Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

 

Etwas Magisches habe er an sich, dieser Küstenstrich, behaupten Kenner. Nun gut, diese Aussage kann für außerordentlich viele Orte in der Bretagne gelten und auch für die herrlichen Küstenabschnitte der westfranzösischen Region. Aber es ist schon richtig, die von der Natur geschaffenen Besonderheiten der „Küste des rosa Granits“ stellen etwas Großartiges dar, dessen Einfluss man sich nur schwer entziehen kann. Ist es die mitunter sagenhaft erscheinende Färbung des harten Gesteins? Sind es die seltsamen Formen und überraschenden Formationen der Felsen, die die Phantasie anregen? Oder ist das alles etwa doch nicht ganz natürlich, sondern das Werk der Riesen aus den Legenden…?

Wer sich von dem in der Literatur durch den Roman „Pêcheur d’Islande“ (1886) (dt. „Die Islandfischer“, 2012) des Marineoffiziers Pierre Loti (1850-1923) berühmt gewordenen Hafenstädtchen Paimpol an der Küste nach Westen bewegt, erreicht bald nicht nur das fast schon mondän gewordene Seebad Perros-Guirec, sondern auch einen der schönsten und geheimnisvollsten bretonischen Küstenabschnitte. In besagtem Seebad beginnt der berühmte „Sentier des douaniers“, der „Zöllnerpfad“, der zwar durchaus historisch bedeutsam, aber noch viel mehr wegen seiner wundervollen Ausblicke auf die Felsenküste empfehlenswert ist.

Einst angelegt, um Schmugglern und Piraten das Handwerk zu legen, das hier beispielsweise zur Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre äußerst lukrativ war, führt der insgesamt nicht einmal zehn Kilometer lange Küstenweg durch eine ursprünglich gebliebene Landschaft bizarrer und seltsam geformter Felsblöcke. Geotektonische Spannungen haben Risse im Gestein gebildet und Wind und Wasser haben den eigentlich immens harten Fels, der vor über 300 Millionen Jahren bei der Gebirgsbildung im Erdaltertum entstand, in Jahrmillionen so weit erodiert, dass die dabei entstehenden Formen seit Menschengedenken die Phantasie anregen. Die bei seiner Entstehung „eingemischten“ Mineralien – insbesondere Alkali-Feldspat und Hämatit, das der Volksmund Eisenglanz, Rötel oder Blutstein nennt – verleihen dem Felsgestein seine charakteristische Farbe, der diese Gesteinsart auch ihren Namen „Rosengranit“ verdankt.

Besonders interessante Felsformationen sieht man auf dem alten Zöllnerpfad zwischen Perros-Guirec und Ploumanach. Seit vielen Jahren ist der Weg berühmt, seine Benutzer haben mit ihrer Phantasie den seltsam geformten Felsen Namen gegeben, die - inzwischen auch auf den Wanderkarten eingezeichnet – Neugier auf die so bezeichneten Land(schafts)marken wecken: Da gibt es den „Pilz“, den „Hasen“, den „Schuh“ oder die „Schildkröte“. Besonderen Bekanntheitsgrad hat allerdings „Napoleons Hut“ erreicht, der in Politik und Geschichte durch folgende Episode eingegangen ist: Am 3.April 1943 wurde in einer BBC-Sendung die merkwürdige Frage gestellt „Befindet sich Napoleons Hut noch immer in Perros-Guirec?“ Dies war das Codewort für den Beginn des bewaffneten Widerstands der Résistance in der Bretagne gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.

Mit Sicherheit gehört die „Côte de Granit Rose“, die rosa Granitküste, zu den kleinsten aber auch bemerkenswertesten Küstengebieten Westeuropas und zu den größten Sehenswürdigkeiten der Region Bretagne. Fast die Hälfte der über knapp hundert Hektar ausgebreiteten Felsenlandschaft unterliegt besonderen Schutzmaßnahmen. Den kleinen Fischereihafen Ploumanach, inmitten dieser Granitküste gelegen, sollte sich kein Besucher entgehen lassen: Der immer noch verträumt wirkende Küstenort hat nicht nur ein urwüchsiges und unverfälschtes Ambiente, er ist auch Ausgangspunkt für romantische Spaziergänge in die eindrucksvolle Felsenwelt. Und wer eher kulinarisch orientiert ist und etwas typisch Bretonisches kosten will, der probiert hier in einem der Restaurants mit Blick auf die rosa Granitküste eine köstliche Galette. Diese bretonischen Buchweizenpfannkuchen sind die herzhafte bretonische Variante der französischen Crêpes. Und wer einmal einen solchen „Eierkuchen“ mit Füllung – Lachs und Sahne oder bretonische Salami – gegessen hat, der weiß, was man so alles verpassen kann …

Granit Rose
Foto Dr. Krause

Granit Rose 2
Foto Dr. Krause