Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

KALVARIENBERGE DER BRETAGNE

Kalvarienberge gibt es in den verschiedensten Ländern – überwiegend in Europa, aber auch in katholischen Ländern auf anderen Kontinenten. Allerdings sind hier zumeist sakrale Anlagen und Gelände-Ensembles gemeint, die – oft in der Art eines Pilgerweges – die Leidensgeschichte Jesu Christi nachempfinden oder erlebbar machen sollen, vielleicht ähnlich wie die Kreuzwege zu Ostern. Ursprünglich eine Art „Nachbildung“ oder ideelle Nachahmung von Golgatha, der „Schädelstätte“ und Hinrichtungsort von Jesus Christus bei Jerusalem (auf lateinisch „Calvariae locus“) unterscheiden sich die Kalvarienberge (französisch „Calvaire“) in der Bretagne deutlich Hier sind sie in der Regel monumentale, oft mit grandiosen Bildwerken verzierte Sakralbauten, die der ursprünglichen keltisch-katholischen Tradition der Bretagne folgen und das Herzstück, den Mittelpunkt der „Enclos Paroissial“, der für die Bretagne typischen umfriedeten Pfarrbezirke bilden.

Sie dürfen heute durchaus als eines der Wahrzeichen der Bretagne gelten, denn sie sind typisch vor allem für den Norden dieser Region und entstanden zumeist in der Periode der Renaissance, im letzten Jahrhundert der Unabhängigkeit der Bretagne und im ersten Jahrhundert nach der Eingliederung ins französische Königreich. Blühender Tuchhandel, durch einige der bretonischen Hafenstädte ausgeführt, hatte damals für bescheidenen Wohlstand gesorgt, dem man Ausdruck verleihen wollte: durch besonders prächtige umfriedete Pfarrbezirke und besonders aufwendig gearbeitete Kalvarienberge. Ein regelrechter Wettstreit um die schönsten und attraktivsten Sakralbauten entbrannte damals und die dabei entstandenen religiös intendierten Kunstwerke – beispielsweise in Thegonnec, Lampaul, Pleyben oder gar Guimiliau können sich nicht nur bis heute sehen lassen, sondern suchen weltweit ihresgleichen.

Aufgrund des harten und schwer bearbeitenden Baumaterials – zumeist grauer Granit – haben die unbekannten Volkskünstler zwar einfach gearbeitet, aber ihre Figuren detailgetreu, ausdrucksstark und szenisch unglaublich lebendig gestaltet. Nicht selten drängen sich weit mehr als hundert Skulpturen auf einem der oft komplexen, haus- oder torähnlichen Monumente, mit Ornament- und Figurenschmuck in umlaufenden Friesen und immer einer Kreuzigungsgruppe im Mittelpunkt. Oft sind es die drei Kreuze – Jesus mit den Schächern – oder bereits auf den Kreuzbalken stehen weitere Figuren, ebenso Nachbildungen von Heiligen oder biblischen Gestalten des Alten und des Neuen Testaments zu Füßen der Kreuzigungsgruppen. Als „steingewordene Seiten des Evangeliums“ sind sie oft beschrieben worden, dienten sie doch dazu, Predigten und Bibelerzählungen der Priester beim Gottesdienst zu illustrieren und anschaulich zu machen. Einige der Kalvarienberge haben einen schmalen Treppenaufstieg, so dass der Priester sie während der Außen-Messe wie eine Kanzel nutzen konnte oder der Priester stand neben ihnen oder ging um sie herum und zeigte mit einem Zeigestock auf die Figuren, die gerade in seiner Predigt oder seinen Moralausführungen und Bibelauslegungen eine Rolle spielten.

Nirgendwo europa- und weltweit kann man diese Art von Sakralbauten sonst sehen und nirgendwo sonst eine solche Harmonie religiöser Objekte mit Land und Leuten spüren wie gerade in der Bretagne…

 

Umfriedeter Pfarrbezirk und Kalvarienberg in Guimiliau

kalvarienberg 

 Foto Dr. Krause