Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Die letzte eigenständige Herrscherin der Bretagne war eine ungewöhnliche Frau. 1477 wurde Anne de Bretagne geboren und noch vor Vollendung ihres zwölften Lebensjahres starb ihr Vater, Franz II. der Bretagne. Der hatte kurz vor seinem plötzlichen Tod eine Niederlage in einer von der Geschichtsschreibung als „verrückter Krieg“ bezeichneten Revolte gegen den französischen König erlitten und dabei mehr oder weniger die Unabhängigkeit seines Herzogtums Bretagne aufgeben müssen. So wurde in Ermangelung männlicher Nachkommen Anne de Bretagne bretonische Regentin unter Vormundschaft. Von wichtigen europäischen Monarchen wie Maximilian I. von Habsburg und Karl VIII., König von Frankreich, wurde Anne als offizielle Herrscherin der Bretagne anerkannt.

Maximilian von Habsburg, den die Geschichtsschreibung gern den „letzten Ritter“ nennt, tat dies nicht ganz uneigennützig: Einige Jahre zuvor war seine Frau Maria von Burgund bei einem Jagdunfall gestorben, seine Rechte auf das dabei ererbte Burgund waren umstritten. Da kam eine Ehe mit einer Herzogin – noch dazu einer, die NEBEN dem mächtigen Frankreich residierte, gerade recht. Witwer Maximilian heiratete kurzerhand 1490 die damals erst dreizehnjährige Waise Anna – allerdings ohne persönliche Anwesenheit, mit der damals möglichen Stellvertreterehe „per procurationem“, der sogenannten „Handschuhehe“. Der Vorgang mag heute kurios erscheinen: Nach der in der Kathedrale von Rennes am 19.12.1490 erfolgten Eheschließung in Abwesenheit begab sich Anne de Bretagne vor dem Hofstaat ins Ehebett und stellvertretend für ihren abwesenden Gatten Maximilian I. von Habsburg stieg dessen Gefolgsmann  Wolfgang Freiherr von Polheim in voller Rüstung ins Hochzeitsbett und berührte die frischvermählte Anne mit seinem entblößten Knie. Damit war die Ehe rechtsgültig – aber de facto nicht vollzogen. Anne de Bretagne wurde somit Erzherzogin von Österreich.

Der französische König hingegen fühlte sich durch diese Hochzeit verraten: Kurz vor seinem Tod hatte Annes Vater die Schlacht bei St. Aubin verloren und danach im Vertrag von Sablé dem französischen König Treue geloben und zustimmen müssen, dass seine erbberechtigten Töchter nicht ohne Einwilligung Frankreichs heirateten. Daher schickte Karl VIII. Truppen ins Nachbarland, um auf die Auflösung der Ehe zu drängen. Anne sah die Bretagne plötzlich französisch besetzt und die Stadt Nantes belagert, ohne dass Maximilian I. ihr mit Habsburger Truppen geholfen hätte.

In Geheimverhandlungen arbeitete der König von Frankreich nun auf seine eigene Verbindung mit dem bretonischen Hof hin. Die Situation war pikant, denn eigentlich war der damals zwanzigjährige Karl an ein Eheversprechen mit der Tochter von Maximilian I. von Habsburg gebunden. Besagte junge Dame, Margarete, die Tochter Maximilians aus dessen erster Ehe mit Maria von Burgund, lebte – damals erst zehnjährig - schon seit Jahren am französischen Hof. Anne de Bretagne sah keinen Ausweg, den weiteren Krieg zu vermeiden, als dem Drängen des französischen Königs nach einem politischen Bündnis mit bekräftigender Eheschließung nachzugeben und verlobte sich heimlich mit Karl VIII. Wiederum pikanterweise durch den Gesandten Polheim – dem Stellvertreter bei Annes „Handschuhehe“ mit Maximilian - wurde dem Habsburger mitgeteilt, dass sowohl seine Ehe mit Anne de Bretagne als auch das Eheversprechen seines Schwiegersohnes mit Maximilians Tochter aufgelöst seien, da beide nie vollzogen worden wären. Auf Drängen Frankreichs annullierte Papst Innozenz VIII. beide Eheverträge. Vielleicht bedauerte Maximilian von Habsburg jetzt, nicht genug Interesse per Truppen-Entsendung gezeugt zu haben, aber er musste akzeptieren. (Er bekam seine Tochter drei Jahre später zurückgeschickt und konnte sie 1497 mit dem spanischen Thronfolger verheiraten).

Knapp ein Jahr nach ihrer ersten Eheschließung (mit Polheims entblößtem Bein)  heiratete Anne de Bretagne am 6.12.1491 den König von Frankreich auf Schloss Langeais. Ihre Krönung zur französischen Königin in der Kathedrale von St. Denis erfolgte dann 1492. Diese Ehe, „ordnungsgemäß vollzogen“ war allerdings nicht von langer Dauer. Zunächst starben alle Kinder des jungen Ehepaars sehr früh und der König hatte unglaubliches Pech: erst 27 Jahre alt, stieß er sich bei einem Unfall auf Schloss Amboise so heftig den Kopf, dass kurz darauf - es war das Jahr 1498 – an den Folgen starb und die gerade 21-jährige Anna zur Witwe machte.

Da Karl keinen erbefähigen Nachkommen hatte, wurde sein Cousin Ludwig als Ludwig XII. neuer König von Frankreich. Der war 15 Jahre älter als Anne de Bretagne und damals schon seit 22 Jahren mit Jeanne de Valois (Jeanne de France) verheiratet. Aber da diese Ehe kinderlos geblieben war nutzte Ludwig sein Bündnis mit Papst Alexander VI. und ließ die Ehe kurz nach seiner Thronbesteigung Ende 1498 annullieren.

Der Weg war frei für eine neue Hochzeit. Diese erfolgte wenige Tage nach der Annullierung seiner ersten Ehe im Januar 1499, damit Frankreich die Ansprüche auf das Herzogtum Bretagne behielt. Anne de Bretagne erbte damit alle Titel ihres Mannes Ludwig XII. und wurde 1504 das zweite Mal zur Königin von Frankreich gekrönt. Ihre Titel konnten sich sehen lassen: Königin von Frankreich, Königin von Sizilien, Apulien, Kalabrien und Neapel, außerdem Königin von Jerusalem und Herzogin von Mailand – und sie blieb Herzogin der Bretagne, aber mit der Einbindung dieses Herzogtums in Frankreich.

ihre Tochter Claude überlebte. Claude war formal die letzte bretonischen Erbin – sie heiratete aus politischen Gründen Herzog François von Angoulême. Als dieser später als Franz I. König von Frankreich wurde, übernahm er endgültig die Bretagne in französischen Besitz; nach Claudes frühem Tod integrierte er sie ins französische Königreich und entmachtete und verlegte 1532 das bretonische Parlament! An die Königin (Reine) Claude soll – der Legende nach – die ihr zu Ehren erfolgte Benennung der damals gerade gezüchteten Pflaumensorte „Reineclaude“ erinnern … Claudes Schwester, die 11 Jahre später geborene Reneé, wurde als einzige relativ alt – sie war mit Ercole II. d’Este, dem Sohn der Lucrezia Borgia verheiratet.

anne

 

Anne de Bretagne. Detail aus dem Gemälde Jean Bourdichon - Grandes Heures d'Anne de Bretagne (zwischen 1503 und 1508). – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:BNF_-_Latin_9474_-_Jean_Bourdichon_-_Grandes_Heures_d%27Anne_de_Bretagne_-_f._3r_-_Anne_de_Bretagne_entre_trois_saintes_%28d%C3%A9tail%29.jpg

 

polheim

 

Wolfgang Freiherr von Polheim vollzieht die „Handschuhehe “ zwischen Anne de Bretagne stellvertretend für den abwesenden Maximilian I. von Habsburg. Illustration in La Lecture Journal des Romans, Nr. 83, 20-05-1857. – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Droit_cuissage.JPG