Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

DIE FLAGGE DER BRETAGNE

„Weiß und schwarz“ – das sind nicht nur die Farben der bretonischen Flagge, das bedeutet auch ihr Name – auf bretonisch „‚Gwenn-ha-du“. Viele Menschen sehen diese beiden gar nicht als „Farben“ an – liegen heraldisch aber damit falsch, denn schwarz ist sehr wohl eine der Farben der Wappenkunde und weiß ersetzt das Silber der heraldischen Kategorie „Metalle“, das neben den Farben und dem „Pelzwerk“ existiert. Zudem haben auch andere Regionen und Städte, beispielsweise das spanische Ceuta, die britische Region Cornwall oder der Schweizer Kanton Freiburg diese im Wappen.

„Pelzwerk“ gehört übrigens auch zur Bretonenflagge, denn deren linke obere Ecke (heraldisch korrekt müsste es heißen: in der mastseitigen (rechten) oberen Vierung!) wird von 11 stilisierte Hermelinschwänzen eingenommen, die an das alte Wappen der Herzöge der Bretagne erinnern sollen. Hingegen symbolisieren die Streifen die neun einstigen historischen Kirchenprovinzen: weiße Streifen stehen für die einstigen vier bretonischsprachigen Bistümer  Trégor , Léon , Cornouaille und Vannes , schwarz für die fünf französischsprachigen Dol , Nantes , Rennes , Saint-Malo und Saint-Brieuc Das Hermelinwappen, als Schild der Bretagne wohl zuerst von den bretonischen Herzögen aus der Linie der Dreux im 13. Jahrhundert genutzt, war die Adeligenflagge neben der Soldaten- und Kriegsschiffsflagge Kroaz du, einem schwarzen Georgskreuz auf weißem Grund, das Gegenstück der Flagge von Cornwall (weißes Kreuz auf schwarzem Grund). Beide wurden nach der Eingliederung des Herzogtums Bretagne ins französische Reich nicht mehr genutzt, nachdem die letze alleinerbende Herzogin Anne de Bretagne, die 1514 starb, erst den französischen König Karl VIII. und wenig später seinen Nachfolger Ludwig XII. geheiratet hatte.

Das heutige „Gwenn-ha-du“, inzwischen fast überall als „die bretonische Fahne“ gesehen, ist noch nicht einmal hundert Jahre alt. Entworfen 1923 von dem Architekten Morvan Marchal wehte die Flagge erstmals 1925 in Paris, anlässlich der Weltausstellung des Kunstgewerbes und Industriedesigns (Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes), von der übrigens der Art-déco-Stil seinen Namen hat.

Zunächst eher als Ausdruck von Traditionsbewusstsein betrachtet und von kulturellen und autonomen Einrichtungen und Organisationen verwendet, gilt sie nun schon seit Jahrzehnten als „die“ Fahne der Bretagne, jener Region, die durchaus als Teil Frankreichs „mit etwas anderer Historie“ verstanden werden kann…

 

drapeau

Fotos I. Kolboom