Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Denkmäler der Megalithkultur in der Nähe von Carnac

Die „Megalithkultur“ (griech: „mega“= groß und „lithos“ = Stein) ist als Großsteinkultur überall in Europa verbreitet. Neben den grandiosen Tempeln von Malta, den vielfältigen Anlagen im Norden, Westen und Süden der Iberischen Halbinsel und den hierzulande als „Hünengräber“ bekannten Dolmen in Deutschland gibt es nirgends so viele Anlagen und Kultplätze der Großsteinkultur wie auf den britischen Inseln und in der französischen Bretagne. Das vielleicht bekannteste Monument ist Stonehenge in Südengland – wie fast alle Großsteinanlagen spätestens seit dem Mittelalter im Zentrum von Mythen und Legenden und bis heute voller ungelöster Rätsel.

Insgesamt hat man vor allem vier grundsätzliche Typen von „Bauwerken“ identifiziert, deren gemeinsames Merkmal vor allem ist, dass sie aus gewaltigen, zumeist unbehauenen Steinen bestehen. Menhire nennt man einzelne, aufrecht stehende Steine, Cromlechs die mehr oder weniger regelmäßigen Steinkreise, Dolmen ist die Bezeichnung für die aus riesigen Steinen errichteten Gräber und Alignements nennt man die teilweise kilometerlangen schnurgeraden Steinreihen. Schon hierbei fällt etwas auf: während die drei ersten Bezeichnungen ältgälischen Ursprungs sind, also aus der keltischen Sprachfamilie stammen, ist die Bezeichnung für die Steinreihen vom französischen Verb für „aufreihen, in eine Reihe stellen“ abgeleitet. Warum? Gewiss ist der Grund hierfür die Tatsache, dass man bis auf wenige Ausnahmen DIESE Art der Megalithanlagen nur in Frankreich, nur in der Bretagne findet.

Viel ist über die Großsteinmonumente und ihre genaue Funktion spekuliert worden. Während die Dolmen recht klar als Begräbnisstätten erkannt wurden – die größte davon ist übrigens die sogenannte „Visbeker Braut“, auf den Landkarten unweit von Bremen in Deutschland verzeichnet – kann man bisher über die anderen Anlage-Typen nur rätseln. Zwar jubelte einst Gerald Hawkins „Stonehenge decoded!“, als er viele Dutzend Kalender- und Sternberechnungs-Funktionen für den südenglischen Kultplatz entdeckt hatte, aber inzwischen ist die Wissenschaft längst (wieder) überzeugt, dass die Bedeutung der prähistorischen Zeugnisse darüber hinausgeht und wesentlich vielfältiger war.

Die geheimnisvollsten und in ihrem Schauwert spektakulärsten Großsteinanlagen finden sich aber in der Bretagne! Einzigartig sind die Steinreihen in der Nähe der bretonischen Gemeinde Carnac, gelegen unweit vom touristisch bemerkenswerten Golf von Morbihan.

Sehr wohl kann man die Einzigartigkeit dieser fast nur hier zu findenden Steinaufstellungen hervorheben und sie als die bretonischen Megalithen sehen. Zwar sind Ansätze von megalithischen Reihungen auch an wenigen anderen Stellen zu finden – beispielsweise an den „Standing Stones“ von Callanish auf der äußeren Hebrideninsel Lewis – aber in der Größenordnung sind sie genauso wenig vergleichbar wie in der Art und Anordnung.

Allein über 1160 m lang sind die zwölf parallel verlaufenden Reihen aus fast 1200 stehenden Menhiren bei Le Menec, fast genausolang und mit ebenso vielen Steinen ist der alignement von Kermario und nur wenig kürzer der von Kerlescan.

Forscher vermuten, dass diese bekanntesten Steinreihen einstmals mit den nicht allzu weit entfernt auf dem Gebiet anderer Gemeinden liegenden in Verbindung standen. So finden sich nahe dem für seinen schönen Sandstrand am Atlantik bekannten Dorf Erdeven auch gleich drei Alignements – die man als die „westlichsten Ausläufer“ von Carnac ansieht. Besonders interessant sind hier die „Giganten von Kerzerho“ – nicht zuletzt deshalb, weil man hier mitten zwischen die tonnenschweren Blöcke treten und die Anlage „von innen heraus „ betrachten kann. Schon lange sind die Steinreihen von Carnac eine besondere touristische Attraktion der Bretagne. Die bekanntesten, oben erwähnten alignements sind abgesperrt und nur von außen zu bewundern – um ihrer Zerstörung durch allzu Forsche und der Gefährdung der Touristen vorzubeugen, denn in den vergangenen Jahrhunderten sind schon mehrere der tonnenschweren Steinkolosse umgekippt. In der zwar kleineren, aber umso gewaltiger wirkenden Anlage von Kerzerho hingegen sind die Gefährdungen durch instabile Riesensteine nicht vorhanden. Treten Sie also ein, lassen Sie sich vom Hauch der Geschichte umwehen und rätseln Sie mit – was wohl die Erbauer, die diese Monumente vor über fünftausend Jahren mit steinzeitlicher Technik errichteten, wohl gedacht, gefühlt und mit der präzise ausgerichteten Einsetzung der Steinriesen bezweckt haben !? –

 

Alignement von Kerzerho

Alignement von Kerzerho

 Foto Dr. Krause