Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Zweifellos einer der geschichtsträchtigsten Orte der Bretagne ist Vannes. Der Landstrich im Westen Frankreichs weist ohnehin - neben aufregenden Sehenswürdigkeiten - einige Besonderheiten auf: Ihre Bewohner sprechen eigentlich „Brezhoneg“, also Bretonisch, eine keltische Sprache, die besonders eng mit dem ansonsten in Wales (Großbritannien) gesprochenen Kymrischen verwandt ist. Bis ins 16. Jahrhundert hinein verlief die Geschichte der Bretagne weitgehend unabhängig von der Frankreichs, dem der Landstrich erst durch Heiratspolitik zugefügt wurde. So waren – und sind! – die Bretonen einem eigenen Geschichtsverständnis, eigenen Sitten und Traditionen verhaftet und sehen vieles noch bis heute „etwas anders“ als die französische Bevölkerung in den anderen Teilen der „Grande Nation“. Von der bretonischen Stadt Vannes hat die Geschichtsschreibung leider zuallererst eine Niederlage zu vermelden: hier, im Raum der alten gallo-römischen-Stadt Darioritum, musste sich der keltische Fürst den Franken unter Chlothar geschlagen geben. Die richteten hier eine Grafschaft ein und einer ihrer Herren, der bretonische Fürst Nominoe, wurde nicht nur Graf von Vannes, sondern machte sich vom damals fränkischen Staat unabhängig und machte die Bretagne zum eigenständigen Königreich.

Vannes, eine Stadt mit heute gut 50.000 Einwohnern, liegt am Flüsschen Marle, das hier in das Binnenmeer des „Golfes von Morbihan“ mündet. Ist diese weitläufige, von zahllosen Inseln durchzogene Meeresbucht, die den Gezeiten unterworfen ist, für sich schon ein Naturphänomen und eine bedeutende Sehenswürdigkeit, so ist Vannes mit Sicherheit ein Höhepunkt für jeden, der historische Städte mag. Die nahezu komplett erhaltene Fachwerkbebauung der Innenstadt ist genauso sehenswert wie die überwiegend gotische Kathedrale St. Pierre, die mit 110 m zu den längsten bretonischen Gotteshäusern gehört.

Dass Vannes seit 1379 Residenz der Herzöge der Bretagne wurde, sieht man der Stadt anhand ihrer teilweise großzügigen Anlage noch an. Im alten Schloss, am Rand der Altstadt an der bis heute gut sichtbaren Stadtbefestigung mit Mauern, Gräben und Wällen gelegen, tagte schon das bretonische Parlament. Herzog Jean V. (Johann der Eroberer – konfuserweise nach anderer historischer Sicht auch als Jean IV. bezeichnet, was mitunter zu Verwechslungen mit seinem Vater führt) hatte das nach seinem Wappentier, dem Hermelin, benannte Schloss als „Château de l’Hermine“ errichten lassen, als er 1379 während des Hundertjährigen Krieges aus englischem Exil in die Bretagne zurückkehrte. Schließlich erkannte ihn auch der französische Hof als rechtmäßigen Herrscher der Bretagne an (im 2. Vertrag von Guérande 1381) und der Herzog regierte von Vannes aus. Insgesamt tagte die bretonische Ständeversammlung hier neunzehn Mal. Da auch der Rechnungshof und der Hofstaat nunmehr in Vannes ihren Sitz hatten, gab das der Stadt gewaltigen Aufschwung.

Die bis heute hervorragend erhaltene Fachwerkbebauung legt davon Zeugnis ab, beherbergten sie doch nicht nur Angehörige des Hofes, sondern auch aufstrebendes reiches Stadtbürgertum. Aus dem 16. Jahrhundert ist ein ganz besonderes Bauwerk in Vannes erhalten: das alte Fachwerk-Waschhaus, an dem noch die einzelnen Waschplätze zu erkennen sind. In einer Schleife des Flüss-chens Marle, das hier die Stadtbefestigung wie ein Stadtgraben umfließt, schmiegt sich der schiefergedeckte Bau mit seinem Obergeschoss in Hochständer-Bauweise außen an die Stadtbefestigung. Der Waschhaus-Grundriss folgt dabei der Windung des Flussbettes – ein einzigartiges Gebäude, dass lebhafte Vorstellungen vom Leben in alten Zeiten zu erwecken vermag.

Im 16. Jahrhundert jedoch verlor Vannes seine Bedeutung. Herzogin Anne de Bretagne, letzte Nachkommin der bretonischen Herzogsdynastie war durch Heirat zweimal Königin von Frankreich geworden und hatte ihr Land gleichsam als Mitgift in die französischen Besitzungen eingebracht. Schon 1499 verlor Vannes den Status als Residenz und nach dem Tod der letzten bretonischen Erbin Claude (1524), auch mit einem französischen König verheiratet, entschied dieser, Franz I., mit großem Pomp und einem Turnier 1532 die Eigenständigkeit der Bretagne zu beenden. Im Jahr 1533 ließ er dann die Ständeversammlung nach Nantes umziehen. Erst 1675 wurde wieder eine Art Parlament in Vannes installiert.

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Foto Dr. Krause