erfolgreiche Oper „Le Roi d’Ys“, die 1888 in der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt wurde. Claude Debussy wurde zu seinem Prélude „La cathédrale engloutie“ inspiriert und eine weitere Oper mit dem Sagenstoff als Grundlage entstand 1947 mit dem Werk „La magicienne de la mer“ des französischen Komponisten Paul Le Flem. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verwendete der Science-fiction-Autor Poul Anderson die Geschichten um Gradlon und Dahut für einen Romanzyklus „The King of Ys“ und bis heute wirkt die Legende nach in Computerspielen, Comics und Liebesgeschichten.

Spannend ist allemal ein Besuch in der Gegend, in der die bretonische Sage geschehen sein soll: in der geheimnisvollen Bucht von Douarnenez – obwohl mancher Erzähler die Stadt Ys an andere Stellen der bretonischen Halbinsel Cornouaille verlegen will, etwa in die für ihre starke Strömung berüchtigte „Baie des Tréspassés“ (=Bucht der Hingeschiedenen) oder in den Süden der Cornouaille, in die Nähe des Landvorsprunges von Penmarc’h. Meist jedoch ist man sich einig, dass die Bucht von Douarnenez der Schauplatz der Tragödie von Ys gewesen sein muss, zumal eine geheimnisvolle Insel, nur etwa 11 Hektar groß (etwas mehr als ein Zehntel Quadratkilometer) nur etwa 300 Meter vom ehemals für Sardinenfischerei bekannten Hafen von Douarnenez entfernt liegt.

Die heute dem Amt für Küstenschutz unterstehende „Île Tristan“ kann nur unter bestimmten Voraussetzungen besichtigt werden. Der Teufel habe da gehaust, raunt man sich zu. Eine Person ist auf jeden Fall mit der Geschichte der Insel verbunden: in den auf das schreckliche Pariser Blutbad an den französischen Protestanden in der „Bartholomäusnacht“ 1572 folgenden Hugenottenkriegen verwüsteten auch zahlreiche Räuberbanden das Land, von denen die des Bandenführers Guy Éder de la Fontenelle eine der schlimmsten war. Diesem bot gerade diese Île Tristan Unterschlupf, doch nach dem Toleranzedikt von Nantes von 1598, in dem König Henri IV. den Hugenotten Glaubensfreiheit zusicherte, ergab sich de la Fontenelle unter der Bedingung, die Insel weiter behalten und regieren zu dürfen. Das wurde ihm auch gewährt, doch kurz darauf ließ er sich in eine Verschwörung verwickeln und wurde 1602 auf dem Pariser Place de Grève auf grausame Art hingerichtet – er wurde gerädert!

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