Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Nantes, die „historische Hauptstadt und Residenz der Herzöge der Bretagne“, ist heute zwar der Hauptort der nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffenen Region Pays de la Loire und damit verwaltungstechnisch von der geschichtsträchtigen Bretagne abgetrennt, aber durch ihre Rolle in der Geschichte bleibt die Stadt nach wie vor „typisch bretonisch“ und fehlt daher auch in keinem Reiseführer zur Bretagne. Eine andere Lesart würde auch Verwunderung auslösen, war der Ort mit seinem gewaltigen Schloss doch viele Jahre hindurch die Residenz der Bretagne und verlor seine große Bedeutung erst mit der Angliederung des Herzogtums an Frankreich zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Das Schloss der bretonischen Herzöge ist immer noch das eindrucksvollste Bauwerk dieser französischen Großstadt. Es wurde unter Herzogin Anne de Bretagne (1477 – 1514) zu einem der wichtigsten Herrscherorte Frankreichs – und auch später beherbergte es noch prachtvolle Hofhaltungen verschiedener französischer Könige. So hielt sich auch Henri IV hier auf, der in Nantes 1598 sein berühmtes Edikt unterzeichnete, das den Protestanten Religionsfreiheit zusicherte.

Gleich neben dem Schloss präsentiert sich die eindrucksvolle Kathedrale Saint-Pierre, überwiegend in französischer Spätgotik, im Flamboyant-Stil errichtet. Ihre insgesamt mehrhundertjährige Bauzeit (1434 – 1891) wird nur von wenigen europäischen Kirchen – wie z.B. dem Kölner Dom (1248 – 1880) – übertroffen. Das vielleicht bedeutendste der hier zu findenden Kunstwerke stammt aus der Renaissance: das Grabmal von Franz II., (1435 – 1488), dem Herzog der Bretagne, und seiner Gemahlin Margarethe von Foix. Es war ursprünglich die Grablege des Herzogs in der Nanteser Karmeliterkirche, die aber während der französischen Revolution abgerissen wurde. So bildet bis heute die Kathedrale von Nantes einen würdigen Rahmen für das einzigartige Kunstwerk, das nun im südlichen Seitenschiff beheimatet ist. Herrlich gestaltet aus schwarzem und weißem Marmor ist das Meisterwerk von den qualitätvollen Skulpturen der vier Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit umgeben.

Die Gestaltung von „Gisants“ – so der Fachterminus für besondere, plastisch gestaltete Darstellungen liegender Totenfiguren auf Sarkophagen oder Kenotaphen – geht vielleicht bis in die Antike zurück, tauchte aber erst im Hochmittelalter mit deutlicher ikonografischer Veränderung und zeitlich-geografischer Entfernung wieder auf. Dort jedoch wurde sie häufiger und sehr ausdrucksstark verwendet.

Der Skulpteur und Bildhauer Michel Colombe – verantwortlich auch für andere Marmorkunstwerke, die aber trotz ihrer Kunstfertigkeit zumeist nicht die Qualität und Ausdruckskraft des Herzogsgrabmals von Nantes erreichen – hat dieses grandiose Renaissance-Ensemble entworfen. Die bekanntesten Werke von ihm – zumindest die, welche die Wirren der Zeit überlebt haben - stammen aus seiner späten Schaffensperiode. Der in Bourges um 1430 geborene Meister schuf die meisten seiner Skulpturen in Tours, wo er seine letzten zwanzig Lebensjahre verbrachte.

Die Elemente seiner Darstellung des Herrscherpaares Franz II. und dessen Gemahlin Margarethe von Foix bestechen vor allem, neben der qualitätvollen Ausführung, durch ihre Detailtreue – geradezu besessen achtete der Künstler auf jede Kleinigkeit im Faltenwurf der Gewänder und bei der Herausarbeitung von Mustern auf der Kleidung oder angedeuteter Schmuckstücke. Durch diese detaillierte Gründlichkeit bei der Gestaltung von Gesichtsausdrücken und Handhaltungen, bei denen jedes Hautfältchen am richtigen Platz sitzt, ebenso wie genau herausgearbeitete Muskeln, Wangen und Handbewegungen, entsteht für den Betrachter echte Glaubwürdigkeit bezüglich des dargestellten Gefühls. So prägen sich sofort auch Einzelheiten wie die Fingergrübchen ein, durch die man glaubt, die Intensität des Gebets an den gefalteten Händen ablesen zu können, oder effekthaschend gelegte Haarlocken aus hartem Marmor, was den Darstellungen eine fühlbare Lebendigkeit verleiht.

Geschickt nutzt der Künstler – wie damals üblich – seine Fähigkeiten, um Allegorien bis hin zur Personifikation aufzubauen. So trägt seine Allegorie der Klugheit wohl auch nicht zufällig die Züge der Tochter des Herzogs, Anne de Bretagne. Eine ähnlich glaubhafte Lebensechtheit der dargestellten Szene erreichte Colombe, der 1515 in Tours starb, auch mit der Grablegung Christi, die er um 1496 für die Benediktinerabtei Saint-Pierre-de-Solesmes nahe der Stadt Le Mans in der historischen Provinz Anjou erschuf.

Hinweis: Zu Nantes schrieb Dr. Michael Krause 2014 einen Artikel im „Bretonischen Kaleidoskop“: http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/268-nantes-historische-hauptstadt-und-residenz-der-herzoege-der-bretagne

 

Das Grabmal von Herzog Franz II. und seiner Gemahlin Margarethe von Foix in der Kathedrale Saint-Pierre in Nantes. Foto Dr. Krause.

Siehe auch Text und Fotos unter: https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombeau_de_François_II_de_Bretagne

 

Literatur in der Bretagne - Ein Streifzug

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Dass die Bretagne eine eigene Sprache hat, die zu den durchaus etwas „altertümlich“ erhaltenen des keltischen Zweiges der indogermanischen Sprachen gehört und mit dem Cornischen in Cornwall und dem Kymrischen in Wales verwandt ist, haben wir schon an anderer Stelle im „Kaleidoskop“ erwähnt (siehe http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/260-die-sprache-der-bretonen). Aufgrund der Quellenlage lassen sich jedoch wirkliche altbretonische Schriften nicht genau rekonstruieren oder beschreiben, auch nicht die Ursprünge bretonischer Literatur. Aus der literarischen Frühzeit der Region lässt sich am ehesten indirekt etwas aus in Latein gehaltenen Schriften vor allem der Kirche und der Klöster oder aus Berichten der Nachbarn in altfranzösischer Sprache erfahren: Elemente der zahlreichen (keltischen) Überlieferungen rund um den Sagenkönig Artus wurden beispielsweise von Legenden aus der Bretagne inspiriert und Schriften und Briefe des unter anderem durch seine unglückliche Liebesgeschichte mit seiner Schülerin Heloise berühmt gewordenen bretonischen Mönchs und Gelehrten Petrus Abaelardus, geboren bei Nantes und später Abt des abgelegenen bretonischen Klosters Saint-Gildas-en-Rhuys, bereicherten das geistige Leben des 12. Jh. Auch Brito, der vielleicht bekannteste bretonische Literat des 13. Jh., verfasste als Chronist „Guillaume le Breton“ sein Versepos „Philippide“ zur Verherrlichung des französischen Königs Philipp II. August in Latein…

Seit dem 15. und 16.Jh., also seit der Zeit, als das Herzogtum Bretagne bereits immer stärker vom großen Nachbarreich Frankeich beeinflusst und schließlich durch Heirat in dieses integriert wurde, gab es mehrere nachgewiesene bretonische Dichter und (Geschichts-)Schreiber … aber deren bevorzugte Schreib-Sprache wurde Französisch. Im 17. Jh. machte die feinsinnige, gebildete Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné (1626 – 1669) von sich reden. Die in Paris Geborene hatte einen bretonischen Adeligen geheiratet und ging vor allem durch ihre Briefe in die Literaturgeschichte ein. Beinahe ein ganzes literarisches Genre hingegen beeinflusste der Bretone Alain René Lesage (1668 – 1747), der in seinem Schelmenroman „Gil Blas“ auch autobiografische Züge verwendete, Erinnerungen an seine Jugend in der Gegend um Vannes einflocht und die französische Gesellschaft seiner Zeit vorführte - auch wenn sein Pikaro-Roman in Spanien spielte… Immerhin beeindruckte er spätere Generationen so, dass eine der namhaftesten französischen Satirezeitschriften des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh. als ihren Namen den des Roman-Titelhelden wählte …

Zu den berühmtesten bretonischen Autoren französischer Sprache und einem der bedeutendsten der französischen Romantik zählt der Schriftsteller und Politiker François René de Chateaubriand (1768 – 1848) aus St. Malo, der in seinem erst ab 1849 veröffentlichten Hauptwerk „Mémoires d’outre tombe“ (Erinnerungen von jenseits des Grabes: meine Jugend, mein Leben als Soldat und als Reisender (1768 – 1800) unter anderem seine Kindheit und Jugend auf Schloss Combourg schildert; das Schloss liegt auf einem Hügel oberhalb der namensgebenden Stadt Combourg im Departement Ille-et-Vilaine.

Das Jahr 1839 wurde für die bretonische Sprache und Literatur ein Schlüsseljahr, denn in diesem Jahr veröffentlichte der Sprach- und Altertumswissenschaftler Théodore Hersart de La Villemarqué (1815 – 1895) aus Quimper unter dem Titel „Barzaz-Breiz“ zum ersten Mal eine Sammlung bretonischer, bis dahin nur mündlich überlieferter Volkslieder, Erzählungen und Legenden. Hersart de La Villemarqué, der auch korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie der Künste war, veröffentlichte diese Sammlung auf Bretonisch mit französischer Übersetzung. Das „Barzaz-Breiz“ erreichte – der romantischen und zeitgenössischen Neugier auf „ländliche Kultur“ folgend – eine große Verbreitung und machte die bretonische Volkskultur erstmals auch weit über Frankreichs Grenzen bekannt: schon 1858 erlebte es unter dem Titel „Bretonische Volkslieder“ eine Übertragung ins Deutsche.

Auch der Volkskundler und Literaturprofessor Anatole Le Braz (1859 – 1926), Begründer einer frühen regionalistischen bretonischen Bewegung, bemühte sich nachhaltig um die Bewahrung des bretonischen kulturellen und literarischen Erbes, veröffentlichte aber nur auf Französisch; seine auf Bretonisch geschriebenen Gedichte hingegen blieben weitgehend unveröffentlicht oder blieben verstreut. Von seinen vielen bretonischen Legenden wurde der Novellenband „Le Sang de la sirène“ noch zu seinen Lebzeiten ins Deutsche übersetzt (Sirenenblut,1908). Mit dem 1886 erschienenen und höchst erfolgreichen Roman „Pêcheur d’Islande“ (Islandfischer), der u.a. im bretonischen Paimpol spielt, setzte der Marineoffizier und Schriftsteller Pierre Loti (1850 – 1923) dem harten Leben der bretonischen Fischer ein literarisches Denkmal. In kaum einem anderen literarischen Werk wird die Küstenregion der Bretagne mit ihren vielfältigen Landschaften und Stimmungen so facettenreich beschrieben…

Aber auch andere, jüngere literarische Erzeugnisse sind so etwas wie „Liebeserklärungen“ an die Bretagne und insbesondere an ihre Küstenlandschaften. Ob der 1910 und 1927 verfilmte Roman „Das Meer“ des deutschen Schriftstellers Bernhard Kellermann (1879 – 1951) oder das 1975 erschienene Lebenswerk „Le Cheval d’orgueil“ (Das Pferd des Stolzes) des bretonischen Schriftstellers und Volkskundlers Per Jakez Helias (1914 – 1995), das nicht nur in 18 Sprachen übersetzt, sondern sogar 1980 von Claude Chabrol verfilmt wurde (lief in Deutschland lief unter dem Titel „Das Traumpferd“) – sie alle bestimmen seit Jahrzehnten das Bild von der Bretagne mit. Das gewissermaßen jugendliche Alter Ego von Per Jakez Helias war der Dichter und Schriftsteller Xavier Grall (1930 – 1981), dessen Gedichte und Prosawerke eine neue junge, politisch engagierte Literatur in der Bretagne markierten. Zwar schrieb Xaver Grall nicht auf Bretonisch, aber gezeichnet vom Algerienkrieg gehörte er zu denjenigen, die sich für eine stärkere bretonische Unabhängigkeit gegenüber Frankreich und von der französischen Kultur einsetzten und Helias als bloße Traditionalisten kritisierten ...

Ähnlich wie in der Musik, die starke Anleihen bei den keltischen Traditionen aufnimmt, werden auch auf literarischem Weg immer wieder Besonderheiten, Einzigartigkeit und Eigenart sowie Eigenständigkeit der Bretagne hervorgehoben. Heute gibt es eine florierende bretonische Literaturszene, in der Tradition und Moderne eine weltoffene Verbindung eingehen (siehe http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/themenblaetter-zur-bretagne/322-themenblatt-kultur-literatur-theater-tanz-vokal-musik-verlage-medien/). Eine vielfältige regionale Verlagslandschaft begleitet heute diese neuen Dichter- und Schriftstellergenerationen. Ein Kreis von Schriftstellerkollegen um den 1944 geborenen Michel Le Bris rief 1990 ein internationales Literatur- und Filmfestival in Saint-Malo ins Leben, das unter dem Namen „Étonnants Voyageurs“ (http://www.etonnants-voyageurs.com/) seither alljährlich stattfindet. Mit jeweils aktuellem Motto versehen – 2016 beispielsweise mit dem bezeichnenden Titel „Schriftsteller und Künstler im Chaos der Welt“ – fand es auch im Juni 2017 wieder statt, diesmal unter dem Titel „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Wieder an etwa 25 Stätten, Cafés und Buchhandlungen mit Lesungen, Debatten und Sitzungen zog es auch diesmal wieder Zehntausende in seinen Bann.

Zum Schluss lässt es sich kaum vermeiden, auf den deutschen Kriminalschriftsteller Jean-Luc Bannalec (sein wirklicher Name ist Jörg Bong) hinzuweisen. Mit seinen inzwischen sechs Bänden mit dem Kommissar Dupin als Hauptfigur ist es dem Verleger und Schriftseller Jörg Bong, Jahrgang 1966, nicht nur gelungen, einem breiten deutschen Publikum die Bretagne mit ihren liebenswerten und spannenden Abweichungen vom „normalen“ Frankreich literarisch zu erschließen und populär zu machen. Seine bretonischen Krimis wurden auch verfilmt und neben anderen Sprachen natürlich ins Französische übersetzt; die Region Bretagne dankte ihm, indem sie ihn 2016 mit dem Titel „Mécène de Bretagne“ auszeichnete (http://www.kiwi-verlag.de/autor/jean-luc-bannalec/1455/).

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Abbildungen: Verlagswerbungen © Coop Breizh, © Presses universitaires de Rennes, © Wagenbach

 

Wie eine der bekanntesten bretonischen Wallfahrtskirchen entstand

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Er war ein Narr, dieser Salaün: so will es zumindest die Legende, die den Namen des Ortes Le Folgoët als „Wald des Narren“ beschreibt und gleich noch mit erklärt, warum dieser kleine Ort mit der Basilique Notre-Dame du Folgoët eine der prächtigsten und vielleicht ungewöhnlichsten Kirchen der Bretagne besitzt. Auf jeden Fall sind die Geschichten über die Wahl des Bauplatzes und die historischen Hintergründe des Kirchenbaues bezeichnend für die Mystik und Eigenwilligkeit der Bretagne, tragen sie doch sowohl der tiefen Religiosität der Bretonen und ihrer Vorliebe für Legenden einerseits als auch ihrem Hang zu Eigenständigkeit, zur Originalität und vor allem zur Unabhängigkeit andererseits Rechnung. Vielleicht war der als „armer Irrer“ oder Dorftrottel beschriebene Namensgeber des Ortes, auf den alle bedeutenden Reiseführer verweisen, ja auch nur ein durch die damaligen unruhigen Zeiten im Bretonischen Erbfolgekrieg (1341 bis 1364) Verwirrter oder durch die beständigen Kriegshandlungen Traumatisierter und psychisch auffällig Gewordener – auf jeden Fall war er höchst religiös und passte in die für die damalige Bretagne typische ausgeprägte Marienverehrung. Er soll in einer hohlen Eiche im Wald von Lesneven (im Nordosten des heutigen Département Finistère) gewohnt und kaum gesprochen haben – das einzig Verständliche, das er bei seinen ständigen Gebeten an der nahen Quelle gemurmelt habe, wäre ein Marienanruf auf Bretonisch gewesen: „Itron Gwerc’hez Vari“ – „Herrin, Jungfrau Maria“.

Grund für den Bau der spektakulären Kirche, die heute noch Tausende jedes Jahr – etwa bei der Autosegnung am letzten Julisonntag oder beim großen Pardon, der Wallfahrt im September – in ihren Bann zieht, ist aber das Wunder, das nach dem Tod von Salaün geschah: eine Lilie erwuchs aus seinem Grab, deren Blütenstempel die Worte „AVE MARIA“ wie in Goldstaub nachbildeten. Man versuchte, dieses unzweifelhafte Wunder zu erklären, und bemerkte dabei, dass die heilige Blume aus dem Mund des Beerdigten entsprossen war. In der ganzen Bretagne sprach man von der märchenhaften Marienerscheinung und genau zu dieser Zeit entschied sich der Erbfolgekrieg in Herzogtum Bretagne. Jahrzehntelang hatten die Nachkommen aus den beiden Ehen Herzog Arthurs II. von Bretagne um die Vorherrschaft im westlichen Nachbarland Frankreichs gekämpft und sich dabei wechselseitig mit den Parteien des in dieser Zeit ebenfalls ausgetragenen „hundertjährigen“ Krieges zwischen England und Frankreich verbündet. Eine blutige Zeit also, in der jede Partei Gottes Segen für den eigenen Sieg erflehte und dafür dem Himmel freigiebig Opfer und Stiftungen gelobte.

Auch die Partei Johanns von Montfort, Gegner des durch Eheschließung mit einer Erbin aus erster Ehe ins herzogliche Umfeld geratenen und von vielen bretonischen Adeligen unterstützten Karl von Blois, gelobte die Stiftung einer prachtvollen Kapelle für die Jungfrau Maria, falls diese ihm im Kampf um die Bretagne Beistand leisten würde. 1364 beendete die Schlacht von Aray, in der einer der Widersacher, Karl von Blois, den Tod fand, den Bretonischen Erbfolgekrieg und Johann V. von Montfort wurde als Herzog der Bretagne anerkannt. Daraufhin begann er eilig, sein Baugelübde einzulösen. Es entstand eine prächtige, später durch ihren Kapellen-Anbau ungewöhnlicherweise L-förmige Basilika, die schließlich Jahrzehnte später, 1423, während der Regierungszeit seines Sohnes vollendet wurde. Dieser Sohn, Johann VI., Herzog der Bretagne, heiratete eine Tochter des französischen Königs und schloss sogar einen späten Frieden mit den einstigen Widersachern aus dem Erbfolgekrieg.

Neben der – durch den Zeitgeschmack und die damalige Bauwut begründeten und daher nicht weiter verwunderlichen – großen Ähnlichkeit zur etwa in der gleichen Bauzeit entstandenen Kathedrale der alten Bischofsstadt Treguir weist der Kirchenbau dennoch einige Besonderheiten auf. Der Kirchturm aus dem 15. Jahrhundert gilt bis heute als einer der schönsten in der Bretagne und als Hinweis auf die Verbindung zur Jungfrau Maria errichtete man in der Kirche den Altar genau über der Quelle, aus welcher der Wunder wirkende Narr immer getrunken hatte. Bis heute kann man auch als Besucher aus dieser Quelle trinken, denn das frische Wasser strömt immer noch unter dem Altar hervor und wird in ein Becken geleitet, aus dem die Pilger – von außen an der Mauer des Chorhauptes – das heilige Nass schöpfen.

Wie bei vielen der bretonischen Sakralbauten verwendete man Kersantoner Granit für die Kirche von Le Folgoët. Aus diesem besonders schwer zu bearbeitendem Material sind nicht nur die fünf Altäre der Kirche, sondern auch die Statue der Madonna von Le Folgoët und der herrliche Lettner, alles Meisterstücke bretonischer Steinmetzkunst.

Die französische Geschichte hatte eigentlich ein schlimmes Schicksal für das wundervolle Bauwerk vorgesehen: nach der Plünderung und der anschließenden generellen Säkularisierung im Zuge der Französischen Revolution sollte es abgerissen werden! Bauern der Umgebung jedoch taten sich zusammen und kauften gemeinsam das Gebäude, um es für den bretonischen Glauben zu erhalten. Nach der Rückkehr der Bourbonenkönige konnte das dadurch nicht zerstörte Bauwerk dann Stück für Stück wieder restauriert und schließlich wieder geweiht werden – vielleicht ein später Triumph des gläubigen Narren …

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Links:  Die Basilique Notre-Dame du Folgoët. Foto/Quelle: Par besopha (La basilique Uploaded by Magnus Manske) [CC BY-SA 2.0], https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_basilique_(6061719250).jpg.
Rechts: Der Brunnen am Chorhaupt der Basilique Notre-Dame du Folgoët, den das Wasser aus der Quelle speist, aus welcher der Wunder wirkende Salaün einst getrunken hatte. Foto: Dr. Michael Krause.

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Zu den vermutlich archaischsten noch gesprochenen Sprachen der indogermanischen (indoeuropäischen) Sprachfamilie gehört das zum keltischen Zweig der indogermanischen Familie zählende Brezhoneg, das Bretonische. Die aktive Verwendung einer solchen keltischen Sprache im täglichen Leben gilt als Kriterium für die Einordnung des betreffenden Volkes unter die „keltischen Nationen“, von denen es derzeit sechs gibt – neben der Bretagne gehören Schottland, Irland, Wales, Cornwall und die Insel Man dazu. Interessanterweise gelten hierbei die Bretonen, wiewohl sie an der Nordwestspitze des französischen Festlands leben, als „Inselkelten“. Das hängt mit ihrer Herkunft zusammen, denn sie stammen nicht direkt von den Galliern ab, die seit den Gallischen Kriegen des Römischen Imperiums von Rom erobert und als Kolonien romanisiert worden waren, sondern von den Bewohnern der antiken Inselregion „Britannien“.

Obwohl die Römer nach 55/54 v.Chr. auch weite Teile des heutigen Großbritannien eroberten, zogen sich viele ihrer Herkunft nach keltische Stämme in die westlichen und nördlichen Gebiete der größten Insel Europas zurück. Zumindest den Nordteil eroberte Rom nicht, im 2. Jh. n.Chr. errichteten sie einen Limes, eine befestigte Grenze, den Hadrianswall. Auch im Südwesten – in Wales und Cornwall – blieben keltische Stämme bestehen. Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches in der Völkerwanderung mussten sich die Keltenvölker Großbritanniens einer neuen Herausforderung stellen: Im 5. Jh. wanderten Stämme der Angeln, Warnen, Jüten, Sachsen und Friesen ein und es begannen – spätestens nach Rückzug der letzten Römertruppen, die zur Verteidigung des Weströmischen Reiches gegen andrängende Germanenstämme und Steppenvölker (z.B. die Hunnen) gebraucht wurden – die Kämpfe zwischen Germanen und Kelten um die Herrschaft in Britannien.

Schon seit der Bronze- und frühen Eisenzeit, erst recht seit den Zeiten der römischen Kolonisation, hatten rege Kontakte zwischen Britannien und seinen Keltenvölkern und den nach und nach romanisierten Kelten – Galliern – südlich des Ärmelkanals bestanden. Während sich in Britannien die Gebiete der einwandernden, noch heidnischen Germanenstämme immer weiter ausdehnten, wichen viele Kelten vor allem aus dem heutigen Wales und von der Halbinsel Cornwall, die damals bereits das Christentum angenommen hatten, auf das kontinentale Festland aus, auf die relativ dünn besiedelte, damals „Aremorica“ genannte Halbinsel aus.

Die immer größer werdende Zahl der Einwanderer von der britischen Insel brachte nicht nur das Christentum in den von ihnen besiedelten Landstrich, sondern auch ihre keltische Sprache und Kultur. Diese begannen sich auszubreiten und nach und nach die in Nordwestfrankreich entstandenen gallorömischen Besonderheiten aufzuheben. Die „Neusiedler“, die von der Insel auf das Festland kamen, gründeten nahezu überall ihre alte Heimat im jetzigen Siedlungsgebiet neu – das verraten nicht nur der Name Bretagne – „Britannien“ (und auch im Englischen als Groß- und Klein-Britannien bezeichnet) – sondern auch zahllose Ortsnamen im Nordwesten Frankreichs, wie z.B. der Name der traditionsreichen Halbinsel Cornouaille, Teil des heutigen Départements Finistère, deren Name nichts anderes als „Cornwall“ besagt – nur in französischer Schreibweise.

So wurden schon seit dem Anfang des nachchristlichen Jahrhunderts neue Königreiche von den Einwanderern aus dem Süden Großbritanniens gegründet – als erstes wohl das Königreich Armorica vom sagenhaften ersten Herzog und König der Bretagne Conan Mériadoc – und wenige Jahrzehnte später die bretonischen Königreiche Dommonée, Vannes und Cornouaille (West-Bretagne), von dessen ersten sagenhaften König Gradlon die bekannte Sage vom Untergang der Stadt Ys berichtet (siehe unseren Beitrag „Die Legende von Ys“).

Diese an mehreren Stellen erfolgten Gründungen keltischer Königreiche schalteten im 6. Jh. den gallorömischen Einfluss nahezu völlig aus und wurden schließlich zu einem Königreich zusammengefasst. Ihre Mundarten – getrennt vom aktiven Sprachgebrauch in Cornwall und Wales, möglicherweise auch doch noch beeinflusst durch Reste des vor der Römerzeit gesprochenen keltischen Idioms – gingen eigene Wege und entwickelten sich zu einer eigenständigen keltischen Sprache, die schon wenig später als Brezhoneg bezeichnet wurde.

Zwar unterwarf der Frankenkönig Karl der Große die neu entstandene bretonische Nation 799 und verleibte große Teile davon dem Frankenreich ein, doch gelang es dem bretonischen Grafen Nominoë um 845 den König des Westfrankenreiches zu besiegen und die Bretagne zu einem unabhängigen Herrschaftsgebiet zu machen. Die Uneinigkeit seiner Nachfolger jedoch und die starke Heermacht der benachbarten Normannen brachten der Bretagne nicht nur größere Gebietsverluste, im 10. Jh. mussten die Bretonen sogar zeitweilig die Oberhoheit der Normannen anerkennen.

Dennoch wurden die Bretonen wieder unabhängig und als Herzogtum Bretagne gelang es ihnen, noch für fast 500 Jahre eine Autonomie und teilweise sogar bedeutende militärische Position gegenüber der Normandie – seit der Schlacht bei Hastings 1066 auf das engste mit dem Königreich England verbunden – und Frankreich zu behaupten.

Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…

Die Migration der keltischen Britannier auf das Festland im 6. Jh. n.Ch. - Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Britonia6hcentury.png/640px-Britonia6hcentury.png

Die bretonischen Königreiche im 9. Jh. n.Ch. - Quelle:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/27/Map_Kingdom_of_Brittany_845-867-de.svg/707px-Map_Kingdom_of_Brittany_845-867-de.svg.png

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Sie gehört zu den „Grands Sites de France“, zu den „Bedeutenden Stätten Frankreichs“. Als einzige Landschaft der Bretagne ist sie mit diesem Prädikat versehen. Sully Prudhomme setzte ihr mit seinem Gedicht „La Pointe du Raz“ ein literarisches Denkmal. Die „Pointe du Raz“ oder – wie sie auf Bretonisch heißt – „Beg ar Raz“ ist eine felsige Landzunge am Westzipfel der Bretagne und somit einer der geografisch westlichsten Punkte Frankreichs. Gleichzeitig ist dieser Ort, an dem sich die Bretagne oft von ihrer rauesten Seite zeigt, ein äußerst beliebtes Ausflugsziel mit über einer Million Besuchern pro Jahr. Und die wissen, warum sie kommen: Es gibt einen Küstenweg mit nahezu schwindelerregenden Ausblicken, wilde, ungezügelte Natur voller Legenden um Piraten, Strandräuber und Schiffbrüche, die sich nicht zufällig um die aufregende Landschaft ranken. Dazu ein modernes Besucherzentrum hinter dem großen Parkplatz, das Informationen und Souvenirs bietet – all das empfängt hier den Besucher, der sich auf einem ausgedehnten Spaziergang all das ansehen kann, was zur meistverkauften Postkartenansicht der Bretagne gehört.

Es sind mehrere landschaftlich reizvolle Teilabschnitte, die die spektakuläre Umgebung rings um die „Pointe du Raz“ gestalten. Seit den umweltschutzverträglichen Umgestaltungen der späten neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts empfängt ein informatives Besucherzentrum – etwas versteckt an der „Porte du Cap Sizun“ gelegen – mit einem großen vorgelagerten Parkplatz den Ansturm der Touristen, denn die letzen paar hundert Meter bis zur Felsenspitze müssen alle zu Fuß gehen. Das heißt, wer die urwüchsige Natur genießen und sich dem Lärm der Brandung ganz allmählich nähern möchte, der kann bis zum eigentlichen Kap-Felsen vorwandern – wer aber weniger gut zu Fuß ist, für den werden, zumindest in der Hauptsaison, Shuttlebusse vom Parkplatz zur Pointe du Raz bereitgestellt.

Auffallend am Kap ist zunächst die Statue der von Cyprien Godebski 1904 geschaffenen „Muttergottes der Schiffbrüchigen“. Sie steht vor dem „Sémaphore“, diesem maritimen Signalturm aus dem frühen 19. Jahrhundert, der heute Eigentum der Marine und nicht zu besichtigen ist – denn dessen Hauptzweck ist es immer noch, die Sicherheit der Schifffahrt zu gewährleisten. Gerade hier ist die richtige Stelle für eine solche Aufgabe, denn dort, wo sich für den Betrachter der Blick fast grenzenlos hinaus aufs Meer und über die die spektakuläre Felsenszenerie hin zur Île de Sein weitet, befindet sich eine der berüchtigtsten und tückischsten europäischen Meeresströmungen. Der „Raz de Sein“ (wobei „Raz“ für Stromschnelle oder starke Strömung steht) macht das Überwinden der Meerenge zwischen Festland und der sturm- und brandungsumtosten Île de Sein zu einem fast bei jeder Witterung höchst gefährlichen Abenteuer und alte Quellen berichten, dass sie „niemand je ohne Angst oder Schmerz passiert“ hätte.

Bei guter Sicht wandert der Blick zu mehreren Leuchttürmen. Der am weitesten entfernte – „Ar Men“ – liegt noch hinter der Insel Sein und im Nordosten erhebt sich auf einem winzigen Felseneiland der „Phare de Tévennec“. Die Einheimischen haben mit ihrer Namensgebung der zornigen Natur Rechnung getragen – „Enfer de Plogoff“ („Inferno oder Hölle von Plogoff“) nennen sie den schmalen Felsrücken, der, vom tobenden Meer seit Jahrhunderten erodiert und zernagt, durch die Strömung ins Meer hinein- und auf die Île de Sein zuläuft. Dabei heben sich einzelne Felsformationen bis 70 Meter aus dem Meer. Auf der letzten hat der eindrucksvolle Leuchtturm „La Vieille“ Platz gefunden, der zumeist recht malerisch und trotzig aus der Gischt aufragt.

Hunderte Schiffe und Fischerboote sind hier in den Jahren seit der Antike, als die Römer erste Leuchtfeuer auf den Inseln errichteten, in die Tiefe hinabgezogen oder auf den Felsen zerschmettert worden. Wenige Kilometer nördlich, nicht ganz so weit westlich in die Strömungen hineinragend, liegt die „Pointe du Van“, die nicht ganz so spektakuläre Blicke bietet. Dafür allerdings ist der Weg dorthin besonders malerisch und romantisch, bei entsprechend windigem Wetter kann er aber auch recht anstrengend sein. Dafür kommt man an der hübschen Chapelle Saint-They aus dem 15. Jahrhundert vorbei, die man hier als Ruhe- und Gebetspunkt wegen der Bucht, die sie überragt, errichtet hat. Diese wiederum liegt nördlich vom Felsvorsprung der Pointe du Raz und verbindet Letztere mit dem nächsten Kap – eben der erwähnten Pointe du Van. Der Name der Bucht sagt schon fast alles aus, denn die Bretonen nennen sie „Boe an Anaon“ (Bucht der Seelen zur Not). Aber auch ihr französischer Name ist genauso deutlich: „Baie des Trépassés“, „Bucht der Dahingeschiedenen“. Allerdings ist dieser Name, wie Etymologen herausgefunden haben, wohl weniger auf die vielen Opfer der zahlreichen Schiffbrüche, die sich hier ereigneten und die seit Jahrhunderten zur Bildung von Legenden über diesen „schrecklichen Ort“ beigetragen haben, zurückzuführen, sondern eher mit einer altenbretonischen Geschichte verbunden. Früher mündete ein Bach, der jetzt in benachbarte Sümpfe fließt, direkt in die Bucht; man benutze ihn dazu, die sterblichen Überreste der keltischen Priester, der Druiden, hierher zu befördern, damit sie auf der geheimnisvoll mit der „Unterwelt“ verbundenen Insel Sein zur letzten Ruhe gebettet werden konnten. Die Meeresbucht aber wurde damals wohl „Boe an Aon“ genannt – Bucht des Baches – und hat dann ihre leicht makabre aber doch recht eindrucksvolle Bedeutung wohl erst mit einer Umdeutung zum ähnlich klingenden „anaon“ = „Seelen in Not“ erhalten.

 

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Die Pointe du Raz in friedlicher Stimmung. Foto: Dr. Michael Krause.

 

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Brandung an der Pointe du Raz.
Foto: Gerd Thiele, 2005. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Brandung.jpg (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode).

 

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Die Statue „Notre-Dame des Naufragés“ („Muttergottes der Schiffbrüchigen“) von Cyprien Godebski (1835-1909). Pointe du Raz, Finistère.
Foto: Vassil (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons, 2007.