Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

1982 hatte Monsieur Ceyrac, Bürgermeister des malerischen Dörfchens Collonges-la-Rouge am Rande des französischen Zentralmassivs, eine zündende Idee, um den Tourismus für die kleinen Gemeinden Frankreichs mit reichem historischen Erbe anzukurbeln - er gründete die Initiative „Les plus beaux villages de France“ (Die schönsten Dörfer Frankreichs), in der sich originell erhaltene Orte um die Auszeichnung mit diesem Prädikat bewerben konnten. Der Erfolg der Idee war gewaltig – während sich noch im Gründungsjahr 66 Gemeinden anschlossen, geht die Zahl der Bewerber um die Auszeichnung mit dem inzwischen heiß begehrten Label heute in die Tausende. Derzeit tragen 152 Orte in 21 Regionen Frankreichs den Titel als Auszeichnung, darunter natürlich auch einige besonders hübsche Gemeinden in der Bretagne. Eines der am meisten von Touristen besuchten Dörfer ist Locronan (bretonisch Lokorn), knapp 20 km nordöstlich von Quimper (Kemper), der Hauptstadt der Cornouaille (Kernev) gelegen.

Vielen Besuchern könnte der malerische Ort dabei seltsam bekannt vorkommen, war er doch auf Grund seines hervorragenden Erhaltungszustandes in Flair und Ambiente des 16. Jahrhunderts Drehort und Schauplatz von über 30 Filmen französischer und ausländischer Produktion: den Anfang machte eine deutsch-französische Ko-Produktion mit dem Vierteiler „Die Schatzinsel“, gedreht 1966 nach dem Roman von Robert Louis Stevenson. Später, in den Achtzigern, drehte man die ZDF-Fernsehreise „Silas“ in und um Locronan. Höhepunkte der Filmgeschichte aber waren gewiss 1979 Roman Polanskis Verfilmung „Tess“, in der er den Stoff des Romans „Tess of the d'Urbervilles“ von Thomas Hardy aus dem Jahr 1891 aufnahm, und die bekannte Musketier-Trilogie des Regisseurs Richard Lester (1973, 1974 und 1989) mit einer Starbesetzung durch Michael York, Oliver Reed, Richard Chamberlain, Charlton Heston, Geraldine Chaplin, Faye Dunaway und Raquel Welsh.

Aber auch diejenigen, denen Historienfilme eher egal sind, finden an dem wundervollen bretonischen Ort Gefallen – auch wenn zunehmende Touristenströme nicht immer von Vorteil sind. Der heilige Ronan, ein irischer Mönch, errichtete hier an einem Hügel in der Nähe eines alten Quellheiligtums schon im 5. Jahrhundert n.Chr. seine Einsiedelei, von der aus er missionierte und zu den immer häufiger herbeikommenden Bewohnern der Umgebung predigte. Bis heute hat der Hügel seinen Ruf der Heiligkeit kaum eingebüßt: der 289 Meter hohe Gipfel, von dem man eine weite Sicht auf die Umgebung und die Bucht von Douarnenez hat, in der die sagenhafte versunkene Stadt Ys liegen soll, wird von einer Kapelle mit hübschen Glasfenstern gekrönt, die wiederum Ziel einer der berühmtesten Wallfahrten der Bretagne ist.

In der Bretagne normalerweise „Pardon“ genannt, trägt die Wallfahrt hier in Locronan den Titel „Troménie“. Jedes Jahr am zweiten Julisonntag geht die Gemeinde den gleichen Weg, den damals der heilige Ronan jeden Morgen barfuß und mit nüchternem Magen gegangen sein soll. Zu einem religiösen Großereignis wird diese Aktion alle sechs Jahre, das nächste Mal 2019: Dann findet am 2. und 3. Julisonntag die „Große Troménie“ statt: ein Wallfahrts-Umgang, an dem viele Pfarrgemeinden teilnehmen. An zwölf Orten machen die Wallfahrer eine Pause und jede Gemeinde stellt ihre Heiligendarstellungen und Reliquien aus. Historischer Hintergrund der religiösen Veranstaltung ist die Besonderheit, dass im 11. Jahrhundert die ehemalige Benediktiner-Priorei, an deren Grenze die Wallfahrt entlang führt, Kirchenasyl gewähren durfte. An diesen Umstand soll der Umzug erinnern, der wohl von daher auch den Namen „Troménie“ bekam – „Tro Minihy“ bedeutet soviel wie „Gang um den Zufluchtsort“.

Aber auch wer nicht zum religiösen Umgang erscheint, sondern nur einen der schönsten Orte Frankreichs besuchen will, kommt in Locronan auf seine Kosten. Überaus malerisch präsentiert sich der schon seit 1936 unter Denkmalschutz stehende Hauptplatz des Ortes mit Brunnen in der Mitte und der Kirche St. Ronan am Rande. Die unverputzten Renaissance-Häuser des Dorfplatzes und der angrenzenden Straßen, aus Granit errichtet, sind in ihrem hervorragenden Erhaltungszustand nicht nur erbaulicher Anblick und ideale Filmkulisse, sondern scheinen überall Geschichte zu atmen und vom einstigen Wohlstand des Ortes zu künden, den die fleißigen Einwohner Locronans im Spätmittelalter durch Herstellung hochwertigen Segeltuches für die bretonische und später französische Flotte erwarben. Oft ist der Platz durch Touristen ebenso belebt wie die schöne, stilreine Kirche St. Ronan aus dem 15. Jahrhundert. Sie hat nicht nur in ihrer Apsis guterhaltene Buntglasfenster aus der Erbauungszeit zu bieten, sondern beherbergt in ihrer Seitenkapelle auch das Grabmal des Heiligen Ronan, dessen Liegefigur aus dem 16. Jahrhundert zu einer der ersten Granitskulpturen der Gegend zählt, und eine sehr seltene Kreuzabnahme-Szene, in Stein gehauen und bemalt.

Eine weitere Kapelle mit Kalvarienberg und der Überrest des einstigen Quellheiligtums sind weitere Sehenswürdigkeiten des Ortes, der wie erwähnt zu den bedeutendsten und inzwischen auch bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Halbinsel Cornouaille und der ganzen Bretagne zählt. Um der teilweise – gerade im Umfeld der „Troménies“ gewaltigen – Besucherscharen Herr zu werden, die historischen Gebäude zu schonen und das unvergleichliche Ambiente des Dorfes zu bewahren, ist das Ortszentrum autofrei. Der Besucher kann sein Fahrzeug auf dem unweit vom Ortszentrum eingerichteten Parkplatz abstellen und begibt sich auf einen Fußmarsch in die Geschichte …

Locronan

Locronan mit Kirchturm des Hl. Ronan
Foto Dr. Krause